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Ein Widerstandsmanifest wie das weltberühmte Schwarzweißbild „Guernica“ von 1936 sucht man in der Picasso-Ausstellung der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW vergebens. Mit 70 Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen zeigt sie die subtilen Spuren der Weltkriegsjahre im Werk des Künstlers.

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6:00 Uhr
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SWR2

Während der gesamten Besatzung Frankreichs durch die Deutschen arbeitet Picasso in seinem Pariser Atelier, aber er scheint die Kriegswirklichkeit außen vor zu lassen. Er konzentriert sich auf gewohnte Sujets: Stillleben, Akte, Porträts.

„Ich habe den Krieg nicht gemalt, weil ich nicht zu der Sorte von Malern gehöre, die wie ein Fotograf etwas darzustellen versuchen. Aber ich bin sicher, dass der Krieg Eingang genommen hat in die Bilder, die ich geschaffen habe.“

Pablo Picasso, 1944

Stumpfe Farben und Grautöne

Unverkennbar allerdings, dass deren Farben stumpf und schwermütig werden. Braun-, Grau- und Grüntone sind mit Schwarz untermischt. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen besitzt ein großartiges „Stillleben mit Stierschädel“ von 1942, über dessen Blau-, Rot- und Brauntönen ein Schleier zu liegen scheint.

Pablo Picasso in der Kunstsammlung NRW (Foto: Walter Klein, Düsseldorf #K20Picasso #K20)
Walter Klein, Düsseldorf #K20Picasso #K20

Picassos Werke „riechen nach Krieg“, so sagte der deutsch-jüdische Kunstkritiker Carl Einstein noch 1939. Tatsächlich wirkt Picasso in dieser Düsseldorfer Ausstellung wie versteinert, reduziert auf ein existenzielles Vokabular, das an Deutlichkeit nicht zu übertreffen ist. 

„Das ist ein Tisch, auf dem ein bloßgelegter Stierschädel liegt, vor einem verdunkelten Fenster. Und genau dieses verdunkelte Fenster ist ein absoluter Reflex auf die Kriegszeit.“

Kathrin Beßen, Kuratorin der Ausstellung

Tiere, Tod und Teufel

„Man sieht in den Werken Picassos immer wieder Frakturen, Deformationen, bloßgelegte Schädel, Tierschädel, Totenköpfe“, erklärt Kuratorin Kathrin Beßen, „also solche Motive, die auch dem Widerhall der Kriegszeit zu entsprechen scheinen.“

Pablo Picasso in der Kunstsammlung NRW (Foto: Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Photographic Archives Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia #K20Picasso #K20)
Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019, Photographic Archives Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia #K20Picasso #K20

Zwar galt Picasso den deutschen Besatzern als „entarteter“ Künstler, aber sein Ruhm bewahrte ihn vor Deportation oder lebensbedrohlichen Schikanen. Im Übrigen hielt ein deutscher Staatskünstler, ein Bewunderer, die schützende Hand über ihn: Arno Breker.

Dessen große Retrospektive 1942 in Paris hat Picasso wohl auch gesehen, vermutet Kuratorin Kathrin Beßen, inspiriert davon sei die Skulptur „Mann mit Schaf“.

Botschafter des Pazifismus?

Der „Mann mit Schaf“ — in dieser Ausstellung nur mittels Fotografie und einiger Vorzeichnungen vertreten — ist das explizite Gegenbild zu den heroischen Kriegertypen von Arno Breker: Ein orientierungslos wirkender Mann hält ein Schaf in den Armen, als hüte er ein kleines verängstigtes Kind. Eine Botschaft des Pazifismus.

Pablo Picasso in der Kunstsammlung NRW (Foto: Achim Kukulies)
Achim Kukulies

Was die Porträts angeht, so wird Dora Maar zum Gesicht des Krieges. Als verhärmte, weinende Frau, die in ihrer Deformation irre Schreie auszustoßen scheint. Mit der Befreiung von Paris im August 1944 wird Picasso, der sich doch eigentlich ins innere Exil geflüchtet hat, plötzlich zur Symbolfigur der Befreiung.

Picasso im Ausnahmezustand

Für Beßen ist eindeutig, dass dieser Moment Picasso von einem berühmten zu einem weltbekannten Künstler machte: „Unterstützt wurde das von den Fotografien von Lee Miller, die um die Welt gingen, abgedruckt in der Vogue, in Harper's Bazar, im Life Magazine. Und amerikanische Soldaten möchten nichts lieber, wenn sie nach Paris kommen: den Eiffelturm sehen, in ein Varieté gehen und Picasso in seinem Atelier besuchen.“ 

Pablo Picasso in der Kunstsammlung NRW (Foto: bpk / RMN - Grand Palais / Michèle Bellot #K20Picasso #K20)
bpk / RMN - Grand Palais / Michèle Bellot #K20Picasso #K20

„Picasso. Kriegsjahre 1939 bis 1945“ ist eine Ausstellung, die Schauer über den Rücken jagt. Schwermütig, melancholisch, verzweifelt, von wenigen Blitzen aus Farbe, Licht und Zuversicht erhellt. Picasso im ungewöhnlich sehenswerten Ausnahmezustand.

Pablo Picasso. Kriegsjahre 1939 bis 1945. K20, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. 15.2.-14.6.

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