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Die Sammlung Konkrete Kunst in Reutlingen "Kunststadt von Weltrang"

Kultur Regional am 16.10.2017 von Christian Gampert

In Reutlingen ist ein neues Kunstzentrum entstanden, die Sammlung "Konkrete Kunst", vor allem mit Werken aus Frankreich. Aus Altersgründen hat der Sammler Manfred Wandel sein Lebenswerk in öffentliche Hände gegeben. Die hochkarätige Sammlung der Stiftung für konkrete Kunst der Brüder Manfred und Albrecht Wandel wurde der Stadt geschenkt – zusammen mit Kunstwerken aus dem Privatbesitz von Manfred Wandel. Bei der offiziellen Eröffnung der neuen Sammlung bescheinigte der Autor Florian Illies, Gründer der Kunstzeitschrift "Monopol", Reutlingen sei eine Kunststadt von Weltrang.

Den französischen Künstler Bernard Aubertin hat Manfred Wandel quasi adoptiert. Er hat ihm jahrzehntelang ein Atelier gestellt und zwar in jenem Fabrikgebäude, das jetzt die "Sammlung Konkrete Kunst" ist. Und genau für dieses Gebäude hat Aubertin auch einen seiner berühmtesten Werkzyklen geschaffen, "Plein rouge". In feinen Abstufungen führen Rechtecke helles Kadmiumrot über Zinnoberrot hinunter in dunkle Rottöne – 100 Kartons, die im Sommer 1995 eine ganze Fabriketage bespielten und in den Köpfen der Besucher wahrscheinlich ein halluzinatorisches Flimmern erzeugt haben.

"Rot ist die Farbe, die das ganze Leben definiert, von der Sonne bis zum Blut", sagt Manfred Wandel. Hundert Rottöne rundum in einem Raum, das ist eine Grenzerfahrung. Sie zeigt, dass die konkrete, die gegenstandslose Kunst etwas Überwältigendes, aber auch etwas Sakrales hat, dem man nur in innerer Versenkung begegnen kann. Bei der Eröffnung der "Sammlung für Konkrete Kunst" waren noch 30 der hundert Kartons zu sehen, als Erinnerung und als Vorgeschmack.

"Voll konkret", Reutlingen, Oktober 2017

"Voll konkret", Reutlingen, Oktober 2017

Lagerhalle und Kunstausstellung

Der gegenwärtige Zustand dieses neuen Reutlinger Kunstzentrums ist eine Mischung aus Lagerhalle und Kunstausstellung. Man sieht einzelne Arbeiten, und darunter liegen palettenweise die noch verpackten Kunstwerke, die ihrer Enthüllung harren. Man kann um stählerne Bodenarbeiten herumgehen oder sich in kreisrunden Spiegeln ansehen, geschichtete Plakatpappe betrachten oder einen gänzlich güldenen Raum betreten. Im Versammlungssaal stehen die Redner vor einer glänzenden Spiegelwand von Nikolaus Kolisius, deren Einzelteile früher in einem Park verstreut waren, und all die anderen Werke etwa von Hartmut Böhm, Francois Morellet oder Issao Takahashi, sind nicht minder irritierend.

"Voll konkret", Reutlingen, Oktober 2017

"Voll konkret", Reutlingen, Oktober 2017

Reutlingen pachtet zwei Außenseiter-Disziplinen

In all der Freude über die großzügige Schenkung sollten die Reutlinger im Auge behalten, dass ihre beiden Kunsthäuser nicht viel miteinander zu tun haben. Das Spendhaus, dem die Sammlung Konkrete Kunst organisatorisch angegliedert ist, widmet sich dem Holzschnitt. Und von da ist es ein weiter Weg in die gegenstandsfreie Moderne, weshalb es schwer sein wird, Bezüge herzustellen. Andererseits haben die Reutlinger jetzt zwei Außenseiter-Disziplinen quasi für sich gepachtet.

Diese Leistung, sich auf eine nicht unbedingt massentaugliche Kunstform eingelassen zu haben, würdigte auch Florian Illies in seiner Lobrede auf Manfred Wandel und das neue Reutlinger Museum. Er habe das Gefühl, Kunst werde in Reutlingen nicht als "eine Form von Luxus, sondern als Lebensmittel, als pure Notwendigkeit" begriffen. Illies, der den meisten als Autor der "Generation Golf" bekannt sein dürfte und inzwischen aber vor allem im Kunsthandel arbeitet, war ohne geschäftliche Interessen gekommen. Er bescheinigte der Stadt große Bescheidenheit und wies deshalb gerne darauf hin, dass "in Reutlingen der Weltmarktführer der konkreten Kunst" sitzt.


Info: "VOLL KONKRET"- 'Die Schenkungen Stiftung für konkrete Kunst und Manfred Wandel' bis 25. Februar 2018 Stiftung für konkrete Kunst, Reutlingen. Di-Sa von 11-17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr, So und feiertags von 11-18 Uhr

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