Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur Mit Karin Sander am Tatort der Kunst

Von Johannes Halder

Karin Sander ist bekannt dafür, dass sie scheinbar Unsichtbares sichtbar macht und Situationen schafft, in denen der Besucher das Werk erst vollendet. Manche ihrer Werke lässt sie ganz von Zufällen gestalten. Einige davon sind jetzt im schweizerischen Winterthur zu sehen. Eine Ausstellung voller Überraschungen - ohne Abgehobenheit.

Verschrumpelnde Exponate: Salat und Gemüse

Radieschen, Kopfsalat, Pepperoni, Brokkoli, Mango, Gurke, Zwetschge, Knoblauch, Ingwer – 75 verschiedene Früchte vom Wochenmarkt in Winterthur hat Karin Sander der Reihe nach an die weißen Museumswände genagelt, Raum für Raum. Eine Augenweide.

Der Saft einer exotischen Frucht hat bereits ein rotes Rinnsal an der Wand hinterlassen, irgendwann wird sie erschlafft herunterfallen. Und auch das übrige Obst und Gemüse wird absehbar verwelken und verschrumpeln, verschimmeln und verfaulen – ein natürlicher Prozess.

In einer Entwicklung gibt es keinen perfekten Moment

Alles vergeht, das ist auch die Botschaft der flämischen Barockstillleben mit ihren unverwüstlich gemalten Früchten, die uns Karin Sander in einem separaten Raum dazu vor Augen führt. Lauter Vanitas-Symbole.

Aber, sagt die Künstlerin: „Es geht nicht nur um Vergänglichkeit. Es geht auch darum: Was passiert eigentlich in dem Prozess? Gibt es einen Moment, der perfekt ist? Es gibt ihn eigentlich nie.“

Karin Sander 1:5, 2015. 3D-Farbscan der lebenden Person, polychromer 3D-Druck, schwarz-weiß, Gipsmaterial. (Foto: Villa Massimo, Rom - Foto: Alberto Novelli)
Karin Sander 1:5, 2015. 3D-Farbscan der lebenden Person, polychromer 3D-Druck, schwarz-weiß, Gipsmaterial. Villa Massimo, Rom - Foto: Alberto Novelli

Das Kunstwerk als zerstoßenes Postpaket

Dass nichts bleibt wie es ist, gilt auch für die weißen Leinwände, die Karin Sander unverpackt als Pakete durch die Welt schickt und die dann als Bild mit Schrammen und Flecken wieder zurückkommen. Eine hat sie in die Sammlung des Museums geschmuggelt.

Zwischen Mondrian und van Doesburg hängt ein Bild mit einem rechtwinkligen Streifenmuster auf weißem Grund. Es sind schwarze Plastikbänder, mit denen ein übereifriger Paketdienstleister die Leinwand umspannt hat.

Karin Sander, Museumsbesucher 1:8, Labor K20, 2010. 3D-Bodyscans der lebenden Personen in ihren jeweils ausgesuchten Farbtönen. Monochromer 3D-Druck, Gipsmaterial. (Foto: K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf - Foto: Achim Kukulies)
Karin Sander, Museumsbesucher 1:8, Labor K20, 2010. 3D-Bodyscans der lebenden Personen in ihren jeweils ausgesuchten Farbtönen. Monochromer 3D-Druck, Gipsmaterial. K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf - Foto: Achim Kukulies

Der Strategiewechsel als Strategie

Auf den ersten Blick könnte man sie für das Werk eines konstruktivistischen Künstlers halten – eine Art von Post-Moderne sozusagen, und mit ähnlichen Konzepten geht das durch diese ganze Schau.

„Ich arbeite mit Situationen, und Konzeptkünstler ist eigentlich jeder Künstler.“ Karin Sander arbeitet mit räumlichen Ausblicken und Durchblicken, mit raffinierten Realitätsverschiebungen und flüchtigen Bildern, die oft nicht zu fassen sind – ähnlich wie die Strategie der Künstlerin. „Meine Strategie ist eigentlich die, dass ich immer wieder eine neue Strategie entwickle.“

Den Menschen auf handliches Format schrumpfen

Zu sehen sind auch die mit Körperscanner und 3D-Drucker gefertigten Porträtplastiken, mit denen Sander Leute auf handliches Format schrumpft – auch sich selbst. In einer anderen Arbeit können wir uns mit einer Datenbrille virtuell durch die Räume bewegen und eine zweite Ausstellung betrachten.

Ein perfektes digitales Konstrukt: die Ausstellung als Vorstellung. Doch welche ist echt und welche falsch? Spannende Fragen, zumal ein renommierter Physiker kürzlich die atemberaubende These aufgestellt hat, womöglich existiere unser ganzes Universum gar nicht, sondern sei reine Fiktion.

Ausstellungsansicht Karin Sander mit John Waters, 1:5, 2015, Sammlung John Waters. (Foto: Sammlung John Waters - Foto: Lucas Ziegler)
Ausstellungsansicht Karin Sander mit John Waters, 1:5, 2015, Sammlung John Waters. Sammlung John Waters - Foto: Lucas Ziegler

Die Ausstellung als Tatort

Und auch das ist typisch Karin Sander: Statt des üblichen Katalogbuchs hat sie zwei Krimis in Auftrag gegeben. In dem einen geht es um einen Mord an der falschen Person. Die Ausstellung als Tatort, an dem die Künstlerin die üblichen Methoden des Kunstbetriebs unterläuft, die Dinge mit einem Augenzwinkern zum Kippen bringt und uns den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ach was: In einigen Räumen hat sie sogar einen doppelten Boden eingezogen, man schreitet darauf gewissermaßen auf höherem Niveau durch die Schau. Kunst ist eben Ansichtssache, auf den Standpunkt kommt es an. Abgehoben ist das nicht.

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