SWR2 Wissen Mehr "Science" als "Fiction"

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Der Einfluss wissenschaftlicher Berater auf Science-Fiction-Filme

Von Guido Meyer

Dauer

Ist es möglich, wie im Film "Jurassic Park", aus versteinerter DNA Dinosaurier zu züchten? Für solche wissenschaftlichen Erklärungen greifen die Produzenten von Science-Fiction-Filmen sicherheitshalber auf Experten zurück, die mehr davon verstehen als Hollywoods Drehbuchautoren. So hat eine Botanikerin für den Film Avatar die fiktive Pflanzenwelt auf dem Mond Pandora entworfen und ein Linguist hat eine eigene Sprache für die Avatar-Wesen entwickelt. Für den Film "Interstellar" hat ein Astrophysiker die Produzenten in Sachen Schwarzes Loch und Wurmloch beraten. Ob die Filmemacher aber immer auf die wissenschaftlichen Besserwisser hören, das ist eine andere Frage. Denn sachliche Fehler, die passieren trotzdem.

"Paläo-DNS? Aus welcher Quelle? Woher kriegt man hundert-millionen-Jahre-altes Saurierblut?"

Im Film Jurassic Park werden Saurier einfach geklont. In der Realität ist das unmöglich, weil DNA-Stränge nicht länger als ein paar tausend Jahre halten. Das ist zwar lang, aber nicht lang genug. Vor 65 Millionen Jahren, am Ende der Kreide-Zeit, verschwand der letzte Dinosaurier von der Erde. Im Jahr ein-tausend-neun-hundert-neunzig unserer Zeit kehrten sie zurück – die ganze Sippschaft: Stegosaurus, Tyrannosaurus, Triceratops und wie sie alle heißen. Der amerikanische Schriftsteller Michael Crichton hatte sie in Romanform.

Modell des räuberischen Sauriers Batrachatomus in einer urzeitlichen Landschaft (Foto: Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, Pressefoto -)
So könnte der Batrachotomus ausgesehen haben Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart, Pressefoto -

Hollywood ist am Telefon!

Und so klingelte Anfang der neunziger Jahre ein Telefon in Bozeman im US-Bundesstaat Montana. Hollywood war am Apparat. Am anderen Ende der Leitung: der Paläontologe Jack Horner, Dinosaurier-Experte im Museum of the Rockies. Noch vor Erscheinen von Michael Crichtons Roman hatte sich Steven Spielberg die Filmrechte gesichert. Was er nun brauchte, war ein wissenschaftlicher Berater, der sich mit den Riesenechsen auskannte. Spielberg wollte, dass die Echsen so naturgetreu wie möglich aussehen sollten, außerdem sollten die Schauspieler die Namen korrekt aussprechen. Und so entstand – mit Jack Horners Hilfe – aus dem Buch ein Film.

Nicht alles ist belegbar

Aber es gibt ein Dilemma der wissenschaftlichen Beratung von Science-Fiction-Filmen: Was auf der Leinwand als Faktum präsentiert wird, ist es nicht, lässt sich aber auch nicht unbedingt widerlegen – manches ist einfach wissenschaftlich nicht zu belegen. Aufgabe des Consultants ist es zu entscheiden, ob solch ein Handlungsstrang möglich wäre wenn. Gäbe es Kälteschlaf und entsprechende bemannte Raumschiffe, dann könnte auch eine Szene wie in "2001 – Odyssee im Weltraum" von 1968 möglich sein, in dem Astronauten im tiefgekühlten Dauerschlaf durchs All fliegen. Der Regisseur von "2001", Stanley Kubrick, bat in den späten sechziger Jahren den britischen Physiker Freeman Dyson, eine Art Vorwort zu dem Science-Fiction-Epos zu sprechen.

Astronaut arbeitet im All an einem Parabolschirm (Foto: SWR, picture-alliance.de -)
Szene aus "2001 - Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick picture-alliance.de -

Einige der Phänomene des Films sollten vorab erklärt werden, wie die künstliche Schwerkraft an Bord einer sich drehenden Raumstation und die mangelnden Soundeffekte im offenen Weltraum. Dyson sagte zu und zeichnete seine wissenschaftliche Einführung vor Kameras auf. Kubrick entschied sich später, sie doch nicht zu verwenden. Und so blieben viele Szenen unklar; mehr Kunst als Wissenschaft. Kubrick hatte sich von dem amerikanischen Astrophysiker Carl Sagan und von Frederick Ordway wissenschaftlich beraten lassen, der zuvor bei der US-Raumfahrtbehörde NASA gearbeitet hatte. Beide sind mittlerweile verstorben. Freeman Dyson wurde erst hinzugezogen, als der Film bereits fertig war.

Physik auf der Leinwand

"2001" wurde trotz der wissenschaftlichen Lücken zu einem Klassiker, dem weitere Fime dieses Genres folgten, von "Das Schwarze Loch" über "Alien" bis hin zu den "Star Wars"-Episoden. Vor allem letztere hatten mit Wissenschaft, mit kosmologischen oder astrobiologischen Phänomenen, nichts mehr zu tun. Aber im vergangenen Jahr besann sich Hollywood wieder auf die "Science" in Science-Fiction-Filmen – mit "Interstellar".

Jonathan Nolan, der Drehbuchautor von "Interstellar", suchte nach einem Hinweis auf die fünfte Dimension. Der theoretische Physiker Kip Thorne erinnerte sich mich an seine frühen Forschungen zu diesem Thema – und baute als wissenschaftlicher Berater eine Szene in den Film ein, in dem die fünfte Dimension auf unser einwirkt. Die Theorie, die hinter dieser Szene steht, entspricht heute gültigen Modellen in der Kosmologie und in der Stringtheorie.

zwei Astronauten sehen erschrocken drein (Foto: SWR, picture-alliance.de  -)
In "Interstellar" begeben sich Wissenschaftler auf eine Reise durch Zeit und Raum - mittels Wurmlöcher picture-alliance.de -

Sollte es parallele Welten oder höhere Dimensionen neben den uns bekannten geben, würde sich die Schwerkraft dimensionsübergreifend bemerkbar machen. Im Tesseract, einer Art höher-dimensionalen Würfel, verhält sich die Zeit wie der Raum, bekommt also ebenfalls mehrere Richtungen – neben dem uns bekannten "Vor" auch ein "Zurück" und "Seitwärts". In "Interstellar" sollen bemannte Raumschiffe eine Entfernung zurücklegen, die die Menschheit in Wirklichkeit noch nicht einmal bruckstückweise bewältigt hat. Astronauten haben es gerade einmal bis zum Mond geschafft, noch nie zu einem anderen Planeten - und schon gar nicht hinaus aus unserem Planetensystem. Auch ein Science-Fiction-Film bliebe ohne wissenschaftliche Erklärungen für solch lichtjahreweiten Reisen unglaubwürdig. Also lieferte Kip Thorne den theoretischen Unterbau. Der Amerikaner arbeitet am CalTech, dem California Institute of Technology in Pasadena. Eigentlich ist er seit 2009 emeritiert. Dennoch ist er fast täglich dort, hatte aber in den vergangenen beiden Jahren Zeit, sich den physikalischen Problemen des Films zu widmen.

Nicht alles stimmt

"Stimmt das?" So oder so ähnlich lauteten die Fragen, die das Produktionsteam der drei "Jurassic-Park"-Filme dem Paläontologen  Jack Horner gestellt hat. Gab er grünes Licht, konnte die Szene gedreht werden. Aber auch der Rat des Fachmanns schützt vor Fehlern nicht. Beim Erscheinen des ersten Films, 1993, gingen Paläontologen zum Beispiel noch davon aus, dass Raptoren aussahen wie Echsen auf zwei Beinen. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, ist die Wissenschaftswelt klüger und man weiß, dass Raptoren Federn hatten. Außerdem konnten die Dinos im Film brüllen – echte Saurier haben wohl nicht mehr als ein Fauchen zu Stande gebracht.

Filme wie "Jurassic Park", "Interstellar", "Avatar" oder "2001 – Odyssee im Weltraum" kommen bewusst wissenschaftlich daher. Dafür tun sie einiges, nicht zuletzt durch den Faktencheck durch wissenschaftliche Berater, durch Paläontologen, Astrophysiker, Linguisten oder Botaniker. Dass bestimmte Details richtig wiedergegeben sind, fällt dem breiten Publikum jedoch meist gar nicht auf. Wissenschaftliche Korrektheit wird nur von Wissenschaftlern gewürdigt. Entsprechend sind sie es auch, die sich zuerst auf Fehlersuche begeben. Das Internet mit seinen Foren bietet dazu heute eine Fülle an Gelegenheiten. Was nicht stimmt, wird gnadenlos angeprangert. 

grafische darstellung des Planeten Saturn mit Ringen und Monden (Foto: SWR, picture-alliance.de -)
Künstliche Filmwelten sollen sich so eng wie möglich an echten Erkenntnissen orientieren picture-alliance.de -

Viel Fiction, aber mit Science

In diesen Tagen kommt – nach einer 14-jährigen Pause – der vierte Teil des Dino-Epos‘ in die Kinos: "Jurassic World". Wieder war der Paläontologe Jack Horner der wissenschaftliche Berater – diesmal mit erweitertem Aufgabenfeld: Statt den einen oder anderen Dinosaurier für den Film auszuwählen, sollte er mal eben einen ganz neuen schaffen und dachte sich ein besonders gefährliches Mischwesen aus. Schon vor der Premiere gibt es wissenschaftliche Kritik: der Kopf des Brachiosaurus sei doppelt so groß wie er wirklich war, und eine neue Spezies, der krokodilähnliche Mosasaurus, werde ebenfalls viel zu groß dargestellt. Obschon nur sein Kopf und Hals zu sehen sind, müsste er gemäß diesen Proportionen das größte Tier gewesen sein, dass es je auf der Erde gab - war er aber nicht. Jack Horner nimmt das gelassen hin. Natürlich sei nicht alles wissenschaftlich exakt, aber man müsse sich vor Augen führen, dass in den "Jurassic Park"-Filmen mehr Wissenschaft gezeigt werde als in anderen Science-Fiction-Produktionen.

Quellenhinweis:

Die Zitate und Ausschnitte stammen aus den Filmen "Jurassic Park", "2001: Odyssee im Weltraum" und "Interstellar".
Die DVDs und Blu-rays zu den ersten drei Jurassic-Park-Filmen sind bei Universal Pictures erschienen.
"2001: Odyssee im Weltraum" und "Interstellar" sind bei Warner Bros. erschienen.

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