Das ZKM Karlsruhe zeigt Meisterwerke der Medienkunst Wie aus Kunst bewegte Bilder wurden

Am 13.7.2018 von Marie-Dominique Wetzel

An Medienkunstwerke denken nur wenige, wenn von „Meisterwerken der Kunst“ die Rede ist. Dabei gibt es auch in dieser jungen Kunstgattung Werke, die ikonographisch und prägend für weitere Entwicklungen sind. So ist der Titel der neuen Ausstellung des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe, ZKM, mit einem Augenzwinkern zu verstehen: „Kunst in Bewegung. 100 Meisterwerke mit und durch Medien“.

Vom statischen zum bewegten Kunstwerk

Ein Pferd in gestrecktem Galopp, aufgelöst in viele kleine Einzelbilder. Die berühmte chrono-fotografische Arbeit von Etienne-Jules Marey von 1890/91 ist eine frühe Pionierarbeit der Medienkunst. Schon deswegen kann sie mit Fug und Recht als ein Meisterwerk bezeichnet werden, meint der Medienwissenschaftler und Ausstellungskurator Siegfried Zielinski.

Schließlich beginnt die Medienkunst der Moderne damit, dass die Bilder laufen lernten: „Die Bewegung, die Zeit sind die wichtigsten Paradigmen der Moderne, die die Künstler aufgegriffen haben, um neue Werke zu produzieren, die dann eben nicht mehr als statische Werke funktionierten, sondern als Prozesse, als Werdende in die Kunstgeschichte eingehen.“

"Kunst in Bewegung" im ZKM Karlsruhe Wie sich Kunst zu bewegen lernte

Assignment No. 1, 1992. 6 Kanal Installation mit 12 Bildschirmen (Foto: ZKM | Zentrum für Kunst und  Medien Karlsruhe - © Zhang  Peili)
Zhang Peili, Assignment No. 1, 1992. 6 Kanal Installation mit 12 Bildschirmen ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © Zhang Peili Bild in Detailansicht öffnen
Lynn Hershman, Phantom Limb Series: Reach, 1968 © Lynn Hershman, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - Bild in Detailansicht öffnen
Michael Snow, Wavelength, 1967 ZKM / Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © Michael Snow Bild in Detailansicht öffnen
Eames, "Think" für den IBM Pavillon für die Weltausstellung in New York, 1964-1965 ZKM / Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © 2018 Eames Office, LLC (eamesoffice.com) Bild in Detailansicht öffnen
David Larcher, Granny’s Is, 1989 © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - Bild in Detailansicht öffnen
Gerd Conradt, Der Videopionier, 1973-1983 © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - Bild in Detailansicht öffnen
Frank Gillette, Ira Schneider, Wipe Cycle, 1969/2017. Rekonstruktion der Videoinstallation © Frank Gillette, Ira Schneider / ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - Foto: ONUK Bild in Detailansicht öffnen
Luigi Russolo, Intonarumori, 1913/2012. Rekonstruktion von Pietro Verardo ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe / © Pietro Verardo - Foto: David Rato Bild in Detailansicht öffnen
Michael Snow, La Région Centrale, 1971. ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © Michael Snow Bild in Detailansicht öffnen
Karlheinz Stockhausen, Gesang der Jünglinge, Uraufführung am 30. Mai 1956 (Großer Sendesaal des WDR Köln) ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © Archiv der Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten (www.karlheinzstockhausen.org) Bild in Detailansicht öffnen
Yeondoo Jung, Six Points, 2010 Dual channel HD video with sound ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © Yeondoo Jung, Courtesy to Kukje Gallery & Artist Bild in Detailansicht öffnen
Zbigniew Rybczyński, Mein Fenster, 1979. Analogvideo © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - Bild in Detailansicht öffnen
Sergio Prego, Tetsuo, Bound to Fail, 1998. 1- Kanal-Video, Farbe, Ton MACBA Collection. MACBA Foundation. Work purchased thanks to Taller de la Fundació / ZKM / Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © Sergio Prego Bild in Detailansicht öffnen
Masaki Fujihata, Morel ́s Panorama, 2003. Computerbasierte interaktive Installation ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © Masaki Fujihata Bild in Detailansicht öffnen
Banū Mūsā ibn Shākir, Programmierbarer universaler Musikautomat, ca. 850/2015 © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - Foto: Harald Völk Bild in Detailansicht öffnen

Der größte Druck durch Medien: die Einführung von Bewegung

Mit den Kunstwerken kam auch die gesamte Kunstwelt in Bewegung, betont der Medienkünstler und Vorstand des ZKM, Peter Weibel: „Es würde keine Aktionen geben, zeitbasierte Performances, wenn das nicht die Medien erreicht hätten. Wir müssen akzeptieren, dass sich nicht nur Gegenstände bewegen, sondern auch Menschen. Die Medienkunst hat den größten Druck ausgeübt durch die Einführung der Bewegung.“

So entstanden auch interaktive Kunstwerke. Die Rolle des Betrachters wurde revolutioniert. Schnell wird klar, dass es einer neuen Definition bedarf: Medienkunst sind Werke, die durch und mit Medien produziert und verbreitet werden oder durch Medien überhaupt erst rezipierbar sind, meinen die beiden Kuratoren der Ausstellung „Kunst in Bewegung“.

Der Videopionier, 1973-1983 (Foto: © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe -)
Gerd Conradt, Der Videopionier, 1973-1983 © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe -

Referenzwerke zeigen die starke Wirkung der Medienkunst

Damit stoßen sie die Türen weit auf - und beschränken sich natürlich nicht auf „100 Meisterwerke“, sondern stellen 100 Werken mehr als 400 Referenzwerke zur Seite: Bezüge, durch die erst deutlich wird, dass so ein „Meisterwerk“ starken Einfluss auf andere und spätere Künstler haben sollte.

So werden in einem Raum Filme von Sergei Eisenstein und den Brüdern Lumière gezeigt – und daneben Nam June Paiks „Spaziergang des Roboters“ durch New York oder das augenzwinkernde Werk von Konrad Balder Schäuffelen, der eine Kamera auf eine Spielzeuglokomotive gesetzt hat, die damit immer im Kreis herum fährt.

Morel ́s Panorama, 2003 (Foto: ZKM | Zentrum für Kunst und  Medien Karlsruhe - ©  Masaki Fujihata)
Masaki Fujihata, Morel ́s Panorama, 2003. Computerbasierte interaktive Installation ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe - © Masaki Fujihata

Schreibmaschinen-Buchstaben entwickeln Eigenleben

In diesem Beziehungsgeflecht, das die beiden Kuratoren aufbauen, finden sich zum Glück nicht nur erwartbare Klassiker wieder, sondern lassen sich auch Neuentdeckungen machen.

Zum Beispiel die computerbasierten, hochkomplexen und dennoch einfach wirkenden Arbeiten von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau: Auf einer alten Schreibmaschine kann der Besucher beliebige Buchstaben tippen, aus denen sich dann auf dem eingespannten Blatt Papier - das in Wahrheit eine Projektionsfläche ist - kleine Spinnen-Tierchen formen, die herumkrabbeln und neue Text-Eingaben auffressen.

Granny’s Is, 1989 (Foto: © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe -)
David Larcher, Granny’s Is, 1989 © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe -

Maschine anstellen, die sich sofort selbst ausstellt

Bei aller Experimentierfreude und Technikbegeisterung zeigt sich, dass Künstler den medialen Neuerungen auch kritisch gegenüber standen, manche früher, andere später.

So wie Claude Shannon den binären Code in eine simple Holzbox mit einem einzigen Schalter bannt. Der Besucher kann ihn auf ON stellen, dann fährt ein kleiner Greifarm aus, der den Hebel auf OFF stellt - die Maschine knipst sich damit selbst aus.

Variabler Kanon der Medienkünste

Ein Beispiel dafür, wohin zeitgenössische Medienkunst führen kann – zur ironischen Selbstreflexion, meint Kurator Siegfried Zielinski: „Wir zeigen einen Forschungsprozess, an dem wir beide arbeiten: Nämlich zu verstehen, was Medienkünste sind, woher sie kommen und wohin sie gehen könnten.“ Aber, so ergänzt Peter Weibel: „Gleichzeitig denken wir doch den Kanon - der hier als Hilfsmittel zu verstehen ist, um Orientierung zu schaffen.“

Es soll ein variabler Kanon sein, von dem man weiß, dass er sich bei der Geschwindigkeit der Entwicklungen und der Bandbreite der globalen Medienkunst schnell überholen wird – aber umso mehr ist ein solcher, ordnender Blick hilfreich, der die großen Leitlinien und historischen Bezüge aufzeigt.

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