Die Kunsthalle Mannheim eröffnet ohne Kunstwerke Die Verweigerung der Zeit

Glosse am 15.12.2017 von Eberhard Reuß

Selten wird ein großes Kunstmuseum eröffnet. Noch seltener wird eines eröffnet – ohne Kunstwerke darin. So ist es jetzt beim Neubau der Mannheimer Kunsthalle. Die ist zwar nach gut drei Jahren Bauzeit noch nicht ganz fertig - aber doch so fertig, dass sie eröffnet wird. Es ist, als seien in Mannheim die Gesetze der Zeit aufgehoben. Eine Glosse von Eberhard Reuß.

Im Grunde genommen ist die neue Mannheimer Kunsthalle ja selber ein Kunstwerk. Gehüllt in bronzefarben bis goldglänzendes Metallgewebe. Da braucht es innen drin eigentlich gar keine Kunst mehr.

Es scheint kein Zeitdruck zu bestehen...

In dieser zeitlos schönen Architektur scheint auch kein Zeitdruck zu bestehen für das Kuratoren-Team um Direktorin Dr. Ulrike Lorenz: „Immer schön Schritt für Schritt. Wir arbeiten hier ja für die Ewigkeit, der erste Schritt ist die Architektur, der zweite Schritt ist die Kunsthalle.“

Die Bauarbeiten liefen länger als geplant. Aber der Bundespräsident kommt. Deshalb wird die neue Kunsthalle ohne Kunst eröffnet. Von heute Abend bis Sonntag für die Bevölkerung. Am Montag dann für Frank-Walter Steinmeier. Weshalb immerhin zwölf Kunstwerke und Installationen auf 13.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche Fläche verteilt worden sind. Darunter auch Arbeiten von Anselm Kiefer. Und die Video-Klang-Rauminstallation von William Kentridge, The refusal of time – die Verweigerung der Zeit…

Es braucht halt noch Zeit...

Nach der Eröffnung wird die Kunsthalle gleich wieder ein halbes Jahr lang geschlossen. Es braucht halt noch Zeit, um die Kunst zu platzieren. Die komplette Mannheimer Sammlung umfasst immerhin mehr als 2.000 Gemälde, etwa 800 Skulpturen und rund 33.000 Grafiken. „Und hier wird dann im Juni 2018 unser Schlüsselwerk, der Manet hängen.“

Solange bleibt Zeit zur Vorfreude auf „Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“ – das weltberühmte Gemälde von Edouard Manet. Mit anderen Werken der Sammlung erst ab dem 1. Juni 2018 im Neubau der Mannheimer Kunsthalle zu sehen.

Was ist schon ein halbes Jahr Verspätung?

Doch was ist schon ein halbes Jahr Verspätung sub specie aeternitatis – angesichts der Ewigkeit? In Stuttgart bohren und bauen sie unentwegt an Tunnelröhren, ohne einen einzigen Zug in Sicht zu bekommen. In Berlin setzen sie einen Flugplatz in den Sand.

Doch in Mannheim haben sie eine Kunsthalle, die zwar weitgehend noch ohne Kunst ist. Aber genauso viel gekostet hat, wie kalkuliert worden war. Das ist die wahre Kunst.

Von Mannheim lernen heißt siegen lernen

Dr. Ulrike Lorenz, die Direktorin der Mannheimer Kunsthalle: „Wir sind fertig geworden im Rahmen des Budgets, von Mannheim lernen, heißt siegen lernen.“

Und das doppelt Schöne daran – am 1. Juni 2018 können sie in Mannheim dann noch einmal Eröffnung feiern.

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