Paul Klee "Konstruktion des Geheimnisses" in München Im Labyrinth von Paul Klee

Am 1.3.2018 von Christian Gampert

Zehn Jahre lang war Paul Klee am staatlichen Bauhaus in Weimar tätig. Während dieser Zeit forderte er von sich "exakte Versuche im Bereich der Kunst", zur "Konstruktion des Geheimnisses". Eine große Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne zeigt, wie Klee im sachlichen Bauhaus ein geheimnisvolles Reich der Phantasie erschuf.

Klee als Fremdling am Weimarer Bauhaus

Man kann sich durchaus fragen, ob der ausgebildete Musiker, der Romantiker Paul Klee am Bauhaus überhaupt richtig war. Ob er in diese Lehre passte, die doch das Technische und Funktionale zum Prinzip erhoben hatte.

Die Wahrheit ist, dass Paul Klee es zehn Jahre lang am Bauhaus aushielt, zwischen 1920 und 30 – und dass er selbst wahrscheinlich am meisten von seiner eigenen Lehre profitierte.

Auch Klee-Fans experimentieren: eine App erzeugt eigene "Klee"-Bilder

Spieltrieb im Sachlichen

Der Zwang zur Systematik nutzte auch seinen mystischen Neigungen und seinem Spieltrieb. Die Bauhaus-Phase steht nun im Zentrum der großartigen Münchner Ausstellung.

Das pädagogische Nachdenken über Farbe und Form spiegelt sich vielfältig in Klees Werk, in Schichtaquarellen und durchgepausten Ölbildern.

Paul Klee, Ohne Titel (Todesengel), um 1940 (Foto: Pinakothek München - © Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv)
Paul Klee, Ohne Titel (Todesengel), um 1940, Öl auf Leinwand, rückseitig Kleistergrundierung, auf Keilrahmen, 51 x 66,4 cm, Privatbesitz, Schweiz, Depositum im Zentrum Paul Klee, Bern Pinakothek München - © Zentrum Paul Klee, Bern, Bildarchiv

Klees Experimente setzen sich fort in transparenten Farbabstufungen und Spritztechniken, geometrischen Mosaiken und archaischen Formen, im ständigen Wechsel zwischen Abstraktion und Figur.

Labyrinth der Werke - Labyrinth der Räume

So wie Klees Bilder oft verwinkelt und labyrinthisch sind, so zieht die Münchner Ausstellung den Besucher in ein Labyrinth von Räumen, die dann aber jeder ein klares Thema haben.

Weiterentwicklung des Frühwerke

Einmal stehen Klees Vogelmenschen und Engel im Vordergrund und belegen, wie aus der traditionellen Bildauffassung des Frühwerks sich halbabstrakte, angedeutete Figuren entwickeln. Dann wieder gibt es Mondbilder oder Stadtlandschaften als Beispiele für Klees Umgang mit Kubismus, Orphismus, Surrealismus, Konstruktivismus.

Paul Klee, Gespenst eines Genies, 1922 (Foto: Pinakothek München - © National Galleries of Scotland / Foto: Antonia Reeve)
Paul Klee, Gespenst eines Genies, 1922, Ölpause und Aquarell auf Papier, auf Karton, 50 x 35 cm, National Gallery of Modern Art, Edinburgh Pinakothek München - © National Galleries of Scotland / Foto: Antonia Reeve

Kurator Oliver Kase: "Er hat gesagt: Konstruieren ist wichtig, aber es braucht auch noch etwas anderes. Das ist Intuition, das ist Genie. Das ist Mystik. Und das sind schöpferische Kräfte des Künstlers, die er für sich in Anspruch nimmt.

Gespenst eines Genies

1922 malte Paul Klee das "Gespenst eines Genies", das heißt, er malte es nicht, er pauste die Figur auf die Leinwand durch. Man sieht einen Mann mit kleinem Körper und riesigem, schiefgelegtem Kopf, und in diesem Kopf gibt es technische Apparate, Drähte, Schienen.

Die Figur ist bestimmt von technischen Zumutungen – das war auch Klees Konflikt mit manchen Bauhaus-Theorien. In anderen Bildern wachsen den Personen dann aber ganze Ideengebäude aus dem Kopf, Buchstaben, Figuren, Häuser.

Abenteurer-Schiff mit Männchen

Ein Abenteurer-Schiff fährt bei Klee 1927 durch das nachtblaue All, ein kleines Männchen steigt auf einer Leiter hoch ins Nirgendwo, Gelehrte pflegen Umgang mit Gestirnen.

Konstruktion schlägt ins Geheimnis um

All diese Figuren wollen hoch hinaus, wollen gesellschaftliche Begrenzungen überwinden – und all diese Bilder nutzen in ihrer Farb- und Formensprache das, was Klee in seinen Vorlesungen systematisch erkundet hat. "Er wendet die Gesetze an, geht aber über die Gesetze hinaus. Das Rationale oder Konstruierte der Bilder schlägt immer in das Geheimnisvolle um".

Paul Klee, Gebirge im Winter, 1925 (Foto: Pinakothek München - © Kunstmuseum Bern)
Paul Klee, Gebirge im Winter, 1925, Pinsel und Aquarell, gespritzt, auf Kreidegrundierung auf Papier, mit Gouache und Feder eingefasst, unten Randstreifen mit Gouache und Feder, auf Karton, 25 x 35 cm, Hermann und Margrit Rupf-Stiftung, Kunstmuseum Pinakothek München - © Kunstmuseum Bern

Flucht in eine tragikomische Transzendenz

Das Abstrakte dient Klee nach dem ersten Weltkrieg und der Münchner Räterepublik dazu, sich in eine tragikomische Transzendenz zu flüchten. Mosaike und Farbfelder strukturieren bei ihm in der langen Bauhauszeit dann eine Welt, aus der meist einsame Mensch sich nur durch Humor und Poesie befreien kann.

So wie Klee selber sich dann irgendwann eingeengt fühlte und das Bauhaus verließ. Paul Klee ist, trotz der oft strengen Bildstruktur, der poetischste, verspielteste Maler der deutschen Moderne, den man in dieser wunderbaren Ausstellung nun detailliert kennenlernen kann und muss.

Seine Engel und Vogelwesen sind moderne Märchenfiguren, sie artikulieren das Bedürfnis nach einer anderen Welt.

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