Erinnerung an Gestapo-Terror in Stuttgart NS-Gedenkstätte „Hotel Silber“

Von Silke Arning

Zu NS-Zeiten war es der Stuttgarter Sitz der Gestapo: das „Hotel Silber“. Hier wurden Verfolgung, Verhaftung und Deportation von Regimegegnern und Juden organisiert. Nach langem Kampf um den Erhalt des Gebäudes wurde am 4. Dezember im „Hotel Silber“ eine Gedenk- und Erinnerungsstätte eröffnet.

"Hotel Silber": Lernort für Ausgrenzungserfahrungen

Rückseite im Flur (Foto: SWR, SWR - Silke Arning)
Die Besucher der Erinnerungsstätte Hotel Silber müssen sich durch enge Gänge und Räume winden. Wer die Tür zur ersten Etage und damit zur Dauerausstellung öffnet, wird mit einer Zimmerflucht konfrontiert und mit der Erkenntnis, mit welcher Geschmeidigkeit sich die ehemaligen Hotelzimmer in Polizeistuben verwandeln konnten. SWR - Silke Arning Bild in Detailansicht öffnen
Der Blick bleibt frei, weil eine gekonnte Bodeninstallation das Betreten des Ganges verhindert. Über die gesamte Länge erstreckt sich ein riesiger Polizist, zusammengesetzt aus unzähligen Passfotos ehemaliger Mitarbeiter, die hier nach der Aufgabe des Hotels seit der Weimarer Republik bis in die 80er Jahre der BRD gewirkt haben. Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg - Daniel Stauch Bild in Detailansicht öffnen
„Kontaktzone zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ - so definiert die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann einen „authentischen Ort“. Es ist dieses Gefühl, dieser kleine Moment, an dem sich Geschichte tatsächlich zu mehr als reiner Anschauung verdichten kann. Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg - Daniel Stauch Bild in Detailansicht öffnen
Kurator Friedemann Rincke: „Das ist ein Bild, das jeder von uns kennt, wenn man auf ein Amt geht: langer Flur,  rechts und links sind die Büros der einzelnen Sachbearbeiter. Man sucht sich raus, wo man hin muss. An der Tür sind Türschilder. Das haben wir von Anfang an so bewahren wollen, dass der Blick in den Flur frei bleibt  und dieser Eindruck weiter entsteht.“ Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg - Daniel Stauch Bild in Detailansicht öffnen
Die Geschichte des Hauses wird in einem fest gelegten Rundgang in 14 Räumen erzählt. Das Grundprinzip ist in jedem Zimmer gleich, erklärt Ausstellungsleiterin Paula Lutum Lenger vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg: „Was bedeutet polizeiliches Handeln, das Verfassen von Erlassen, von Befehlen,  für die Menschen, die davon betroffen sind? Das Haus ist zugleich ein Täter- und ein Opferort.“ SWR - Silke Arning Bild in Detailansicht öffnen
Zu den Opfern zählen die Stuttgarter Angehörigen des Hitler-Attentäters Georg Elser. Sie werden stundenlang in der Gestapo-Behörde verhört. In der Pförtnerloge, heute noch hinter dem Gebäudeeingang zu sehen, hockt verloren der 11-jährige Neffe Elsers. Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg - Daniel Stauch Bild in Detailansicht öffnen
Auch der Bosch-Mitarbeiter Anton Hummler wird im September 1943 von den Nazis verhaftet: Er hatte Kontakt zu Widerstandsgruppen und verbotene Auslandssender gehört. Morgens um fünf Uhr habe die Gestapo bei Ihnen angeklopft, erzählt der Sohn, Heinz Hummler (Bild): „Was mir in Erinnerung geblieben ist: dass meine Mutter ohnmächtig wurde und auf dem Boden lag. Und der Gestapo-Mann stieg über sie hinweg und fragte mich: Hat sie das öfters?“Der 11jährige Sohn Heinz verfasst einen Brief, der an einer Wand der neuen Dauerausstellung hängt. Er bittet um „mildernde Umstände“, verweist auf die „Frontbewährung“. Ohne Erfolg. Ein Jahr später wird der Vater vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. SWR - Silke Arning Bild in Detailansicht öffnen
Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg - Bild in Detailansicht öffnen
Das ehemalige Hotel Silber – ein Tatort mitten in der Stuttgarter Innenstadt. Hier organisierte die Gestapo die Deportation der Juden und die Verfolgung politischer Gegner, Hier wurde nach Homosexuellen gefahndet, die Ermordung kranker und behinderter Menschen sowie die Verfolgung der Sinti und Roma geplant. Pressestelle Stadtarchiv Stuttgart - Bild in Detailansicht öffnen
Nach 1945 geht die Polizeiarbeit an denselben Schreibtischen und in denselben Verhörzellen weiter: Kontinuitäten, aber auch Brüche, aus denen sich Fragen für die Gegenwart ableiten lassen. Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg - Rose Hajdu Bild in Detailansicht öffnen
Das Hotel Silber will mehr als reine Erinnerungsstätte sein, betont die Historikerin Paula Lutum-Lenger: „Es ist ein Lernort für Diskriminierungserfahrungen, für Ausgrenzungserfahrungen. Die Begriffe – wir haben sie jetzt in die Fassade eingeschrieben – Begriffe wie Denunziation, wie Vorurteil, wie Würde – das sind natürlich alles Begriffe, die überzeitlich sind.“ Pressestelle Haus der Geschichte Baden-Württemberg - Bild in Detailansicht öffnen
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Zehnjährige Auseinandersetzung um den Gedenkort

Beinahe zehn Jahre hat die Auseinandersetzung um den Gedenkort gedauert. Damals trat eine Stuttgarter Bürgerinitiative auf den Plan, um gegen den geplanten Abriss des ehemaligen „Hotel Silber“ zu protestieren.

Das Gebäude in der Stuttgarter Dorotheenstraße 10 sollte dem Neubau eines Einkaufsviertels weichen. Damit wäre ein Ort verschwunden, der vielen  als „Inbegriff des NS-Terrors in Württemberg“ gilt.

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