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"Mixed Realities" im Kunstmuseum Stuttgart Mit der 3D-Brille ins Kunstwerk

Am 7.5.2018 von Christian Gampert

Computerspiele erschließen komplexe, künstliche Welten. Dasselbe gilt für Simulatoren für medizinische Operationen oder für die Pilotenausbildung. Kein Wunder, dass auch die Kunst das Spiel mit künstlichen Welten entdeckt. Die Ausstellung "Mixed Realities" im Stuttgarter Kunstmuseum zeigt computergenerierte Wandbilder und interaktive Kunstwerke, in die der Besucher mit 3D-Brille und Kopfhörer eintauchen kann.

Nach Piloten und Ärzten auch digital arbeitende Künstler

Besonders beruhigend ist es nicht, wenn das Flugzeug, mit dem wir nach Berlin fliegen, eigentlich von einem Computer gesteuert wird – und der Pilot nur ein Controller ist.

Es ist aber so. Unser Alltag ist weitgehend digital dominiert, und so, wie Ärzte am Computer operieren, so schaffen natürlich auch Künstler ihre Werke mit digitaler Hilfe. Mehr oder weniger.

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Ausstellung Kunstmuseum Stuttgart, bis 26.8.

Bildergalerie "Mixed Realities"

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The Swan Collective, If You Build It The Will Come, 2018

The Swan Collective, If You Build It The Will Come, 2018

Spiros Hadjidjanos, HD/VR Sculpture, 2016

Mélodie Mousset, Still »HanaHana«, 2016

li. Tim Berresheim, The Early Bird (SIGH), Traces VI, 2012; re. Daniel Steegmann Mangrané, Phantom, 2014–2015

The Swan Collective, Still »Here We Are«, 2018

Tim Berresheim, Atelier (Kohärentes Licht) Blick I, 2018

Selbst in den Weltraum fliegen

Wenn die Brasilianerin Regina Silveira computergenerierte Schattenrisse an die Wand klebt, die ein Abbild von Meret Oppenheims berühmter, pelzbesetzter, surrealistischer Kaffeetasse sind, dann ist das noch harmlos. Nur der schwarze Schatten passt oft nicht zu einem davorstehenden, realen Objekt. Das irritiert.

Nach dieser Raum-Installation geht Silveira dann einen Schritt weiter: Mit Head-Set und 3D-Brille ausgerüstet, kann der Museumsbesucher quasi körperlos in den Weltraum fliegen und dort in einen gläsernen Kubus eindringen - eine Übung für Schwindelfreie.

Eigene Wahrnehmung in einem anderen Medium abbilden

Das klingt futuristisch, ist aber, wie Kuratorin Eva-Marina Froitzheim sagt, nur die Weiterentwicklung alter Abbildungs-Techniken wie Malerei und Bildhauerei: "Es ist der alte Traum des Menschen, unsere dreidimensionale Wahrnehmung in einem anderen Medium abzubilden. Das beginnt mit der pompejanischen Wandmalerei und hat jetzt zu neuen Möglichkeiten mit VR geführt."

Tim Berresheim, The Early Bird (SIGH), Traces VI, 2012 und Daniel Steegmann Mangrané, Phantom, 2014–2015; Ausstellung: "Mixed Realities" Kunstmuseum Stuttgart, Mai 2018

li. Tim Berresheim, The Early Bird (SIGH), Traces VI, 2012 und Daniel Steegmann Mangrané, Phantom, 2014–2015; Ausstellung: "Mixed Realities" Kunstmuseum Stuttgart, Mai 2018

Der Betrachter als Teil des Kunstwerks

VR, Virtual Reality, versetzt uns in einen anderen Raum. Es ist nicht nur das räumliche Sehen, das ja schon früher mit 3D-Brillen im Kino möglich war. VR beinhaltet auch die Möglichkeit, sich selbst in diesen künstlichen Welten zu bewegen, zu handeln, sogar mit anderen in Kontakt zu treten.

Man taucht, dringt ein in die neue Welt – immersive Kunst, so Eva-Marina Froitzheim: "Immersion in der Kunst bedeutet, dass Sie Teil eines Kunstwerks sind."

Für andere Besucher zum Zombie werden

Also: gehe ich nach links, verändert sich das Bild. Schaue ich nach oben, entsteht ein anderer Blickwinkel und ein neues Werk. Meine Wahrnehmung ist dabei – auch durch Sounds - völlig abgeschottet vom realen Museumsraum. Zugleich bin ich für andere Museumsbesucher eine Art Zombie, selber ein Ausstellungsstück, das mit einem Apparat auf dem Kopf seltsame Bewegungen ausführt.

Mélodie Mousset, Still »HanaHana«, 2016; Ausstellung: "Mixed Realities" Kunstmuseum Stuttgart, Mai 2018

Mélodie Mousset, Still »HanaHana«, 2016; Ausstellung: "Mixed Realities" Kunstmuseum Stuttgart, Mai 2018 (Foto/Copyright: Mélodie Mousset)

Rote Arme wachsen auf Knopfdruck aus der Wüste

So passiert das etwa bei Mélodie Mousset, die den Zuschauer in eine Salvador-Dali-artige Wüste schickt. Auf Knopfdruck wachsen künstliche Arme aus dem Sand, die ganze Bäume bilden können. Man kann Felsen wegschießen oder in Höhlen eindringen, und irgendwann schwappt ein blutrot gefärbtes Meer an den Rand der Wüste. Und bei Daniel Steegmann Mangrané tastet man sich durch einen schwarzweiß gepixelten Zauber- und Regenwald.

Optische Überwältigung

Auffällig ist, wie oft die meist jungen Künstler auf surreale Motive zurückgreifen. Diese eignen sich offenbar besonders gut für die optische Überwältigung durch Hochleistungsrechner. Dieses Spiel mit unserer Wahrnehmung ist zeitweise faszinierend – aber man ist auch ganz froh, wenn man Brille und Kopfhörer wieder absetzt und sich der greifbaren Realität zuwendet.


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