Gespräch

Längst erforscht: Antisemitische Klischees im Werk von Hugo Ball

STAND
INTERVIEW
Rainer Volk

Eigentlich sollte der Hugo-Ball-Preis der Stadt Pirmasens dieses Jahr an die Künstlerin Hito Steyerl verliehen werden. Die lehnte ab, wegen kaum bekannter antisemitischer Tendenzen im Werk Balls. Dabei sind diese längst keine Leerstellen mehr in der Hugo-Ball Forschung, sagt Eckhard Faul, Geschäftsführer der Hugo-Ball-Gesellschaft.

Audio herunterladen (6,9 MB | MP3)

Kommentierte Ausgabe von Hugo Balls „Kritik der deutschen Intelligenz“

In der breiten Öffentlichkeit mag diese Tendenz bei Hugo Ball weniger bekannt sein. Doch die Frage, ob er Antisemit war, beschäftigt die Hugo-Ball-Forschung schon länger. Eckhard Faul erklärt im Gespräch, dass die Hugo-Ball-Gesellschaft, deren Geschäftsführer er ist, seit vielen Jahren daran arbeitet, das Werk Hugo Balls weiter zu verbreiten, unter anderem mit einer großen Werkausgabe. „Darin ist auch der Band zur ‚Kritik der deutschen Intelligenz‘ erschienen, um den es hier vor allem geht. Auch mit entsprechenden Kommentaren.“

Eine Polemik, die übers Ziel schießt

Während Hito Steyerl darauf hinwies, dass die antisemitischen Klischees bei Ball, aber auch in seinem Umfeld nicht aufgearbeitet seien, sagt Eckhard Faul, die Fakten seien schon lange da, es gehe eher darum, wie man sie heute bewertet. „Hugo Ball hat vor allem in der ‚Kritik der deutschen Intelligenz‘ manche Klischees und Vorurteile gegenüber Juden aufgegriffen, weil sie einfach in seine Argumentation gepasst haben. Die ‚Kritik der deutschen Intelligenz‘ ist ein sehr polemisches Buch. Es ist sehr oft ungerecht und schießt oft übers Ziel hinaus. Und das leider auch in der Frage, wie man die Juden im damaligen Deutschen Reich sieht.“

Nach 1922 keine antisemitischen Äußerungen mehr

1919 erschienen, hat Hugo Ball den Text noch einmal überarbeitet. 1924 kam eine zweite Fassung heraus, in der die antisemitischen Passagen getilgt waren. Überhaupt finden sich im Werk Hugo Balls nach 1922 keine antisemitischen Bemerkungen mehr, sagt Faul. „Ähnliches gilt zum Beispiel auch für seine Einstellung gegenüber dem 1. Weltkrieg. Es wird immer gesagt, Ball war ein Kriegsgegner. Zunächst bei Ausbruch des Krieges 1914, war er wie viele andere ein begeisterter Befürworter des Krieges.“

Dabei ist Hugo Ball auch Kind seiner Zeit. „Antisemitismus war damals in gewisser Weise common sense. So schwierig das heute zu akzeptieren ist. Aber man muss natürlich sehen, das war alles die Zeit vor dem Holocaust, vor der Shoah. Und wir haben eben diese Erfahrung im Rückblick und sehen das natürlich mit ganz anderen Augen.“

Eine wichtige, aber keine neue Debatte 

Diese Kontexte, die Revidierung seiner Äußerungen, Balls gesamte Entwicklung führen letztlich immer zu der Frage: „Von welchem Hugo Ball reden wir, wenn wir von dem ‚antisemitischen Hugo Ball‘ reden oder überhaupt von Ball und seinem Verhältnis zum Judentum?“

Eine genaue und kenntnisreiche Diskussion darüber und über die Vorwürfe gegen Hugo Ball sind also wichtig, meint Faul. „Aber wirklich neu sind sie nicht.“

Nach Ablehnung von Hugo-Ball-Preis Hito Steyerl regt Antisemitismus-Debatte über Dada-Künstler Hugo Ball an

Die Autorin und Filmemacherin Hito Steyerl lehnt den Hugo-Ball-Preis der Stadt Pirmasens ab und regt stattdessen eine Debatte über den Antisemitismus in Hugo Balls Werk an. „In den Preisstatuten heißt es explizit, dass mein Werk im Sinne Hugo Balls entstanden ist, und davon muss ich mich aufgrund des Kontextes distanzieren“, so Steyerl in SWR2.

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Pirmasens

Debatte über Antisemitismus Hugo-Ball-Preis in Pirmasens abgesagt

Hugo Ball: Schriftsteller und Mitbegründer des Dadaismus. Zweifelsohne der bekannteste Pirmasenser.
Seit 1990 verleiht die Stadt einen ihm gewidmeten Kulturpreis. Doch damit ist er vorerst Schluss. Eine Antisemitismusdebatte:

Am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

STAND
INTERVIEW
Rainer Volk