Biennale Venedig 2019 Beißende Kritik am globalen Tourismus: Goldener Löwe für Länderpavillon Litauen

Die Goldenen Löwen der Biennale gehören zu den bedeutendsten Kunstpreisen der Welt. Zur Eröffnung wurden sie vergeben: Der Goldene Löwe für den besten Länderpavillon ging an drei Künstlerinnen aus Litauen – für eine kritische Performance zum globalen Tourismus und umweltpolitischer Gleichgültigkeit. Als bester Künstler wurde der US-Amerikaner Arthur Jafa ausgezeichnet für seine Videoarbeit „The White Album“.

Biennale Venedig 2019 Verantwortungsloser Urlaub: Goldener Löwe für Länderpavillon Litauen

0513 Goldener Löwe für Litauen (Foto: Pressestelle, Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko)
Von Kathrin Hondl„Heute haben sie die rote und die gelbe Flagge gehisst“, singen die Strandurlauber und bedauern, dass „man nur bis zu den Knien ins Wasser darf.“ Litauens preisgekrönter Biennale-Beitrag, die musikalische Performance „Sun and Sea“, ist in einem alten Lagerhaus im Stadtteil Castello zu erleben. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Von einer Galerie blicken die Besucherinnen und Besucher herab auf einen Sandstrand mit Menschen in Bikinis und Badehosen. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Die tun, was man am Strand eben so macht: sich mit Sonnencreme einschmieren, in der Sonne brutzeln, lesen, Ball spielen, einfach nur dösen, picknicken, die Kinder spielen im Sand. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Diese Strandurlauber wie Du und ich erzählen singend von ihren Flugreisen an die Strände dieser Welt. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Schnell ist klar, worum es in dieser scheinbar arglosen Strandoper geht: Um unseren arg verantwortungslosen Umgang mit den natürlichen Ressourcen dieser Erde, wenn wir in Flugzeugen an die Strände der Weltmeere reisen und uns dem dolce farniente hingeben. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
„It’s about all of us, I think, it’s not about sun and sea, it’s about those who are between the sun and sea”, sagt eine der drei litauischen Künstlerinnen, die mit ihrer gleichzeitig unterhaltsamen und bitterensten, Opernperformance die Biennale-Jury überzeugten. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Ihre Namen Lina Lapelytė, Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainyté gehen den Kunstweltmenschen allerdings noch nicht so leicht über die Lippen. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Der Goldene Löwe für das Trio aus Litauen war eine Überraschung. Als Favoriten galten zum Beispiel die Länderbeiträge Frankreichs oder des westafrikanischen Ghana, das überhaupt zum ersten Mal auf der Biennale mit einem eigenen Pavillon vertreten ist.Auf dem Bild: Aussicht vom Litauischen Pavillion "Sun & Sea". Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Viele entdeckten allerdings auch erst nach der Preisverleihung den abseits der Biennale-Hauptorte Giardini und Arsenale gelegenen litauischen Pavillon. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Und auch wenn andere ihn ganz sicher auch verdient gehabt hätten – der Goldene Löwe für Litauen überzeugt: Mit ihrer grotesken Strandoper haben die Künstlerinnen ein im Wortsinn stimmiges, ein erschreckendes Bild unserer ignoranten Lebensweise geschaffen. Pressestelle Miles Evans PR Ltd - Foto: Andrej Vasilenko Bild in Detailansicht öffnen
Um Ignoranz in ihrer wohl bösesten Form, nämlich Rassismus, geht es in dem Video „The white Album“ des US-Amerikaners Arthur Jafa. Er wurde als bester Künstler der internationalen Ausstellung ausgezeichnet. picture alliance/dpa - Foto: Felix Hörhager Bild in Detailansicht öffnen
„The white album“ ist eine 50 Minuten lange Videocollage, die Inszenierung und Realität von Rassismus knallhart vorführt: mit Fernseh- und Computerspielbildern, Kinofilmausschnitten oder Videos von Anhängern der „White supremacy“-Ideologie und, besonders krass, Bildern einer Überwachungskamera, die den Amoklauf eines weissen Massenmörders dokumentierte – „The white Album“ erforscht den real existierenden Alptraum. Ein Film, der unter die Haut geht.Auf dem Bild hier: Eine ähnliche Installation von Arthur Jafa im Guggenheim-Museum in Prag. Imago Imago - Foto: CTK Photo/Roman Vondrous Bild in Detailansicht öffnen

Der Deutsche Pavillon mit Felsenkopf-Künstlerin

Den von Franciska Zólyom kuratierten deutschen Pavillon hat die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian gestaltet, die zur Eröffnung wieder ein felsblockartiges Gebilde über dem Kopf trug.

Biennale Venedig 2019 Der Deutsche Pavillon: Ein überfrachtetes Konzept

0510 Biennale Venedig - Deutscher Pavillon (Foto: SWR, SWR - Foto: Susanne Kaufmann)
Von Susanne KaufmannZur Eröffnung des Pavillons gibt es eine Performance. Neben der Künstlerin mit dem Steinkopf steht ihre Sprecherin und ergreift das Wort. Die Eröffnungszeremonie sei „irregulär“, also illegal. Das passt zum Namen der Sprecherin „Helene Duldung“ und zum Verständnis des Deutschen Pavillons als „Ankerzentrum“, freilich mit „s“ – „Ankersentrum“ – was auch damit zusammenhängen soll, dass viele Flüchtlinge kein „z“ aussprechen können. Das Spiel mit den Namen macht auch vor dem Namen der Künstlerin nicht halt: Aus Natascha Sadr Haghighian wurde Süder Happelmann, eine Frau, deren Gesicht verborgen bleibt. Über ihren Kopf hat sie einen grauen Fels aus Pappmaché gestülpt. SWR - Foto: Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Online stehen inzwischen drei Filme, die Teil der Arbeit sind: Der Steinkopf zieht durch deutsche Lande, durchs karge Apulien und wartet schließlich vor einem Fischkutter. Wer die Schilder googelt, die in den Filmen zu sehen sind, weiß mehr. Im Bild sind die bayerischen Ankerzentren, eine italienische Tomatenkooperative, auf deren Feldern auch illegale Erntehelfer arbeiten, und das Rettungsschiff „Iuventa“, das wie die „Seawatch“ Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufgenommen hat. SWR - Foto: Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Im Inneren des Deutschen Pavillons erklingt die Soundinstallation „Tribute to Whistle“. Doch welche politische Bedeutung hat die Trillerpfeife als Symbol des Widerstands? Flüchtlinge nutzen sie, um sich zu organisieren. Das erfahren in Venedig allerdings nur die Zuschauer der einmaligen Performance. Die anderen können im Pavillon immerhin Plastik-Trillerpfeifen kaufen. SWR - Foto: Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Bei ihrem Auftritt hat die Sprecherin auch einen Auszug aus der „Akkumulation des Kapitals“ von Rosa Luxemburg verlesen. Darin heißt es, dass manche Orte als Ruinen errichtet werden und Ruinen bleiben, ja sogar als „ruinöse Ruinen” oft verteidigt würden. „Ruinöse Ruinen“, das geht im Deutschen Pavillon auch gegen Deutschland. Eine Kritik, die freilich jemand wie Hans Haacke dort weit überzeugender visualisierte. Er hackte 1993 einfach den Boden auf. Das System direkt anzuklagen? Hatte er nicht nötig. SWR - Foto: Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Der Beitrag für den Deutschen Pavillon 2019 spannt hingegen mit all seinen Elementen ein weites Propaganda-Netz konkreter politischer Bezüge. Natascha Sadr Haghighian hat in den Pavillon die hohe Wand eines Staudamms eingebaut, unten fließt nur ein kleines Rinnsal raus. Die auf der einen Seite haben Wasser, die auf der anderen keines. SWR - Foto: Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
In einem Kabinett stapeln sich Plastik-Kisten für die Ernte auf den Feldern, dahinter lehnt ein Werbeplakat für eine gentechnisch veränderte Tomate. Man erinnere sich an das zweite veröffentlichte Video, das die Spur legt zu den illegalen Erntehelfern, die in Süditalien ausgebeutet werden. SWR - Foto: Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Doch wer, der ohne Vorwissen den Deutschen Pavillon besucht, wird davon irgendwas verstehen? Das Konzept ist total überfrachtet: Identität, die Macht der Algorithmen, Flüchtlinge, das Kapital, das Problem der weltweiten Wasserversorgung. Die zentralen Videos laufen nicht im Pavillon, und für eine angemessene Vermittlung braucht es vor Ort ganz sicher mehr, als nur zwei Kataloge anzubinden. Wer einer breiten Öffentlichkeit so etwas präsentiert, der manövriert die Kunst ins Abseits. SWR - Foto: Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen

Beeindruckender Länderpavillon: „Ghana Freedom“

Ghanas Pavillon „Ghana Freedom“ auf der Biennale ist ein „Nationalmuseum in Miniaturformat“ und könnte als einer der „Newcomer“ des Festivals eine Chance auf den goldenen Löwen haben.

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Kuratorin Franciska Zólyom im SWR2-Zeitgenossen-Gespräch

Franciska Zólyom kuratiert den Deutschen Pavillon für die diesjährige Kunstbiennale in Venedig. Die 45-Jährige ist die erste Biennale-Kuratorin aus den Neuen Bundesländern. Im Hauptberuf leitet sie die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig.

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Mit Galeristin Dorothea van der Koelen auf der "Biennale" in Venedig

Die Mainzer Galerie van der Koelen hat auch eine Filiale in Venedig. Kunscht! nimmt die 58. Biennale zum Anlass, Galeristin Dorothea van der Koelen vor Ort zu treffen!

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58. Internationale Kunstausstellung, la Biennale die Venezia 2019.

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