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"Kunst in Europa 1945-1968 - Ausstellung im ZKM Karlsruhe Kunst auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs

Kulturthema am 21.10.2016 von Marie-Dominique Wetzel

Heute Abend wird im Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, kurz ZKM, die Ausstellung "Kunst in Europa 1945- 1968" eröffnet. Eine wahrhaft große und ehrgeizige Aufgabe. Denn schließlich überschlagen sich nach dem Zweiten Weltkrieg die verschiedensten künstlerischen Bewegungen und Ausdrucksformen in unglaublichem Tempo. In West – und Osteuropa gleichermaßen – wie diese Schau zeigen will.

Sie "schließt nicht nur eine Lücke innerhalb der Kunstgeschichte, sondern ist – die Zukunft im Blick – als ein aktives Plädoyer für Europa zu verstehen" läßt ZKM-Chef Peter Weibel wissen. Er hat die gesamteuropäische Schau mit rund 600 Werken zusammen mit dem Berliner Kunsthistoriker Eckhart Gillen und der russischen Kollegin Daria Mille kuratiert. Eine Ko-Produktion mit dem Palais des Beaux-Arts in Brüssel, dem Puschkin–Museum und dem Nationalen Zentrum für Museen und Ausstellungen in Moskau.

Eigentlich sollte die Ausstellung zuerst in Moskau gezeigt werden. Doch dann kam die Ukraine-Krise, die Sanktionen der EU gegen Russland. Daraufhin zog das russische Kultusministerium die finanzielle Unterstützung des Ausstellungs-Projekts zurück. "Jetzt ist diese gemeinsame Ausstellung als Symbol noch wichtiger geworden", sagt die russische Ko-Kuratorin Daria Mille. Es sei nun die Aufgabe der Kunst, die Fäden nicht ganz abreißen zu lassen – so wie damals nach dem Zweiten Weltkrieg und der Trennung Europas in West und Ost.

Eine Trennung die auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion weiter existierte, letztendlich bis heute – vor allem in den Köpfen der Menschen, meint der Kurator Peter Weibel:

"Und dadurch ist es hochnotwendig, dass wir die gemeinsamen künstlerischen Bestrebungen in Ost und West zeigen. Nicht nur das alte Narrativ , das vom Kalten Krieg kommt: hier die freie, abstrakte Kunst im Westen, dort die dumme sozialistische Realismus- Kunst im Osten. Nein, wir können zeigen, dass an den Umsetzung der Avantgarden nach 1945, Osteuropa genauso beteiligt war wie Westeuropa." Peter Weibel

Ausgangspunkt ist 1945, die Stunde Null, in der die Künstler nach neuen Ausdrucksformen ringen, um das Grauen des zweiten Weltkriegs darzustellen. Der weißrussische Künstler Ossip Zadkine schuf für das völlig zerstörte Rotterdam eine 6 Meter hohe Bronzeplastik, von der ein Modell in der Ausstellung zu sehen ist: Eine menschliche Figur, die Arme kraftlos in den Himmel gereckt, mit durchschossenem Leib.

Der tschechische Künstler Karel Cerny malt 1946 das Bild "Klagegesang", drei abstrahierte Frauenfiguren, die einen grauen, seltsam verrenkten Körper beweinen, ganz ähnlich denen, die zur selben Zeit Picasso schuf. Dessen in Grautönen gehaltene "Femme nue couchée" denn auch gleich gegenüber gehängt wurde. Und so geht es in einem ungeheuer dichtgehängten Bilderbogen durch die vielfältigen Ausdrucksweisen der Nachkriegskunst.

Die Verweigerung der Abbildung, die die verschiedenen Formen der Abstraktion hervorbringt, dann die Zerstörung der Bilder und der Bildträger. Um 1960 die Hinwendung zu den Gegenständen, das Aufkommen der technischen Kunst, der Kinetik, Kybernetik, der ersten Computerkunstwerke. Da wo es Sinn macht, stehen Vertreter und Werke aus Ost und West nebeneinander, da wo es in den einzelnen Ländern eigene Wege gab, bekommen sie eine eigene Koje, wie beispielsweise die westeuropäischen und die osteuropäischen ZERO Künstler.

Die Ausstellung zeigt, der Austausch war da, man wusste voneinander, trotz Zensur, Reiseverboten und eisernem Vorhang. Unsere Vorstellung, vom abgehängten Osteuropa, muss revidiert werden, erklärt die russische Ko-Kuratorin Daria Mille:

"Es gab unterschiedliche Freiheiten in jedem Land. In Russland wurde es sehr streng gehandhabt. In Polen zum Beispiel gab es immer noch Möglichkeiten, abstrakt zu arbeiten und sich quasi auch dadurch in die europäische Kunstgeschichte einzuschreiben." Daria Mille

Erstaunt erfährt man, dass es in den 1960er Jahren in Zagreb, im ehemaligen Jugoslawien, eine Kunstbiennale gab, auf der sich west- und osteuropäische Künstler persönlich treffen konnten. 1968 widmete sie sich – vom Westen so gut wie unbemerkt – dem brandneuen Thema „Computer und visuelle Experimente“, im selben Jahr, in dem in London 60.000 Besucher die Ausstellung zu kybernetischer Kunst sahen und sich als absolute Avantgarde begriffen. Eine Entdeckung unter vielen, erzählt der Kurator Eckhart Gillen:

"Das war auch jetzt eine ganz große Erfahrung, als wir in der Vorbereitungsphase im Puschkin-Museum waren, dort mit den Kolleginnen und Kollegen in diese Depots zu gehen. Und dann eben den Arana zu finden, also einen Künstler, den hier kein Mensch kennt, der dort eine riesen Maschine stehen hat, mit Lämpchen, kinetisch. Es gibt einfach dort Dinge, die nie ausgestellt worden sind. Und man muss sie entdecken, das ist auch der Sinn dieser Ausstellung." Eckhart Gillen

Solche Entdeckungen machen die Ausstellung zu etwas Besonderem. Aber es ist eben nicht nur der längst überfällige Blick auf die Nachbarn im Osten, sondern auch die veränderte Perspektive auf dieses Kapitel Kunstgeschichte. Denn gerade durch den Parforce-Ritt durch alle neuen Kunstströmungen der Nachkriegszeit wird deutlich, wie sehr sie doch durch die gesellschaftspolitischen Ereignisse dieser Zeit beeinflusst bzw. bedingt waren.

Bis zur Zäsur 1968, dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag, womit eine neue politische Eiszeit zwischen West und Ost begann - und auch kunsthistorisch ein neues Kapitel. Unbedingt anschauen und viel Zeit mitbringen! Die Ausstellung it bis zum 29. Januar zu sehen bevor sie weiter ins Moskauer Puschkin-Museum zieht.

Kunst in Europa 1945-1968
ZKM Karlsruhe
Sa, 22.10.2016 – So, 29.01.2017
Kosten: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro


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