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Ausstellung "Requiem für die Norm" von Lorenza Böttner

Von Silke Arning

Lorenza Böttner ist eine Künstlerin ohne Arme. Unter dem Eindruck, als Behinderte abgestempelt zu werden, schuf sie bis zu ihrem frühen Tod 1994 ein umfangreiches Werk, das 2017 auf der documenta vertreten war. Der Württembergische Kunstverein in Stuttgart zeigt mit "Requiem für die Norm" erstmals eine repräsentative Ausstellung mit rund 200 Werken einer Künstlerin, die es verdient, posthum entdeckt zu werden.

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Ausstellung

Lorenza Böttner "Requiem für die Norm"

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Ihr ganzes Leben hat sich die Künstlerin Lorenza Böttner dem angeblich „Normalen“ widersetzt. Geboren 1959 als Ernst Lorenz Böttner, verlor der erst achtjährige Junge bei einem Unfall beide Arme. Er wurde daraufhin in diversen Reha-Zentren zusammen mit sogenannten „Contergan-Kindern“ behandelt. Die Erfahrung, als „Behinderter“ abgestempelt und ausgegrenzt zu werden, führte schließlich dazu, dass er sich ganz auf seine künstlerische Arbeit konzentrierte.

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Face Art, 1983, Schwarzweiß-Fotografie.

Ihr ganzes Leben hat sich die Künstlerin Lorenza Böttner dem angeblich „Normalen“ widersetzt. Geboren 1959 als Ernst Lorenz Böttner, verlor der erst achtjährige Junge bei einem Unfall beide Arme. Er wurde daraufhin in diversen Reha-Zentren zusammen mit sogenannten „Contergan-Kindern“ behandelt. Die Erfahrung, als „Behinderter“ abgestempelt und ausgegrenzt zu werden, führte schließlich dazu, dass er sich ganz auf seine künstlerische Arbeit konzentrierte.

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Face Art, 1983, Schwarzweiß-Fotografie.

Schon das erste Bild, das die Besucher empfängt, gleicht einem Statement: Lorenza – das ist mehr als eine. Denn das große Selbstporträt aus Pastell zeigt drei Identitäten: eine armlose Lorenza als Frau im Kleid, als Mann im Anzug und eine Lorenza, die als Künstlerin ein ganz eigenes Selbst konstruiert hat. Aber keines, das sich auf ein Geschlecht oder auf irgendeine Norm festlegen lässt.

Es ist ein Abgesang an das Normierte, meint Iris Dressler, Direktorin des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart: „Das ist eine ganz klare Absage an den normierten Körper. Das ist ein Feiern des anderen Körpers, dem ja auch in der Institutionalisierung von Behinderung nie so etwas wie Sexualität zugestanden wird. Das ist ein einziges Feiern dieses Körpers, dass der begehrenswert ist und selber begehrt.“

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Ohne Titel, Pastell auf Papier, 1980.

Lorenza Böttner, der nach einem Unfall als Kind beide Arme amputiert werden mussten, hat es nach zahlreichen schmerzhaften Operationen abgelehnt, Prothesen zu tragen oder sich weiter behandeln zu lassen. Ganz kompromisslos entschied sie sich damals, ihren Körper so zu nehmen und zu mögen, wie er war, und ist bis zu ihrem frühen Tod selbstbewusst ihren Weg gegangen. Das hieß: Ballett, Jazz, Stepptanz, Fußmalerei.

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Ohne Titel, 1983, Schwarzweiß-Fotografie.

Nur in dieser Zusammenschau wird ihr Werk verständlich. Beeindruckend eine gigantische Pastellarbeit, ein frühes Porträt, mehr als fünf Meter hoch, das sogar die Ausstellungshalle sprengt. Iris Dressler: „Wenn man näher rangeht, sieht man das. Das hat eine unglaubliche Intensität und Präsenz. Das ist eben auch ihr Porträt. Und man sieht, dass das mit Fußabdrücken gemalt worden ist.“

Mehrere Schwarzweiß-Fotos in der Ausstellung zeigen die Arbeitsweise von Lorenza Böttner, die viele ihrer Pastelle in der Öffentlichkeit angefertigt hat.

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Ohne Titel, 1982, Schwarzweiß-Fotografie.

Kunst als Performance und mit einer gehörigen Portion Provokation, wie eine Art Madonnen-Selbstporträt zeigt, auf dem Lorenza ein Baby mit einer Milchflasche stillt.

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Ohne Titel, Pastell auf Papier, 1986.

Es handle sich eben um Street-Art mit einem auch politischem Anspruch, betont Iris Dressler: "Mit Sicherheit ist sie in den 80er Jahren einer der Figuren, die ganz wichtig sind für ein anderes Selbstverständnis, sowohl als Transgender-Mensch als auch als sogenannter Behinderter. Und das hat sie auch in ihrer Kunst ausgedrückt. Das gilt es jetzt kunsthistorisch zu verankern."

Lorenza Böttner, Ohne Titel, 1982, schwarz-weiß Fotografie.

In Bezug auf solche Wahrnehmungen gebe es noch eine Lücke, so Iris Dressler: "Das könnte der Anfangspunkt dafür sein, eben nicht nur zu sagen: Naja, die konnte auch malen, obwohl sie keine Hände hat - oh, wie toll. Vielmehr gibt es eine ganz klare politische Agenda hinter diesem Werk. Und das macht es auch so spannend und so besonders."

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Ohne Titel, 1980, Acryl auf Leinwand.

Eine andere Fotoserie beschreibt die ständige Neukonstruktion, das Sich-Auflösen und Neuerfinden Lorenza Böttners. Eine Galerie von Bildern, auf denen das Gesicht der Künstlerin zur Leinwand wird: Masken, die weder Frau noch Mann definieren, die an Tiere und Tarnfarben erinnern, an Stammesbemalungen. Ein Spiel mit Identitäten bis zur völligen Auflösung.

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Ohne Titel, Fotografie.

Iris Dressler: "Es hat sich herausgestellt, dass die Mutter das Gros des Werks über 30 Jahre im Keller gelagert hat. Insofern ist das für uns ein ganz ungewöhnliches Ausstellungsprojekt. Es gibt überhaupt keine gesicherten Grundlagen. Wir haben hier wirklich Schatzkiste nach Schatzkiste ausgepackt und geschaut, was es da eigentlich gibt. Und insofern ist es auch für uns ein ganz großer Augenblick."

Lorenza Böttner, Ohne Titel, 1985, Pastellfarbe auf Papier.

Es ist eine besondere Ausstellung einer besonderen Künstlerin. Sie ist eine echte Entdeckung, zumal die Werke von Lorenza Böttner seit ihrem Tod unter Verschluss lagen.

Auf dem Bild: Lorenza Böttner, Ohne Titel, 1985, Polaroid.

3:21 min | Fr, 22.2.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Ausstellung

"Requiem für die Norm" von Lorenza Böttner

Silke Arning

Die 1994 verstorbene Lorenza Böttner war eine Künstlerin ohne Arme, deren Werk im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart erstmals in einer großen Ausstellung gezeigt wird.


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