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Kunst mit politischer Botschaft Käthe-Kollwitz-Preis an Katharina Sieverding

Kulturthema am 12.7.2017 von Jochen Stöckmann

Mit der Fotografin Katharina Sieverding erhalte eine Künstlerin den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste, die seit den 60er Jahren das Zeitalter der großformatigen Fotokunst eingeleitet habe, hieß es. Sieverding selbst erklärt ihre Fotokunst auch biografisch, so sei durch ihren Vater beeinflusst worden. "Der war Radiologe. Ich fand es immer ganz erstaunlich als Kind, wenn er dann diese Filme hochhielt und Befunde diktierte", erklärt sie in einem Porträt von SWR2-Reporter Jochen Stöckmann. Sieverding gehe in ihrer Kunst oft um politische und gesellschaftliche Themen - und um deren Rezeption. Sie konfrontiere das Publikum mit Projektionsflächen, mit Bildern die Assoziations- und Denkräume öffneten, so Stöckmann.

Katharina Sieverding: "Ich habe mich dann natürlich auch mit Käthe Kollwitz auseinandergesetzt: diese künstlerische Position von ihr – gegen Arbeitslosigkeit, gegen Vergewaltigung, ihre ganze Plakatarbeit. Dadurch bin ich dann zu dieser Idee gekommen, dass ich hier alles nur im Plakatformat installiere – weil ich ja auch nicht solch eine 'Kunst-Kunst-Ausstellung' machen wollte."

Katharina Sieverding zeigt keinen Querschnitt ihres künstlerischen Oeuvres. Sie lädt stattdessen ein, alte Motive – manche noch aus den siebziger Jahren – in meterhohen Montagen, Collagen, Fotoexperimenten politisch zu betrachten, wie Kommentare im öffentlichen Raum: "Wenn man hier durch die Ausstellung geht ist es so, dass das alles auf unheimliche Art und Weise wieder hochaktuell ist", erklärt Sieverding. "Etwa dieses hier: "Deutschland wird deutscher"."

Jedes Bild ein Spannungsfeld

Damit reagierte die Künstlerin auf nationalistische Parolen und fremdenfeindliche Gewalt – das war 1993. Nicht nur diese Aktualität wirkt verstörend, irritierend. Jedes Bild ist ein Spannungs-, ein Minenfeld. Der GSG-9-Trupp im Schießkino, 1978 als riesige Negativ-Vergrößerung plakatiert, lässt heute jeden Betrachter an die nächtlichen Aufnahmen der Sondereinsatzkommandos beim Hamburger G-20-Gipfel denken. Ein harmloser Vergleich, wäre da nicht mitten im Bild der provozierende Titel: „Schlachtfeld Deutschland“.

Andererseits enthält „Art goes Heiligendamm“, das Plakat zum G-8-Gipfel 2008, mehr als nur oberflächliche Parteinahme für Globalisierungsgegner: Kritik an unreflektierter Gewalt deutet sich an, wenn in der grafischen Komposition rote Schrift frontal zusammenstößt mit einem schwarzen Block. Der bleibt ohne Text, inhaltsleer.

Vom Vater geprägt

"Ich denke, über Bilder kann man ja auch Menschen zur Recherche bringen, zum Nachforschen," sagt Sieverding. Woher rührt dieser Drang, mit Bildern, mit Kunst den Dingen, den Verhältnissen auf den Grund zu gehen? Katharina Sieverding hat ihn, ungewöhnlich für die 68-er-Generation, vom Vater: "Der war Radiologe. Ich fand es immer ganz erstaunlich als Kind, wenn er dann diese Filme hochhielt und Befunde diktierte. Diese Erfahrung hat mich wohl beeinflusst."

Statt selbst Befunde zu diktieren, konfrontiert die Künstlerin ihr Publikum mit Projektionsflächen. Diese Bilder öffnen Assoziations- und Denkräume, auch Katharina Sieverdings zahlreiche Selbstporträts. Immer wieder variiert – am liebsten klassisch analog, in der Dunkelkammer: "Ich fand es immer unheimlich toll, darin zu experimentieren", erklärt sie. "Dieses Entwicklungsbad, das ist für mich ein anderes Potential. Dieses Innenleben der Bild- und der Lichtkunst."

Gegen globale Gleichmacherei

Das ist eine künstlerische Kampfansage an die Digitalisierung. Und politischer Protest gegen jene globale Gleichmacherei, die sich mit medientechnisch avancierten Bildermaschinen, mit Smartphones und Tablets einschleicht.

Katharina Sieverding: "Der Ursprung dieser ganzen Werkzeuge kommt natürlich aus militärischen Zusammenhängen. Mich hat immer interessiert: Wo stammt das alles her, was für eine Macht steckt dahinter? Und ich dachte, wenn ich mit diesen Mitteln arbeite, dann möchte ich diesen Spiegel den Verhältnissen auch vorhalten."

Dieser Spiegel, das ist die Waffe der Kritik. Ganz unmilitärisch, gewaltlos, aber äußerst scharf – in den Händen einer Künstlerin wie Katharina Sieverding.

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