Ausstellung

„Lichtkunst“ in der Kunsthalle Messmer: „Die Kunst als letztes ausschalten“

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AUTOR/IN
Philine Sauvageot

Strom ist in der Energiekrise zum Politikum und Stromsparen zur Bürgerpflicht geworden. Vom Pionier François Morellet bis zur Amerikanerin Betty Rieckmann, die heute in Karlsruhe lebt: Beim Rundgang durch „Lichtkunst“ in der Kunsthalle Messmer erkennt man, wie schade es wäre, dieser Kunst den Stecker zu ziehen.

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Pulsierende Neonröhren

Es surrt in der Kunsthalle, man hört den Strom förmlich durch die Leitung fließen, die Neonröhren pulsieren besonders laut.

Die Kuratorin Jaana Klumpp führt in einen begehbaren Lichtraum von Margaret Marquardt aus Zürich, eine Konstruktion mit verspiegelten Alu-Platten:

„Da findet man sich selbst gespiegelt und vom Licht und der Spiegelung irregeführt, man weiß gar nicht mehr wo man ist, also fühlt man sich so unendlich und frei.“

LichtKunst - internationale Künstler*innen der Lichtkunstszene (Foto: Pressestelle, Marquardt)
Marquardt: Boundless Space 2021 Pressestelle Marquardt

Warum Lichtkunst während einer Energiekrise?

Warum mitten in der Energiekrise Kunst ausstellen, die mit elektrischem Strom arbeitet? In einer Zeit, in der Stromsparen zur Bürgerpflicht erhoben wurde?

„Wir kommen jetzt in eine kalte dunkle Jahreszeit, das war der Grund, dass wir gesagt haben, dann bringen wir Licht in die dunkle Jahreszeit… Da werden wir auch Kritik kriegen, denke ich. Aber man muss an etwas noch Freude haben.“ findet der Museumsgründer Jürgen Messmer, der die Diskussion um die Lichtkunst dennoch versteht. Darauf zuerst zu schauen, sei sogar richtig.

„… weil irgendwo muss man ja anfangen. Und ich denke, dass wir das hier genau vorleben können.“

Kunst als letztes abschalten

Und zwar so: In den meisten Arbeiten stecken LED-Lampen, ältere Werke bekommen Bewegungsmelder. Und: Nur die Kunstwerke leuchten, alle anderen Strahler sind aus. Auch auf eine Illumination an der Fassade wurde verzichtet.

„Mit der ganzen Problematik haben wir natürlich auch gesagt, nee, wir machen nichts, was von außen verschwenderisch oder angeberisch wirkt…“ erklärt die Kuratorin.

Und die Berliner Künstlerin Antje Blumenstein, die mit zwei Arbeiten vertreten ist, formuliert einen Kompromiss, der an den Hamburger Bahnhof in Berlin erinnert, wo man eine Neonarbeit von Dan Flavin nachts abschalten will:

„Ich würde verfechten, die Kunst als letztes auszuschalten, aber man kann ja sagen: Nicht die ganze Nacht beleuchten, auch in Berlin sind die Kunstsinnigen in der Nacht unterwegs, vielleicht kann man sagen: 1 Uhr nachts geht es aus.“

Lichtkunst kann Vieles heißen

Und was ist nun genau „Lichtkunst“? Wenn sie eine Installation sein kann, eine Skulptur, oder etwas, das wie ein Gemälde an der Wand hängt, ist sie dann besonders frei?

Antje Blumenstein: „Die freiste Form ist immer noch die Malerei, weil sie jede Ausuferung zulassen kann, man kann minimalistisch arbeiten oder sehr überbordend, bis zu einer Leinwand zehn Zentimeter dick vollgespachtelt. Arbeitet man mit Licht, schränkt das auch ein. Eine Neonröhre kann man nicht durchschneiden und expressiv sein. Eigentlich gibt das technische Material die Bedingung vor – und dann muss man das überlisten.“

Lichtkunst kann Vieles heißen: Projektionen an öffentlichen Gebäuden oder die Visuals im Club. Blumenstein sieht das deutlich enger und denkt an Ólafur Elíasson, der ganze Räume in farbigen Nebel hüllt.

„Für mich ist Lichtkunst dann, wenn man anfängt, mit Licht Räume zu schaffen. Wo man sich durch einen farbigen Raum bewegt und spürt wie das ist, wenn man nur in einem gelben Raum steht und nicht mit einem mit Tageslicht. Da fängt bei mir Lichtkunst an, das andere sind für mich Lichtobjekte.“

Dieser Kunst den Stecker ziehen wäre schade

Wie man es auch definiert: Die Kunsthalle Messmer zeigt mit über 40 Arbeiten, wie sich die Lichtkunst seit den 1960er Jahren immer wieder neu erfindet.

Von den anfangs einfachen Symbolen mit starrem Licht, wofür der Pionier Francois Morellet steht. Bis hin zu abstrakten Farb-Tableaus, die sich laufend bewegen, wie bei der Amerikanerin Betty Rieckmann, die heute in Karlsruhe lebt. Es wäre schade, dieser Kunst den Stecker zu ziehen.

Lichtkunst Licht als Medium – der Künstler Laurenz Theinert beeindruckt mit visueller Raffinesse

Der Stuttgarter Künstler Laurenz Theinert bespielt Räume mit Licht. Am Samstag, 10.9.22 zeigt Theinert mehrere Arbeiten im Stadtraum von Esslingen. Am beeindruckendsten: Im alten Wasserspeicher unter der Esslinger Burg gibt Theinert zusammen mit dem Experimental-Musiker Fried Dähn ein Live-Konzert. So entsteht ein umfassendes Erlebnis von Raum und Klang, sagt Theinert: „Man steht der Kunst nicht gegenüber, sondern ist mittendrin.

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Philine Sauvageot