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Kupferstiche als Wimmelbilder: Ausstellung „Vor Dürer“ im Städel

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AUTOR/IN
Sabine Mahr

Albrecht Dürers Kupferstich „Adam und Eva“ (1504) ist ein Meisterwerk der frühen Renaissance. Doch Dürers Genie kam nicht aus dem Nichts: Er baute auf einer jungen Kupferstichtradition auf, die um 1440 an Fahrt gewann. Die Ausstellung „Vor Dürer“ im Städelmuseum in Frankfurt zeigt, wie sich die Kupferstich-Technik von einer Gebrauchsgrafik zur echten Kunst wandelte.

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Es gibt kein Copyright auf die Motive

Die neue Städel-Ausstellung zeigt 130 Werke. Ihre Macher, meist Goldschmiede oder Maler, zeigen sich selbstbewusst: Sie signieren ihre Stiche mit Monogrammen, wie der sogenannte Meister ES, der Meister AG oder BR, andere sogar mit festen Namen. Israhel von Meckenem gilt als produktivster und geschäftstüchtigster Kupferstecher des 15. Jahrhunderts – auch weil er gerne Motive von Kollegen verwendet. 

„Dass er das Motiv geklaut hat, interessiert in der Zeit niemanden. Es gibt kein Copyright in unserem heutigen modernen Sinn. Im Gegenteil: Die mittelalterliche Kunst beruht auf dem Kopieren von Vorlagen.“

Israhel van Meckenem (Foto: Pressestelle, Städel Museum Frankfurt)
Israhel van Meckenem: Kampf zweier Wilder Männer zu Pferd, um 1480. Pressestelle Städel Museum Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Albrecht Dürer: Adam und Eva, 1504. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Meister des Johannes Baptista: Der heilige Bartholomäus, um 1440-1460. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Meister b(x)g, tätig um 1470-1490, nach dem Hausbuchmeister: Der Bauer mit dem leeren Schild und dem Knoblauch, um 1480. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Martin Schongauer: Die Madonna im Hofe, um 1475. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Martin Schongauer: Ein Rauchfass, um 1475. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Martin Schongauer: Die dritte Törichte Jungfrau, aus der Folge: Die fünf Klugen und die fünf Törichten Jungfrauen, um 1475. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Meister ES: Vogel-Zwei aus dem Größeren Kartenspiel, Kupferstich Kaltnadel, um 1463-1467. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Ausstellungsansicht „Vor Dürer“ im Städel Museum Frankfurt. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen

Der Kupferstich wird zur Mode

Der Vorteil des Kupferstichs: Er ist leicht zu vervielfältigen und somit zu betrachten. Bis zu 2.000 Abzüge lassen sich von einer guten Platte drucken. Unter Bürgern wird es Mode, Kupferstiche im privaten Wohnraum aufzuhängen – zur Dekoration oder auch als moralische Warnung. Besonders beliebt sind Israhel von Meckenems Alltagsmotive.

Die größeren Bildkompositionen mit Bibelszenen dienen den Künstlern gleichzeitig als eine Art Visitenkarte. Vor allem Martin Schongauer eilt sein Ruf voraus: Sogar der junge Albrecht Dürer macht sich auf, den Star in Colmar zu besuchen.

Die Zeitgenossen lernen Bilder außerhalb der Kirche kennen

Martin Schongauer wiederholt nicht, er kreiert nur eigene Motive. Ein prominentes Beispiel, das sogar Michelangelo in Italien als Vorlage animiert, sind die züngelnden Fantasiemonster mit Krallen, Rüsseln, Glubschaugen und Riesenflossen, die den Heiligen Antonius verführerisch in der Luft umzirkeln. Wie aus den feinsten schwarzen Linien plastische Lebewesen werden, muss die Menschen damals tief beeindruckt haben. 

„Im fünfzehnten Jahrhundert haben die Menschen einen Altar in der Kirche gesehen, da gab es vielleicht noch eine Wandmalerei. Aber die Menschen haben sonst keine Bilder gesehen. Das heißt, wenn Sie eins gesehen haben, dann haben Sie es auch betrachtet und darüber nachgedacht.“  

Die detailreichen Kupferstiche wirken wie Wimmelbilder, die von der Gedankenwelt des Spätmittelalters erzählen. Das Städelmuseum verleiht am Eingang sogar Lupen, damit man sich auf die gestochen scharfen Werke richtig einlassen kann. 

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