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Kuba ist mehr als Buena Vista Social Club, Hemingway und Che Guevara: Der Inselstaat hat auch eine aktive Kunstszene. Die Opelvillen in Rüsselsheim zeigen nun zum ersten Mal seit 1990 in Deutschland wieder eine breitangelegte Schau von Werken zeitgenössischer kubanischer Künstler*innen.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

Meereswellen branden an den Strand und im gleichen Takt hören wir jemanden atmen: Die Künstlerin Glenda León stimmt ein mit ihrem Video auf ein Land im Umbruch, in dem das Meer, nicht nur als Metapher eine große Rolle spielt. Auch in Juan Carlos Alom Porträtreihe „Born to be free“, mit dem Bild des alten Tauchers, wird die Bedeutung des Meeres auf der Karibikinsel fast greifbar.

Der Kollaps des Sozialismus in der Kunst

Kuba ist abgeschnitten vom kapitalistischen Reichtum, es ist isoliert durch den Sozialismus und die Insellage, das Wasser verhindert die Flucht ins gelobte Land, die USA. Themen, die die Künstler immer wieder in Szene setzen, erzählt Kuratorin Beate Kemfert über ihre Besuche in den Ateliers vor Ort.

„Der erste große Kollaps kam mit der Wende ’89, dem Fall der Berliner Mauer. 1990/91 war der Zusammenbruch der Sowjetunion, was Kuba vom Erdöl abschnitt und das Land in eine sehr starke Krise brachte“, so Kemfert, „Kuba war der größte Zuckerlieferant während der Sowjetzeit, aber keiner wollte den Zucker mehr. Der Künstler Ricardo Elias zeigt in seiner Serie „Getrocknetes Gold“ die Ruinen dieser großen Zuckerfabriken und dazu stellt er Porträts der Arbeiter, die damals dort tätig waren.“

„Liebesgrüße aus Havanna. Zeitgenössische Kunst im internationalen Kontext“ (Foto: Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim / Ricardo G. Elías)
Ricardo G. Elías, 305-I, aus der Serie Dry Gold (GetrocknetesGold), 2005–2009 Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim / Ricardo G. Elías

Zwei Seiten der kubanischen Kunst

Viele junge Maler, Bildhauer und Videokünstler greifen heute politische, soziale und Wirtschafts-Themen auf. Aber diese Ausstellung in Rüsselsheim ist nur ein Teil der Wahrheit – gleichzeitig gibt es in Kuba nämlich auch heute angepasste, traditionelle, bunte Volkskunst.

Ernesto Oroza gehört zu den jungen kritischen Künstlern. Er hat sich ein Archiv des „Technischen Ungehorsams“ angelegt. Ausrangierte, defekte Telefone, Ventilatoren und Fahrräder kombiniert er zu neuen absurden Objekten, die zeigen wie die Kubaner in vielen Situationen improvisieren müssen.

„Liebesgrüße aus Havanna. Zeitgenössische Kunst im internationalen Kontext“ (Foto: Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim / Carlos Quintana)
Carlos Quintana, Reflejos en el agua, 2006. Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim / Carlos Quintana

Regimekritik als Kunstobjekt

Das Video „Generación“ von Marco Castillo zeigt eine Zusammenkunft junger Leute in einem abgelegenen Haus, die dann kollektiven Selbstmord begehen, indem sie vom Dach springen. Es steht für die vielen Intellektuellen, die im Castro-Regime abgehört, zensiert und mundtot gemacht wurden.

„Liebesgrüße aus Havanna. Zeitgenössische Kunst im internationalen Kontext“ (Foto: Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim / Courtesy of the artist and KOW, Berlin, Madrid)
Marco Castillo, Still aus dem Film Generación, 2019. Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim / Courtesy of the artist and KOW, Berlin, Madrid

Andere Werke setzen sich mit dem sozialistischen Bruderstaat DDR auseinander.

„In der Installation ‚Druschba‘ von Tonel etwa steht neben Fidel Castro Erich Honecker — zwei beste Freunde.“

Beate Kemfert, Kuratorin der Ausstellung

Egal ob es um verlassene Architekturen, Scherenschnitte mit Maschinenpistolen, um inszenierte Wirklichkeiten oder um modernen Körperkult geht – aktuelle kubanische Kunst ist immer sehr direkt, aber gleichzeitig poetisch, drastisch und melancholisch. Die Künstler entwerfen Bilder von einer zerrissenen Welt zwischen Fidel Castro und einer ungewissen Zukunft.

„Liebesgrüße aus Havanna. Zeitgenössische Kunst im internationalen Kontext“ (Foto: Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim / Marta María Pérez Bravo)
Marta María Pérez Bravo, Tres coronas II, 2002. Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim / Marta María Pérez Bravo

Liebesgrüße aus Havanna. Zeitgenössische kubanische Kunst im internationalen Kontext. Opelvillen Rüsselsheim, 12.2.-14.6.

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