Kunst

Massimiliano Pironti malt Holocaust-Überlebende — Ein Stuttgarter Künstler im Auftrag von Prinz Charles

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AUTOR/IN
Silke Arning

Sieben Porträts von Holocaust-Überlebenden sind ab dem Holocaust-Gedenktag in der Queen’s Gallery im Buckingham Palace ausgestellt. Für das Kunstprojekt beauftragte Charles, Prinz von Wales, Schirmherr des National Holocaust Memorial Day Trust, sieben Künstler*innen, darunter den Stuttgarter Maler Massimiliano Pironti. Er hat auf einem Gemälde eines der „Kinder von Windermere“, Arek Hersh, eingefangen.

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Wie überlebt man ein Menschheitsverbrechen?

Das Foto auf Arek Hershs Kaminsims zeigt einen 15-jährigen Jungen. Still und ernst steht er da, die Hände ordentlich vor dem Jackett gefaltet. Im Hintergrund eine weite, leicht hügelige Landschaft. Diese Aufnahme, sagt Massimiliano Pironti, habe die Richtung seines Gemäldes vorgegeben: „In seinem Gesicht lese ich Hoffnung auf Zukunft und den Mut und den Willen, von Neuem zu leben.“

Massimiliano Pironti malt im Auftrag von HRH The Prince of Wales (Foto: Pressestelle, Massimiliano Pironti)
Der Künstler und sein Modell: Massimiliano Pironti sitzt hier rechts von Arek Hersh, der 1945 als Überlebender in eine Kinder-Aufnahmestelle nach Großbritannien kam. Pressestelle Massimiliano Pironti Bild in Detailansicht öffnen
Pironti hat auf seinem Gemälde einen ganz alltäglichen Moment eingefangen: Alek Hersh auf einem Stuhl im Esszimmer. Hinter ihm auf dem Heizungssims eine Moses-Figur und die Fotografie: der Junge aus Windermere. Jedes noch so winzige Detail ist zu erkennen. Pressestelle Massimiliano Pironti Bild in Detailansicht öffnen
Für sein fast fotorealistisches Werk musste der Künstler einige Studien anfertigen. Pressestelle Massimiliano Pironti Bild in Detailansicht öffnen
Jedes noch so kleine Detail hat er sich genau angeschaut. Pressestelle Massimiliano Pironti Bild in Detailansicht öffnen
„Den Willen, von Neuem zu leben“ hat Massimiliano Pironti in einem Bild Hershs direkt nach der Aufnahme 1945 entdeckt. In seinem Gemälde zeigt er, dass dieser bis heute ungebrochen ist. Pressestelle Massimiliano Pironti Bild in Detailansicht öffnen
Das Porträt ist Teil der Serie „Surviving the Holocaust“, die in der Queen's Gallery in London gezeigt wird. Pressestelle Massimiliano Pironti Bild in Detailansicht öffnen

Dass diese Zukunft tatsächlich Wirklichkeit geworden ist – das ist die zentrale Aussage von Pirontis Werk, weshalb auch die kleine Fotografie ihren Platz in dem Gemälde gefunden hat. Hersh ist dieser 15-jährige Junge, der im August 1945 mit einer Gruppe Jugendlicher ins britische Windermere ausgeflogen wird. 4 Jahre brutalster Überlebenskampf liegen hinter ihm. Ghetto, Konzentrationslager, Todesmarsch.

Arek Hershs Familie in Polen wurde vernichtet

80 Familienmitglieder hat er verloren, sie wurden nach Chelm gebracht, vergast und in drei Massengräbern begraben, erzählt Arek Hersh, der oft dort gewesen ist, um ein Gebet über den Gräbern zu sprechen. Das ist alles, was er tun könne, meint der Holocaust-Überlebende. Sein Porträt ist eines der insgesamt sieben Gemälde, die jetzt in einem Saal der Queen's Gallery neben alten Meistern wie Titian und Rembrandt zu sehen sind.

„Surviving the holocaust“ – dieses sehr persönliche Kunstprojekt von Prinz Charles würdigt die Geschichte der Überlebenden, ihren Mut. Es soll gleichzeitig all denen ein Denkmal setzen, die keine Zukunft mehr haben durften. Um dieser Würdigung ausreichend Platz zu geben, gab es in dieser Woche bereits eine Einladung in den Buckingham Palace. Dort sprach der britische Thronfolger den Beteiligten seinen Dank aus.

Massimiliano Pironti in seinem Atelier:

Hyperrealistische Gemälde sind Pirontis Markenzeichen

Bereits bei seinem Durchbruch auf der großen Bühne 2019 war Pironti dem Prince of Wales aufgefallen: Er hatte ein Bild von seiner Großmutter angefertigt und online gestellt. „Ich weiß, dass auch Prinz Charles dieses Bild von Oma gut gefallen hat. Dieses Bild hat den dritten Preis bei BP Portrait Award in der National Portrait Gallery gewonnen 2019“, erzählt der Maler.

Massimiliano Pironti malt im Auftrag von HRH The Prince of Wales (Foto: Pressestelle, Verena Müller)
Massimiliano Pironti Pressestelle Verena Müller

So klingelte im Oktober 2020 auf einmal das Telefon in Stuttgart. Ein Anruf aus London, eine Einladung, sich an dem Kunstprojekt „Seven Portraits. Seven Holocaust survivors“ zu beteiligen. Eine Auswahlkommission brachte letztlich den Künstler mit seinem Model zusammen, doch wegen der Pandemie fand die Annäherung zwischen den beiden fast ausschließlich online statt.

Emotion als Schlüssel zum Werk

Die Autobiografie von Arek Hersh habe ihn dabei zutiefst beeindruckt, meint Massimiliano Pironti: „In diesem Buch hat mich der Bericht seiner ersten Liebe berührt. Eine Liebesgeschichte, obwohl er doch wirklich komplett alles verloren hatte. Diese Emotion war der Schlüssel für die Konzeption des Gemäldes.“ Und so habe er ihn zeigen wollen: heiter, zufrieden, gleichzeitig in Gedanken versunken an einem ganz anderen Ort.

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Silke Arning