Ausstellung

Neues Kunsthaus in Zürich: Umstrittenes Prestigeprojekt

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AUTOR/IN
Kathrin Hondl

Das neue Kunsthaus Zürich wird das größte Museum der Schweiz. Im Monumentalbau von Architekt David hängen Klassiker der Moderne und französische Impressionisten. Ein Prestigeprojekt, das aber auch in der Kritik steht, denn viele Werke der Sammlung stammen aus der umstrittenen Sammlung des Waffenfabrikanten Emil Bührle.

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Das größte Museum der Schweiz wird eröffnet

Am 9.10.2021 eröffnet das Kunsthaus Zürich seinen neuen Erweiterungsbau. Mit dem monumentalen Gebäude von Architekt David Chipperfield wird das Kunsthaus zum größten Museum der Schweiz.

Die neue XXL-Dimension des Kunsthauses offenbart sich gleich in der Eingangshalle, dem „Herz“ des Erweiterungsbaus: Ein riesiger Raum, monumental mit edlem Marmorboden und schlichten Betonwänden – ein heller Raum, der Offenheit signalisiert, sagt Architekt David Chipperfield.

Vor allem Privatsammlungen sind im Museum ausgestellt

Nicht nur architektonisch sind die sehr viel intimeren Ausstellungsräume in den beiden oberen Etagen ein Kontrast zur demonstrativen Öffentlichkeit der Eingangshalle. Denn es sind vor allem Privatsammlungen, die hier eingezogen sind: 

Die Sammlung Werner Merzbacher mit, unter anderem, wunderbarer fauvistischer Malerei von Matisse und Derain. Und: Ganz besonders prominent auf 1000 Quadratmetern in der zweiten Etage: die Sammlung Bührle mit Klassikern der Moderne und des französischen Impressionismus –Manet, Cézanne, Van Gogh, Monet. „Mit diesem publikumswirksamen Schwerpunkt, rangiert Zürich in Europa nun direkt hinter Paris“, jubelt es von der Homepage des Museums.

Die Bührle-Sammlungen sind überschattet von seiner Vergangenheit

„Die Sammlungen, die wir aufgenommen haben, aus Privatbesitz, passen zu den Beständen. Alle diese Sammlungen fügen sich an und um die eigene Sammlung herum an.“ Kunsthaus-Direktor Christoph Becker sagt das in einem Raum, der ihm Recht gibt.

Er ist umgeben von drei großformatigen Seerosen-Bildern von Claude Monet. Zwei besitzt das Kunsthaus schon lange, das dritte ist jetzt neu mit der Sammlung Bührle dazugekommen. Wobei auch die beiden anderen vor langer Zeit ein Geschenk des Sammlers Emil Georg Bührle waren, der bis zu seinem Tod 1956 ein großer Mäzen des Kunsthauses war.

Aber der Glanz der Kunstwerke wird überschattet von der Geschichte des Sammlers: Emil Georg Bührle, ein Deutscher, der in der Schweiz als Waffenfabrikant schwer reich wurde, unter anderem mit Lieferungen an NS-Deutschland. 

Die problematische Geschichte Bührles wird nur am Rande erwähnt

In einer seiner Fabriken schufteten Zwangsarbeiterinnen aus einem Schweizer Mädchenheim, und bei seinen Kunstkäufen profitierte Bührle auch von der Not jüdischer Sammler auf der Flucht vor den Nazis. 

Mehrere Werke der Sammlung wurden nach dem Krieg als Raubkunst identifiziert. Bührle musste sie zurückgeben und kaufte neun davon gleich wieder ein. Welche das waren, erfahren die Besucher*innen im neuen großen Kunsthaus nicht.

Informationen über die problematische Geschichte von Sammler und Sammlung finden sich, fein säuberlich getrennt von der Kunst, in einem separaten Dokumentationsraum: Mit kurzen Texten auf Wandtafeln, die ein bisschen wirken wie der Beipackzettel eines Medikaments - wie eine kleingedruckte pflichtschuldige Auflistung unerwünschter Nebenwirkungen der Sammlung des Waffenhändlers Bührle. 

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Kathrin Hondl