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Ausstellung im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien Markus Lüpertz - "Kunst, die im Wege steht"

Kulturthema am 28.4.2017 von Johannes Halder

Es liegt ein morbider Hauch über der Retrospektive von Markus Lüpertz im Karlsruher Zentrum Kunst und Medien, so Kunstkritiker Johannes Halder. Das liegt zum Teil an dem mächtigen Totentanz-Relief aus Terrakotta und einem Wandbild für ein Krematorium. Lüpertz schwankt in seinem Werk zwischen Pathos und Mythos, seine Skulpturen sind schräge Schönheiten mit ungelenken Proportionen. Er orientiert sich stark an der antiken Mythologie, denn, so Lüpertz: "Die kulturelle Heimat Europas ist die Antike." In seinem frühen Werk arbeitete er die deutsche Geschichte auf. Was damals verstörte, ist heute beeindruckend, so Johannes Halder. Beeindruckend wie die ganze Karlsruher Schau.

Es ist ja nicht gerade so, als ob die Kunst von Markus Lüpertz besonders anstößig wäre. Man stolpert allenfalls über den koketten Titel der Schau. "Kunst, die im Wege steht", so hieß ein Manifest des Malers von 1966, und damals eckte seine Kunst tatsächlich an

Aufarbeitung der deutschen Geschichte

Sogenannte "deutsche Motive" fanden sich damals auf seinen Bildern: Stahlhelme, Ähren, Äxte, Erdhügel, Eisenbahnschienen, grob gemalt mit ungeschlachtem Pinselschwung, meist in Tarnfarben und stets maßlos sperrigen Formaten. Eine Aufarbeitung der deutschen Geschichte mit Mitteln der Malerei, die allgemein verstörte. Dazu Markus Lüpertz:

"Mich hat das ja gar nicht so politisch interessiert. Sondern es war einfach ein Zeitphänomen. Ich bin ja kein politischer Maler, kein pädagogischer Maler, sondern ein atmosphärischer Maler. Darüber hinaus ist der Künstler ja nur der Maler der Gegenstände. Aber die Geschichten der Gegenstände, dafür sind die Gegenstände verantwortlich. Der Stahlhelm erzählt eine Geschichte, nicht ich."

"Hütet euch vor meinen Bildern!"

Die Karlsruher Schau streift diese Phase eigentlich nur kurz. Dafür gibt es "5 Bilder über den Faschismus" von 1980, sehr düster und deutlich an Picasso orientiert. Dazu einen 33-teiligen "Dädalus"-Zyklus von 2002, die triste Parabel vom Scheitern eines Helden, der buchstäblich jede Menge Federn lässt.

"Hütet euch vor meinen Bildern", so warnte Lüpertz schon 1973 sein Publikum. "Hängt sie ab / dreht sie mit dem Gesicht zur Wand / bedauert die Wand / aber ich bitte euch, lasst mich leben."

Nein, man muss die Wände nicht bedauern, und Lüpertz lebt trotz manchen Widerstands gewiss nicht schlecht von seiner Kunst. Und dass er sich in seinem Werk so intensiv mit antiker Mythologie beschäftigt, hat einen Grund, wie er erzählt:

"Es ist eigentlich ein Bildungsproblem. Wissen Sie, ich bin – wie soll ich sagen – ein Barbar, was die Bildung betrifft. Ich habe nie irgendeine Schule gehabt, zu Ende geführt oder gelernt, ich hab das alles mir selbst erobert und ich halte mich heute für einen hochgebildeten Menschen, weil ich sehr viel gelesen habe, mich sehr viel darum gekümmert habe. Die kulturelle Heimat Europas ist die Antike. Und das ist einfach, wie soll ich sagen, Künstleralltag. Ich finde das nicht so ungewöhnlich."

Großspuriger Lebemann und ehrlicher Malocher

Lüpertz, der sich ja gerne als Genie in Szene setzt, misst sich auch an Größen wie Beckmann – ein vom eigenen Ruhm berauschter Titan, der trunken schwankt zwischen barockem Überschwang und expressiver Wildheit, zwischen Pathos und Mythos. Einen "etwas aus der Zeit gefallenen Schausteller" nennt ihn Götz Adriani in seinem bemerkenswert kritischen Katalogtext.

Lüpertz ist ein kreativer Kraftmeier, der seine Kostümrolle mühelos wechselt vom großspurigen Lebemann im Gehrock zum ehrlichen Malocher im Atelier. Seine Skulpturen sind schräge Schönheiten mit krustigen Oberflächen und ungelenken Proportionen. Blickfang der Schau ist sein "Merkur" aus hellgrauem Steinguss, der riesige Körper in Fragmente zerlegt, in Kopf und Rumpf und Gliedmaßen. Melancholisch und verloren lagern sie auf Paletten und hölzernen Podesten, aufgebahrt wie antike Funde.

Es liegt überhaupt ein merkwürdig morbider Hauch über der ganzen Schau. Das liegt auch an einem mächtigen, 5-teiligen Totentanz-Relief aus Terrakotta mit seinen Totenköpfen und Gerippen und an dem Karton eines Wandbilds für das Krematorium Ruhleben in Berlin, 14 Meter lang, 8 Meter hoch, mit Motiven wie Stahlhelm, Spaten oder Ähren. Das ist wenig tröstlich, aber beeindruckend wie die ganze Schau.

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