Stuttgarter Kunstakademie: Installation von Nam June Paik Die Halbwertzeit der Videokunst

Von Andreas Langen

Auch Videokunst kommt in die Jahre: Geräte veralten, Ersatzteile fehlen. Das gilt auch für die haushohe Video-Skulptur auf 90 Monitoren, die der Künstler Nam June Paik geschaffen hat. Seit 1996 steht sie in der Kunstakademie Stuttgart. Restauratoren reparieren immer wieder die Röhrenmonitore, auf der sie abgespielt wird. Die Lebensdauer der Apparate ist begrenzt. Ein Problem, von dem alle Museen betroffen sind, die ähnliche Kunstwerke besitzen.

Riesiges Materiallager in der Stuttgarter Kunstakademie

KNMDI steht in großen Lettern auf der Tür eines Instituts der Kunstakademie Stuttgart. KNM, wie bitte? „Konservierung Neuer Medien und digitaler Information“, buchstabiert Benjamin Zech, Absolvent dieses Studiengangs. Er öffnet die Türe, und der Blick fällt auf ein Materiallager ganz eigener Art.

Hunderte Abspielgeräte für Bild und Ton lagern in Stahlregalen, vom Wachswalzen-Grammophon bis zum Computer. Hier hat Zech im letzten halben Jahr einen Teil seiner Master-Arbeit vorbereitet.

„Ich war erschrocken: Da flackert es“

Der wichtigste Part aber fand auf einem Baugerüst in der Eingangshalle der Akademie statt. Dort steht seit 1996 eine haushohe Video-Skulptur von Nam June Paik. Auf 90 Monitoren zappeln drei ultraschnell geschnittene Video-Schleifen verschiedener Längen, die von einem integrierten Computer in immer neue Muster zerlegt werden.

Das visuelle Spektakel ist enorm, sein unübersehbarer Verfall allerdings auch, wie Studiengangsleiter Johannes Gfeller schildert: „Am intensivsten habe ich letzten Sommer geguckt, und da bin ich etwas erschrocken. Da habe ich gesehen, da flackert es.“

Videokunstwerke werden „brutal“ auf Verschleiß präsentiert

Meist ist das Malheur gar nicht zu sehen, denn in der Regel sind die 90 Monitore ausgeschaltet. Das wirkt wie eine Dauerpanne. In Wahrheit ist es ein selten glücklicher Umstand. Denn die Museen, die solche Installationen haben, können sich das eigentlich nicht leisten.

Dort müssen die Monitore dauernd laufen, damit die Leute kommen, um den berühmten Paik zu sehen. „Sie verbrauchen damit diese Werke, und zwar brutal“, erklärt Johannes Gfeller.

Restauratoren stoßen an ihre Grenzen

Die Lebensdauer von Röhrenmonitoren ist begrenzt. Man kann sie im Dauerbetrieb verschleißen oder durch klug gewählte Intervalle verlängern, wie es die Akademie tut. Doch auch hier gilt: Je jünger ein Medium, desto kürzer seine Halbwertzeit.

Diese allgemeine Formel präzisiert der Restaurator mit einer dramatisch wirkenden Schätzung. „Ohne nachträgliche Reparaturen würde ich die Lebenszeit auf fünf, maximal noch zehn Jahre schätzen, weil die Betriebsdauer der Bildröhre dann ihren Endpunkt erreicht hat und die Farbqualität danach abnehmen wird.“

Sonst bleibt am Ende bleibt nur die Idee

Was also tun? Die Produktion von Bildröhren ist längst eingestellt. Die wenigen noch vorhandenen sind die letzten ihrer Art. Sie flimmern einem sicheren Ende entgegen.

Benjamin Zech verweist auf einen Ausweg, den die Theoretiker seiner Zunft gefunden haben: Sie sagen, in der Medienkunst sei die Idee das Original. Die Verwirklichung durch Apparate sei lediglich eine Art von Aufführung, ähnlich wie bei Theater und Musik.

Sorgsame Pflege von Videoskulpturen erforderlich

Wie auch immer - eine sorgsame Pflege der großen Videoskulptur an der Kunstakademie Stuttgart hält auch Johannes Gfeller für mehr als sinnvoll. „Dann hätte man die Chance, einen Paik auf längere Zeit zu erhalten, als es fast jede andere Institution tun könnte.“

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