Hausbesuch

In Form gebracht: das Automobil in der Kunst von Stefan Rohrer

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AUTOR/IN
Tobias Ignée

Wie sieht es um unsere automobile Zukunft aus? Hat sie überhaupt noch eine? Fragen, mit denen sich der Stuttgarter Künstler Stefan Rohrer auseinandersetzt. Dazu zerlegt er in seinem Atelier in den Stuttgarter Wagenhallen Oldtimer und Motorräder, dehnt und streckt sie, so dass sie in ihrer Deformation aussehen wie ein langgezogener Kaugummi. Es ist ein fantasievolles Spiel mit Perspektive, Wahrnehmung und mit der Geschwindigkeit. Gleichzeitig aber auch eine Kritik an der Zukunft des Deutschen liebsten Kindes.

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Stefan Rohrer: Entzwei (Foto: Frank Kleinbach)
Stefan Rohrer: Entzwei Frank Kleinbach Bild in Detailansicht öffnen
Stefan Rohrer: Fast and furious mit Capri gegen Manta Frank Kleinbach Bild in Detailansicht öffnen
Stefan Rohrer: Goggo Frank Kleinbach Bild in Detailansicht öffnen
Stefan Rohrer: Kreuzung, Wandobjekt Frank Kleinbach Bild in Detailansicht öffnen
Stefan Roher: Rollercoaster Frank Kleinbach Bild in Detailansicht öffnen

Ein neues Atelier in den Wagenhallen

„Kulturschutzgebiet“ steht auf einem orangenen Verkehrsschild des Stuttgarter Kulturamtes am Eingang des Wagenhallenareals. Darunter zu lesen auf einer Hinweistafel: „Kulturschutzgebiete sind Gebiete, in denen besonderer Schutz von Kunst und Kultur in ihrer Ganzheit oder in einzelnen Teilen erforderlich ist“.

Dieses Kulturschutzgebiet war ursprünglich ein Eisenbahnausbesserungswerk am Stuttgarter Nordbahnhof. Bis die Wagenhallen renoviert wurden, arbeitete Stefan Rohrer in einem Containerdorf vor den Hallen über dem jetzt die Abrissbirne schwingt, weil auf dem Gelände unter anderem die Interimsspielstätte für die Stuttgarter Oper entstehen soll.

Das Containerdorf war ein einzigartiges Kulturbiotop, ein kreatives Mit- und Durcheinander mit einem ganz besonderen Charme. Und obwohl Stefan Rohrer nun zu den privilegierten Künstlern gehört, die in die neuen Ateliers einziehen konnten, stimmt ihn diese Entwicklung nachdenklich.

Viel Platz und schweres Gerät

Für ihn als etablierten Künstler ist das neue Atelier ein Segen. Denn für das, was der 1968 in Göppingen geborene Künstler dort treibt, braucht er viel Platz und vor allem schweres Gerät.

Einen großen Gabelstapler, Hebewerkzeuge, Schweiß-, Schleif- und Flexmaschinen zum Durchtrennen von Blechen. In seinem Atelier geht es zu wie in einer Autowerkstatt, wobei hier die Fahrzeuge nicht in ihren Originalzustand zurückversetzt werden, sondern etwas ganz Neues entsteht.

Überall liegen Blechteile herum, an den Wänden hängen Entwürfe, Zeichnungen und auf Werkbänken stehen Modelle von Karosserien im Maßstab 1:20. Und im Zentrum, das wohl wichtigste Werkzeug Stefan Rohrers: eine Profilbiegemaschine.

Mit den gebogenen Rohren verlängert der Künstler auseinandergeschnittene Karosserien und gibt ihnen eine neue Form. So wickelt sich etwa eine hellblaue Vespa wie eine Spirale um einen verbogenen Laternenpfahl. Lenker und das Vorderrad sind weit vom Rest des Rollers entfernt.

Zeitloses Design faszinierte Rohrer schon früh

Oder ein alter rot-silberner Porsche 924 bekommt eine mehrere Meter lange Front verpasst, aus der Rohre in alle Himmelsrichtungen herausragen. An deren Enden sind das Lenkrad, der Fahrersitz oder ein Rad angeschweißt – das Fahrzeug entledigt sich sozusagen seiner Bestandteile.

Die Fahrzeuge, aus denen Stefan Rohrer seine automobilen Kunstwerke schafft, sind nicht irgendwelche. Es sind solche, deren zeitloses Design ihn seit seiner Jugend fasziniert: Neben dem Porsche 924, etwa auch die Ente von Citroen, der Mini Cooper oder ein Ford Mustang.

Der Stuttgarter Künstler Stefan Rohrer erschafft automobile Skulpturen. (Foto: SWR, © Tobias Ignée)
Auf die Idee, an die Fahrzeuge Hand anzulegen, kam der Künstler auf Umwegen. © Tobias Ignée

Statt Automobildesign wurde es Kunst

 „Mit 14, 15 war ich ziemlich gut in Autos-Entwerfen, konnte so alle Ansichten und Perspektiven und Sachen durchdeklarieren. Dann kam aber mein Jugendzentrum und wir waren alle völlig links und wollten die Welt verändern. Da passten die Autos überhaupt nicht mehr rein. Und dann habe ich diese Autos natürlich von mir hergeschoben und habe sie verleugnet, und naja.“  

Und so wurde aus dem ursprünglichen Wunsch, Automobildesign zu studieren, nichts. Rohrer entschied sich für eine Steinmetzlehre, an die sich dann das Studium an der Kunsthochschule in Halle an der Saale und der Staatlichen Akademie der Künste in Stuttgart anschloss. Dennoch verlor er nie die Begeisterung für das Automobil, sah es aber auch immer mit einem kritischen Auge.

Ausdruck des Zweifels

Auch wenn sie nicht fahren können, vermitteln die Karossen ein Gefühl von Geschwindigkeit. In ihrer Deformation erinnern sie an langgezogene Kaugummis, oder an eine Langzeitbelichtungen, bei der die Konturen der Karossen verschwimmen – ähnlich wie beim vorbeirauschenden Verkehr.

Sie sind ein irritierendes Spiel mit Perspektive, Wahrnehmung, Täuschung und der dreidimensional gewordenen, eingefrorenen Bewegung. Aber auch Ausdruck des Zweifels an unserem Mobilitätswahn, den Stefan Roher bei all seiner Liebe zum Automobil immer schon hatte.

Mahnung an unsere Zeit und Alptraum der Oldtimerfans

Die automobilen Skulpturen von Stefan Rohrer sind nicht nur eine Mahnung an unsere Zeit, sie sind für den einen oder anderen Oldtimerfan sicherlich auch ein Albtraum.

Mal abgesehen davon, dass der TÜV die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, wenn er diese Gefährte für den Straßenverkehr zulassen müsste.

Der Stuttgarter Künstler Stefan Rohrer erschafft automobile Skulpturen. (Foto: SWR, © Tobias Ignée)
Charmant hingegen der Gedanke, welch fantasievollen Gefährte unsere Straßen heute verstopfen würden, wenn der Künstler Stefan Rohrer seinen ursprünglichen Traum vom Beruf eines Automobildesigners doch hätte wahr werden lassen. © Tobias Ignée

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Tobias Ignée