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Marina Abramović-Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen: Ein Sensationscoup

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Sie wird wie ein Popstar gefeiert: Mit ihren extremen Positionen hat sich die serbische Performance-Ikone Marina Abramović zu einer Weltkünstlerin gemacht. Eine Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle zeigt nun die spirituellen Aspekte im Werk von Martina Abramović.

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Der Kunsthalle in Tübingen gelingt mit der Ausstellung ein Sensationscoup

Man hätte eine Ausstellung mit Werken zu Marina Abramović in Berlin oder zumindest in Frankfurt erwartet. Aber nein: Nun ist ausgerechnet der kleinen Kunsthalle in Tübingen dieser Sensationscoup gelungen. Jenes Selbst / Unser Selbstheißt die Schau, die ab den 24. Juli 2021 zu sehen ist.

Für ihre Aktion „The Artist Is Present“ im New Yorker MoMa standen 700.000 Menschen Schlange, nur um der Künstlerin in die Augen schauen zu können. Eine hoch spannende Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle zeigt nun die spirituellen Aspekte im Werk von Martina Abramović.

Tübingen ist für Marina Abramović eine Erinnerung ans Überleben

Nach einer Anfrage an das Büro der Künstlerin stellte sich heraus, dass Marina Abramovic früher schon sehr oft in Tübingen gewesen war. Damals in den 70er Jahren, als sie noch mit Lebens- und Arbeitspartner Ulay im uralten VW-Bus durch die Lande zog. Da fanden die Beiden Unterschlupf bei der Tübinger Galeristin Ingrid Dacic.

Das sei für sie ein ganz wichtiger Halt gewesen, erinnert sich Marina Abramović: „Da hatten wir ein warmes Frühstück, ein warmes Mittagessen, ein warmes Abendessen. Und einen Platz zum Schlafen. Außerdem haben die Sammler unsere Arbeit angekauft. Das war wahnsinnig wichtig für unsere Existenz. Die Erinnerung an Tübingen ist für mich daher eine Erinnerung ans Überleben.“

Marina Abramović: Portrait with White Lamb, Aus der Serie Back to Simplicity, Farbpigmentdruck, 2010 (Foto: © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy of the Marina Abramović Archives)
Marina Abramović: Portrait with White Lamb, Aus der Serie Back to Simplicity, Farbpigmentdruck, 2010 © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy of the Marina Abramović Archives Bild in Detailansicht öffnen
Marina Abramović: Spirit House - Dissolution, Video, Amsterdam, 1997 © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Courtesy of the Marina Abramović Archives Bild in Detailansicht öffnen
Marina Abramović, 2019, Film-Still aus Body of Truth © Indi Film, Für die Werke von Marina Abramović gilt: © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 202, Courtesy of the Marina Abramović Archives Bild in Detailansicht öffnen
Marina Abramović: Boat Emptying, Stream Entering 2, Video, 2001 © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 202, Courtesy of the Marina Abramović Archives Bild in Detailansicht öffnen
Marina Abramović: The Kitchen V, Carrying the Milk, aus der Serie The Kitchen, Homage to Saint Teresa, Videoinstallation, 2009 © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy of the Marina Abramović Archives Bild in Detailansicht öffnen
Marina Abramović: Vanitas, aus der Serie The Kitchen, Homage to Saint Teresa, Videoinstallation, 2009 © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy of the Marina Abramović Archives Bild in Detailansicht öffnen
Marina Abramović: Levitation of Saint Teresa, aus der Serie The Kitchen, Homage to Saint Teresa, Videoinstallation 2009 © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Courtesy of the Marina Abramović Archives Bild in Detailansicht öffnen
Marina Abramović: The Life, Mixed Reality Performance 2019 © Marina Abramović, Courtesy of the Marina Abramović Archives and Tin Drum, Inc Für die Werke von Marina Abramović gilt: © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Courtesy of the Marina Abramović Archives and Tin Drum, Inc Bild in Detailansicht öffnen
Marina Abramović: The Life, Mixed Reality Performance, 2019 © Marina Abramović Courtesy of the Marina Abramović Archives and Tin Drum, Inc Für die Werke von Marina Abramović gilt: © Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Courtesy of the Marina Abramović Archives and Tin Drum, Inc Bild in Detailansicht öffnen

Harte und gefährliche Auftritte zeichneten das Künstlerduo Abramovic/Ulay aus

Schmerz als Performance – mit schnellen Peitschenhieben traktiert Marina Abramović ihren Rücken. Schon die Betrachtung dieses Films ist schwer erträglich. Es sind extrem harte und extrem gefährliche Auftritte, mit dem das Duo Abramović/Ulay in den frühen Künstlerjahren für Wirbel sorgt.

Marina Abramovic (Foto: SWR, Silke Arning)
„That self“ in der Rekonstruktion für die Tübinger Ausstellung. Silke Arning

„Risikobereitschaft, keine Probe, kein vorhergesagtes Ende, keine Wiederholung“, lautet ihre Ansage. Beispiel dafür ist die Arbeit „That self“, vier Videos, die für die Tübinger Ausstellung rekonstruiert wurden.

Auf der großen Leinwand sieht man das Künstlerpaar, das sich gegenübersteht. Sie hält einen Bogen, er spannt die Sehne und zielt mit dem Pfeil auf das Herz der Partnerin. Mikrofone geben den beschleunigten Herzschlag der beiden wieder.

Die Ausstellung verwendet Archivmaterial und Videodokumentationen

Die künstlerische Suche nach einem anderen Selbst – die Tübinger Ausstellung zeigt keine direkten Performances, sondern verwendet Archivmaterial und Videodokumentationen, um den spirituellen Aspekten, den Inspirationsquellen im Gesamtwerk der Künstlerin nachzugehen.

Und das hat zwei Seiten: Extrem, radikal, autoaggressiv – mit diesen Zuschreibungen wird Marina Abramović zum Weltstar der Performance-Kunst. Entschleunigung, Reduzierung, Stillstand kennzeichnen die Arbeiten seit den 1990er Jahren.

Marina Abramović (Foto: SWR, Silke Arning)
Den Geist leeren, gegenwärtig sein – Marina Abramović will das Publikum auf ihre meditative Entdeckungsreise mitnehmen. Silke Arning

Es hat etwas von Esoterik-Kitsch, wenn Marina Abramowic auf einer Art Himmelbettgestell in einer Steinwüste liegt. Doch zugleich ist man fasziniert von dem gewaltigen Wolkenszenario, das die Künstlerin an diesem Ort zu umströmen scheint.

Mit Abramovics Kunst kann man seine Probleme haben

Zwei Badewannen gefüllt Kamillenblüten stehen im Raum – Einladung zur Entschleunigung. Coronabedingt geht das leider nicht so wie geplant, meint die Leiterin der Tübinger Kunsthalle Nicole Fritz: „Ursprünglich war es so vorbereitet, dass man sich da hineinlegt. Dass man sich der Kleider entledigt im Museumsraum und sich in dieses Kamillenbad legt.“

Marina Abramović in der Kunsthalle Tübingen: Kupferwannen mit Kamillenblüten (Foto: SWR, Silke Arning)
Ausstellungsansicht - Im Vordergrund zwei Kupferwannen mit Kamillenblüten, dahinter Video von Marina Abramović - Boat Emptying, Stream Entering 2. Silke Arning

Mit dieser Kunst eines Weltstars kann man jedoch seine Probleme haben. Hoch spannend ist die Abramovic Ausstellung in Tübingen, zugleich irritierend und in Teilen sicher verstörend. Kinder und Jugendliche unter 16 haben nur in Begleitung ihrer Eltern Zutritt.

Nicole Fritz, Direktorin der Tübinger Kunsthalle zur Marina Abramović Ausstellung

Zeitgenossen Nicole Fritz, Direktorin der Tübinger Kunsthalle: „Das Marina Abramović -Projekt ist mein Herzenswunsch“.

Nicole Fritz ist ein Glück für den Südwesten. Nun ist sie auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. In der Kunsthalle Tübingen zeigt sie eine Ausstellung der Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die in enger Zusammenarbeit mit ihrem Atelier entstanden ist.  mehr...

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Forum Radikale Selbstinszenierung – Die Performance-Ikone Marina Abramović

Silke Arning diskutiert mit
Dr. Nicole Fritz, Leiterin der Tübinger Kunsthalle
Prof. Dr. Hans Dieter Huber, Berliner Kunstwissenschaftler
Catrin Lorch, Kulturjournalistin „Süddeutsche Zeitung"  mehr...

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