Kunst und Comic Auf den Spuren von Tomi Ungerer: Der Zeichner Blutch in Straßburg

Von Philine Sauvageot

Die Stadt Straßburg trauert um den im Februar verstorbenen Comic-Zeichner und Illustrator Tomi Ungerer - und feiert mit gleich drei Ausstellungen einen Künstler, der ebenso berühmt werden könnte. Wie Ungerer stammt auch er aus Straßburg und ist in Frankreich seit den 90er Jahren eine feste Größe: der Zeichner Blutch.

Musée Tomi Ungerer Bilder zur Ausstellung „Blutch. Making a Mark“ in Straßburg

dessin pour la couverture de Variations (Foto: Musées de la Ville de Strasbourg - Foto:  Dargaud / Blutch/ Dargaud 2017)
Blutch ist ein Kollege des berühmten Tomi Ungerer, der im Elsass einen regelrechten Promi-Status genießt. Ungerer ist im Februar verstorben, lebt aber in den Augen seines sichtlich gerührten Comic-Kollegen noch lange weiter. Blutch selbst übermalt Zeichnungen teilweise noch nach Jahren, wenn er mit dem bisherigen Ergebnis nicht zufrieden ist. Selbst mit dem Nebeneffekt, dass die Asterix-Figur hinter ihrer Nase nicht mehr zu erkennen ist.Auf dem Bild: Blutch, sans titre, dessin pour la couverture de Variations, Dargaud 2017. Pastel sur papier, 54 × 45 cm Collection de l’artiste. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Dargaud / Blutch/ Dargaud 2017 Bild in Detailansicht öffnen
Blutch ist, wie sein Idol Tomi Ungerer, in Straßburg geboren. Er hat das Comic-Handwerk dort auf derselben Schule gelernt, an der Arts-Décoratifs, wenn auch 30 Jahre später. Und jetzt hängen seine Zeichnungen in ganz Straßburg aus, unter anderem im Musée Tomi Ungerer. Neben den Werken seines Idols also, sie treten in einen Dialog und verstehen sich gut.Auf dem Bild: Blutch, sans titre, affiche de l’édition 2019. Des Rencontres de l’Illustration de Strasbourg, 2018. Pastels sur papier, 51 × 36 cm Collection de l’artiste. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Blutch Bild in Detailansicht öffnen
Auch Blutch zeichnet für Zeitungen satirische Cartoons, illustriert Buchcover oder Film-und Festivalplakate. Aber so wie Tomi Ungerer zeichnet er am allermeisten und allerliebsten Frauen – seine Quelle der Inspiration.Auf dem Bild: Blutch, sans titre, dessin pour l’affiche du film La Chambre Bleue, 2014. Pastels sur papier, 51 × 36 cm Collection de l’artiste. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Dargaud / Blutch Bild in Detailansicht öffnen
Frauen, die sich nackt räkeln oder sich entblößen, leicht bekleidet aus einer Torte hüpfen, den Mund weit geöffnet, unter den lüsternen Blicken der Männer, die klatschen oder sie begrapschen.Auf dem Bild: Blutch, dessin de couverture de Total Jazz, Cornelius, 2013. Stylo pinceau sur papier, 29,7 × 21 cm Collection de l’artiste. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Blutch/ Cornélius 2013. Bild in Detailansicht öffnen
„Kokett“ nennt Blutch die Frauen auf der Skizze. Damit offenbart er sich als Zeichner der alten Schule, die Geschlechter-Klischees auf sehr klassische Weise auf die Spitze treibt.Auf dem Bild: Blutch, sans titre, projet de couverture (non retenue) pour Variations, Dargaud, 2017. Encre, stylo pinceau et collage sur papier, 42 × 22,7 cm Collection de l’artiste. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Dargaud / Blutch Bild in Detailansicht öffnen
In der Ausstellung wimmelt es nur so von Zitaten und Referenzen an belgische und französische Comic-Vorbilder. Hier entdeckt man Märchenstoffe, den Weißen Reiter Lucky Luke, dort das Motorboot von dem Cover „Die Schwarze Insel“ des Belgiers Hergé. Nur dass bei Blutch neben Hund Struppi nicht Tim sitzt, sondern die biblsche Figur Noah.Auf dem Bild: Blutch, „Sind Sie auch losgezogen, um Ihre Kinder im Wald zu verlieren?“, dessin pour Libération d’après Gustave Doré, 28 janvier 2015. Encre, plume sur papier, 42 × 29,5 cm Collection de l’artiste. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Blutch Bild in Detailansicht öffnen
Auch Blutch selbst ist eine wandelnde Referenz. Haben ihm doch schon seine Klassenkameraden den Spitznamen Blutch gegeben, weil er dem Helden des Comics „Die blauen Boys“ ähnlich war, der den Krieg so verachtet und sich vor seiner Wehrpflicht zu drücken versucht.Auf dem Bild: Blutch, sans titre, 2015. Pastels, 42 x 59,2 cm Collection particulière, courtesy MEL Compagnie des Arts. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Blutch / Mel Compagnie des Arts Bild in Detailansicht öffnen
Alles bezieht sich aufeinander. Die Bulldoge aus Tim und Struppi springt förmlich aus dem Bild, daneben hängt eine Katze, sie macht einen Buckel, das Fell ist gesträubt. Die Bulldoge mache ihr Angst, erklärt Blutch. Diese Katze ist dem Tier aus dem Gemälde „Olympia“ von Édouard Manet nachempfunden. Sie ähnelt ihr, ist nur deutlich angespannter, ein Katzenbuckel in extremer Angststarre. Überfremdung und Nachahmung - die geläufigen Mittel der satirischen Zeichnung beherrscht Blutch.Auf dem Bild: Blutch, sans titre. Série de sept dessins „La suite Vidy“ réalisée pour le théâtre Vidy à Lausanne, 2015. Encre, stylo pinceau sur papier, 21 × 29,7 cm Collection particulière Sylvie Wuhrmann. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Blutch Bild in Detailansicht öffnen
Jetzt müssen nur die Besucher den Comic-Kanon kennen, um all die Anspielungen zu verstehen. Auf dem Bild: Blutch, sans titre, dessin extrait de La Beauté, Futuropolis, 2008. Crayons de couleur sur papier, 29,7 × 21 cm Collection de l’artiste. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Blutch/ Futuropolis 2008. Bild in Detailansicht öffnen
Ein bisschen wirkt dieses Festival in der ganzen Stadt wie ein Versuch zur gemeinsamen Trauerbewältigung nach dem Tod von Tomi Ungerer. Die Straßburger trösten sich mit einem seiner Schule, der sie wieder zum Schmunzeln bringen dürfte.Auf dem Bild: Blutch, projet de couverture (non retenue) pour Charivari, éditions du Seuil, 1998. Pastels et encres, stylo bille sur papier, 29,7 × 21 cm Collection de l’artiste. Musées de la Ville de Strasbourg - Foto: Blutch/ Seuil Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

„Blutch. Un autre paysage. Dessins 1994-2018“ in den Musées de la Ville in Straßburg, vom 22. März bis zum 30. Juni 2019.

STAND