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Es sind nur wenige Bilder des Dichters Friedrich Hölderlin erhalten: vor allem Bleistiftzeichnungen, einige Schattenrisse und ein Scherenschnitt. Einige davon lagern heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, darunter das berühmteste Hölderlin Bild – ein Pastellbild von Franz Karl Hiemer.
Die einzige Darstellung, auf der Hölderlin den Menschen ganz direkt ins Gesicht schaut. Ähnlich sei es ihm aber nicht, so die Feststellung von Mutter und Schwester

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Leichte Stupsnase, adrette Kleidung – eine erstes, sehr frühes Porträt Hölderlins hat vermutlich ein Mitschüler aus der Klosterschule in Maulbronn gezeichnet. Da ist er gerade 16 Jahre alt.

Eine sehr kindliche Darstellung, die Haare mittellang, „in Rollen“ und „in der schönsten Ordnung“, wie Hölderlin seiner Mutter vergewissert. Die Zeichnung ähnelt einer Büste und wird am unteren Rand von einem Kranz abgerundet

„Hölderlin In seinem 18. Jahr“, Zeichnung von Gottlieb Immanuel Nast (Foto: DLA Marbach)
„Hölderlin In seinem 18. Jahr“, Zeichnung von Gottlieb Immanuel Nast DLA Marbach

Der jugendliche Hölderlin

Da liegt der Gedanke an den glorreichen Dichter schon sehr nahe. Nur zwei Jahre später hat eine sehr ähnliche Zeichnung schon etwas romantischere Züge bekommen: ein jugendlicher Hölderlin mit auf die Schulter fallenden Haaren, inzwischen ist der Hemdkragen deutlich gelockert.

Das Bild liegt heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, das zugleich die berühmteste Darstellung Hölderlins verwahrt: das Pastell von Franz Karl Hiemer, das Hölderlin 1792 seiner Schwester Rieke zur Hochzeit geschenkt hat.

Friedrich Hölderlin. Pastell von Franz Karl Hiemer (1792) (Foto: DLA Marbach)
Friedrich Hölderlin. Pastell von Franz Karl Hiemer (1792) DLA Marbach

„Hölderlin hat dort sehr helle offene Augen, einen weich geschwungen Mund, einen offenen Kragen und offene Haare, also anders als auf den früheren Bleistiftzeichnungen des 16-jährigen, der eben dort noch einen Dutt hat und einen hohen engen Kragen, hat man hier schon den Bürger, der in weiter freier Kleidung ist.
Wir sind in der Zeit kurz nach der französischen Revolution, die 1789 ausbrach und die Hölderlin so faszinierte. Auch den ganzen Freundeskreis in Tübingen um Hegel und Schelling herum, aus dem auch Franz Karl Hiemer stammte, der eben dieses Porträt zeichnete.“

Heike Gfrereis, Leiterin der Marbacher Museen

Hölderlin-Bild von Hiemer, am wirklichen Aussehen vorbei

Ein Bild, das zur Ikone der Hölderlin-Darstellungen wurde, berichtet Heike Gfrereis, Leiterin der Marbacher Museen. Kein Wunder, denn es ist das einzige Bild, auf dem Hölderlin dem Betrachter direkt ins Gesicht schaut und von dem eine große Ausstrahlungskraft ausgeht. Mit seinem wirklichen Aussehen hat es wahrscheinlich wenig zu tun. Denn sowohl die Schwester als auch die Mutter berichten, es sehe Hölderlin gar nicht ähnlich.

Und auch offizielle Dokumente scheinen diese Einschätzung zu bestätigen. Denn zehn Jahre nach der Entstehung des Hiemer-Bildes reist der Dichter nach Regensburg und lässt sich dazu einen Pass in Nürtingen ausstellen.

„Dort wird er so beschrieben: Statur sechs Fuß hoch – das sind etwa ein Meter 82, braune Haare, hohe Stirn, gerade Nase, hohe Wangen, mittelmäßiger Mund, schmale Lippen, angelaufene Zähne, brauner Bart und ohne Gebrechen. 32 Jahre alt.“

Heike Gfrereis

Neben einigen getuschten Schattenrissen und einem Scherenschnitt, die Hölderlin vor allem als jungen Erwachsenen zeigen und seinen Weg vom Theologen zum Dichter nachzeichnen, sind bis heute vor allem die Altersdarstellungen präsent.

„Friedrich Hölderlin“ Bleistiftskizze: Schreiner u. Lohbauer, 1823 (Foto: DLA Marbach)
„Friedrich Hölderlin“ Bleistiftskizze: Schreiner u. Lohbauer, 1823 DLA Marbach

Zeichnungen, die während der Zeit im Tübinger Turm entstanden, angefertigt von Studenten, die ihn auf Vermittlung Mörikes dort besuchten. Sie zeigen einen kranken, traurigen Mann mit gebeugtem Kopf.

„In dieser Zeit entsteht dieses Bild, das Hölderlin gebückt zeigt, als älteren Mann nicht mehr mit Jünglingscharakter, sondern mit geneigtem und mit bäurisch starken Zügen. Jeder dieser Studenten schreibt, dass man ihm seine frühere Schönheit noch ansieht.
Das sagt auch Eduard Mörike als er bei der Schwester das Porträt von Franz Karl Hiemer sieht. Da schreibt Mörike an einen Freund, dass dieses Bild noch etwas ahnen lässt von der Schönheit, die Hölderlin ausgezeichnet haben soll.“

Gezeichnet 1823:

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