Ausstellung

„Moved by Schlemmer“ — die Staatsgalerie Stuttgart setzt Schlemmers Triadisches Ballett in Bewegung

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AUTOR/IN
Silke Arning

Jahrelang waren sie zum Stillstand verdammt: Oskars Schlemmers berühmte Figurinen in der Stuttgarter Staatsgalerie. Dass es sich bei seinem Triadischen Ballett nicht um Skulpturen, sondern tatsächlich um Kostüme handelt, ist vielen Besucherinnen und Besuchern nicht bewusst. 1922 wurde das Ballett in Stuttgart uraufgeführt. Zum 100-jährigen Jubiläum bringt die Ausstellung „Moved by Schlemmer“ nun ihren ganz eigenen Drive in Schlemmers Kunstwerk.

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Zeitgenössische Künstlerinnen antworten auf Oskar Schlemmers Werk

Ein gelbes Universum – von der Decke fließen bodenlange zitronengelbe Stoffbahnen, die den fast nackten Raum völlig umschließen. Eine große schwarze Kugel liegt hier, ein rosafarbenes Dreieck steht dort auf dem Boden. Ein Film, 16 Millimeter schwarz-weiß, flimmert über die Wand, der an heitere Stan Laurel- und Oliver Hardy-selige Stummfilmzeiten erinnert.

Moved by Schlemmer (Foto: SWR, Silke Arning)
Erster Akt in der gelben Stimmung Silke Arning

„Die Schwierigkeit ist natürlich schon, wenn man eingeladen wird zu einem Künstler, der sehr bekannt ist und total wichtig, dass man da eine eigene Position finden muss und eben nicht irgendwas wiederholt“, betont die Malerin und Installationskünstlerin Ulla von Brandenburg, die mit ihrer Arbeit auf den ersten Akt von Schlemmers Triadischem Ballett antwortet.

Unsere Idee war es, aus der Gegenwart auf dieses Hauptwerk der Moderne zu blicken, dass wir ins Gespräch mit zeitgenössischen Künstlerinnen kommen, dass wir uns fragen, worin besteht denn die Bedeutung heute.

Ulla von Brandenburgs Figuren werfen verwirrend witzige Schatten an die Wand

„Heiter-burlesk“ sollte die Stimmung in seinem ersten Tanzteil sein, befand Oskar Schlemmer, der selbst als musikalischer Clown auf der Bühne in Erscheinung trat. Und so werfen die geometrischen Figuren von Ulla von Brandenburg verwirrend witzige Schatten an die Wand, die gar nicht zu ihnen gehören.

Drei Akte, drei Stimmungen, drei Farben – gelb, rosa, schwarz – und drei geometrische Grundformen – was hinter Oskar Schlemmers Begeisterung für die Drei steckte, erklärt Kurator Jens-Henning Ullner: „Ihm ging es darum, dass bei der 'Drei' das Kollektiv beginnt, dass das monomane Ich überwunden ist, der dualistische Gegensatz – so hat er es formuliert und die Drei für ihn eine immanent wichtige Zahl ist.“

Kalin Lindena baut Figurinen auf Rollen, Haegue Yang gewaltige, überlebensgroße Skulpturen

Die Ausstellung folgt diesem Dreiklang. Der zweite Akt in rosa – ein Bühnenszenario mit langen Theatervorhängen, auf denen sich Schluss-Applaus und geometrische Figuren andeuten. In der Raummitte deutlich andere Figurinen, die die zweite Künstlerin Kalin Lindena geschaffen hat.

Vor vielen Jahren hat sie begonnen, Filme in ihren Ausstellungen zu drehen. Weil es aber zu wenige Schauspieler*innen gab, fing sie an, Figurinen zum Mitnehmen auf Rollen zu bauen, die in ihren Filmen „auftraten“, wie sie erklärt: „Und sobald sie Figurinen genannt werden, ist Oskar Schlemmer gar nicht weit weg.“

Moved by Schlemmer (Foto: SWR, Silke Arning)
Dritter Akt mit den gewaltigen, überlebensgroßen Skulpturen der Künstlerin Haegue Yang. Mit im Bild: die Künstlerin Kalin Lindena, die den zweiten Akt gestaltet hat. Silke Arning

Mystisch-fantastisch – für den dritten Akt harren in einem ganz in schwarz gehaltenen Raum die gewaltigen, überlebensgroßen Skulpturen der Künstlerin Haegue Yang darauf, in Bewegung versetzt zu werden: monumentale Gebilde, die mit einer Haut aus unzähligen Glöckchen überzogen sind und dadurch einen einzigartigen Klangteppich hinter sich herziehen können. Und natürlich bekommen auch die eigentlichen Stars des Triadischen Balletts, die sieben Original-Figurinen Schlemmers, in dieser Ausstellung ihren Glanzauftritt.

Schlemmers Original-Figurinen werden ausnahmsweise in Bewegung gesetzt

Normalerweise stehen Oskar Schlemmers Figurinen auf einem Podest und bewegen sich nicht. Aber für die Ausstellung hätten sie sich etwas Besonderes überlegt, sagt Kurator Jens-Henning Ullner: „Wir zeigen sie erstmals in Bewegung, diese Bühnen drehen sich jetzt bei uns und geben eine leichte Anmutung des Tanzes wieder, den die Tänzerinnen und Tänzer in diesen Kostümen gemacht haben.“

Kunst 100 Jahre Triadisches Ballett: Was HipHop-Star Max Herre mit Oskar Schlemmer verbindet

Ausstellung
„Zukunftslust“ als spektakuläres Gesamtkunstwerk - 100 Jahre Triadisches Ballett von Oskar Schlemmer
Der Raum, die Bewegung und die Bildende Kunst - Oskar Schlemmer versuchte mit seinem Triadischen Ballett die verschiedenen Künste zusammenzuführen. „Das Triadische Ballett und den eigenen schöpferischen Quell und die Selbstbestätigung und das steht für Daseins- und Zukunftslust als Wesen. Und ich find den Begriff der Zukunftslust, die aus dem Triadischen Ballett spricht, für einen schönen Begriff“ sagt Max Herre.
1922 kam das Triadische Ballett im württembergischen Landestheater zur Uraufführung. Was vielen nicht bekannt ist, der Künstler wirkte damals nicht allein, er war Teil eines ganzen Kollektivs. 1919 gründete er mit anderen die Gruppe Üecht. Dazu gehörte auch der Stuttgarter Architekt und Möbeldesigner Richard Herre. Diese fast vergessene, lebenslange innige Freundschaft zwischen Richard Herre und Oskar Schlemmer hat sein Enkel recherchiert, Hiphop-Superstar Max Herre. Er erzählt von den Briefen, die sich die beiden schickten aber auch, warum ihn die Kunst der 20er Jahre bis heute fasziniert.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

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Max Herre, Singer-Songwriter und Musikproduzent
Dr. Susanne Kaufmann-Valet, Kuratorin der Ausstellung „Moved by Schlemmer" in der Staatsgalerie Stuttgart  mehr...

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Silke Arning