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Joseph Beuys wünschte sich das Museum als „Ort permanenter Konferenz“

Mit den gängigen Vorstellungen einer Museumspräsentation hatte Joseph Beuys nicht viel im Sinn. Fast jede Ausstellung seiner Werke hat er daher mit großem, auch körperlichem Einsatz selbst installiert.

Darunter den Beuys-Raum in der Stuttgarter Staatsgalerie, die anlässlich des 100. Geburtstages das Museumsverständnis des Künstlers nachzeichnet. Statt stiller Betrachtung wünschte sich Beuys eine intensive Auseinandersetzung des Publikums mit den Werken – das Museum als „Ort permanenter Konferenz“.

Joseph Beuys. Der Raumkurator in der Staatsgalerie Stuttgart (Foto: Pressestelle, Lothar Wolleh Estate, Berlin)
Lothar Wolleh, Joseph Beuys im Moderna Museet, Stockholm (beim Aufbau seiner Arbeit »Plastischer Fuß Elastischer Fuß«), 1971, Pressestelle Lothar Wolleh Estate, Berlin

Beuys zum Stirling-Bau der Staatsgalerie: „Viel zu mickrig“

Das muss man sich mal vorstellen: Da wird 1984 in Stuttgart die neue Staatsgalerie, der spektakuläre Stirling-Neubau, eingeweiht, der bereits als Museumswunder gefeiert wird, und der einzige Kommentar, der Joseph Beuys dazu einfällt, lautet: „viel zu mickrig“. Er war unzufrieden mit dem ihm zugeteilten Raum.

Nach langer, harter Verhandlung konnte er sich schließlich einen der Eckräume sichern, erzählt die Kuratorin und stellvertretende wissenschaftliche Direktorin der Staatsgalerie Ina Conzen: „Jeder, der hier hereinkommt, ist ein wenig überwältigt, vielleicht auch sprachlos. Das ist ja das, was Beuys immer interessiert hat: Eben nicht ästhetisch gefällige Kunst zu schaffen, sondern Kunst, die das Denken anregt.“

Joseph Beuys. Der Raumkurator in der Staatsgalerie Stuttgart (Foto: Pressestelle, VG Bild-Kunst, Bonn 2021)
Raumaufnahme Beuys-Raum, Staatsgalerie Stuttgart Pressestelle VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Der Beuys-Raum passte so gar nicht ins Konzept der Staatsgalerie Stuttgart

Tatsächlich passt dieser Raum so gar nichts ins Konzept. Sechs ganz unterschiedliche, auch zeitlich zum Teil sehr weit auseinanderliegende Kunstwerke hat Beuys hier aufgestellt. Der Blick bleibt dabei automatisch an einem Werk hängen, das den Titel „Dernier Espace avec introspecteur“ trägt. Ein Stuhl mit einem riesigen Bienenwachsklumpen steht da mitten im Weg, darunter der Untergrund aus Gips, aufgebrochen, was so etwas wie Baustellenatmosphäre vermittelt.

Joseph Beuys-Raum in der Staatsgalerie Stuttgart (Foto: Pressestelle, SWR / Niko Vialkowitsch)
„Dernier Espace avec introspecteur“ im Joseph Beuys-Raum der Staatsgalerie Stuttgart Pressestelle SWR / Niko Vialkowitsch

Verstärkt wird das Gefühl durch zwei fast 15 Meter lange, ineinandergeschobene Röhren, die fast in der Mitte durchzubrechen drohen und von der einen Wand rein- und an der anderen Wand wieder hinausführen.

Die Kunstwerke werden erst durch das Denken des Betrachters fertig

„Er installiert die Kunstwerke jetzt eben nicht so wie man das als Kunsthistoriker im Museum machen würde“, erklärt Conzen. Vielmehr wirke es so: „Der Künstler ist gerade weggegangen und das ist irgendwie unaufgeräumt und das ist so im Prozess begriffen. Dieses Prozessuale, ist ein interessanter Ansatz: Die Werke sind nicht fertig, weil sie erst durch das Denken des Betrachters fertig werden.“

Beuys 2021 Kunst aus Eichen, Fett und Filz - 100 Jahre Joseph Beuys

Joseph Beuys, der Mann mit Hut und Anglerweste, gehört zu den bedeutensten Erneuerern der Kunst im 20. Jahrhundert. Dieses Jahr wäre der charismatische Künstler 100 Jahre alt geworden — der Anlass, seine einflussreichen Ideen in zahlreichen Ausstellungen, Aktionen, Veranstaltungen zu würdigen.  mehr...

Museumsbesucher*innen sollen sich zwischen den Werken bewegen können

„Plastischer Fuß Elastischer Fuß“ heißt das zweite Werk, zwei gut 12 Quadratmeter große Wandplanen aus Filz und Gummi, die unten auf eine Stahlplatte fallen, auf der drei Autobatterien aufgestellt sind. Fotos zeigen, wie Beuys im dicken Fellmantel zwischen den Planen posiert.

Lothar Wolleh, Joseph Beuys im Moderna Museet, Stockholm (Foto: © Lothar Wolleh Estate, Berlin, für Joseph Beuys: VG BildKunst, Bonn 2020 )
Lothar Wolleh, Joseph Beuys im Moderna Museet, Stockholm (vor seiner Arbeit »Plastischer Fuß Elastischer Fuß«), 1971 © Lothar Wolleh Estate, Berlin, für Joseph Beuys: VG BildKunst, Bonn 2020 Bild in Detailansicht öffnen
Lothar Wolleh, Joseph Beuys im Moderna Museet, Stockholm (vor seiner Arbeit »Plastischer Fuß Elastischer Fuß«), 1971 © Lothar Wolleh Estate, Berlin, für Joseph Beuys: VG BildKunst, Bonn 2020 Bild in Detailansicht öffnen
Lothar Wolleh, Joseph Beuys im Moderna Museet, Stockholm (beim Aufbau seiner Arbeit »Plastischer Fuß Elastischer Fuß«), 1971 © Lothar Wolleh Estate, Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Lothar Wolleh, Joseph Beuys im Moderna Museet, Stockholm (beim Aufbau seiner Arbeit »Plastischer Fuß Elastischer Fuß«), 1971 © Lothar Wolleh Estate, Berlin Bild in Detailansicht öffnen
Lothar Wolleh, Joseph Beuys im Moderna Museet, Stockholm (beim Aufbau seiner Arbeit »Plastischer Fuß Elastischer Fuß«), 1971 © Lothar Wolleh Estate, Berlin Bild in Detailansicht öffnen

Genau so sollten sich auch die Besucherinnen und Besucher zwischen den Werken bewegen können. Aus diesem Grund sah er sich gezwungen, die Figuren von Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“ neu zu arrangieren, um sie so zu präsentieren, dass sich das Publikum zwischen den Tänzer*innen aufhalten und damit Teil des Balletts werden kann.

Geistesbande zwischen Künstlern - stärker als Familienbande

Beuys hatte da eine radikale Haltung, meint Kuratorin Ina Conzen. Familie Schlemmer sei damit allerdings nicht einverstanden gewesen. Beuys hätte dazu gesagt, ihn als Künstler verbänden mit Schlemmer Geistesbande, und die seien stärker als Familienbande.

Der Raumkurator Beuys zeigte sich völlig ungerührt gegenüber gängigen Museumspraktiken. Für ihn gab es nie ein einziges Konzept. Anhand vieler Fotos dokumentiert die Ausstellung die Vorgeschichte der Stuttgarter Werke. Die großen Installationen wurden dabei den örtlichen Gegebenheiten in Düsseldorf, Stockholm oder Paris entsprechend angepasst. Und immer mittendrin und immer in Aktion: Beuys mit Filzhut und Anglerweste. Ein Künstler, der sich selbst als Kunst inszeniert.

Videobeitrag des Kulturmagazin Kunscht! zur Beuys-Ausstellung in Stuttgart:

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Ulm

Ausstellung Joseph Beuys im deutschen Süden - Museum Ulm zeigt das „Woodstock der Ideen"

In Achberg hat der Künstler Joseph Beuys seine gesellschaftspolitischen Ideen entwickelt, sagt Stefanie Dathe, Direktorin des Museums Ulm. Dort hat er jedes Jahr Tagungen und Kongresse veranstaltet. Die Ausstellung „Ein Woodstock der Ideen“ zum Beuys-Jahr 2021 zeichnet vor allem das politische Engagement des Künstlers nach. Schon damals habe Beuys „Fragen diskutiert, die uns heute noch gleichermaßen beschätigen, erklärt Dathe im Gespräch mit SWR2.  mehr...

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100 Sekunden Kunst Oskar Schlemmer: Figurinen zum Triadischen Ballett

Der Anspruch war hoch. Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer wollte mehr Geometrie und weniger Tüll auf den Bühnen. Theoretisch eine gute Idee...  mehr...

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