Antisemitismus in der Kunst

Hito Steyerl stößt Debatte an: Podiumsdiskussion zu Hugo Ball trifft auf großes Interesse

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AUTOR/IN
Sandra Biegger

In der Pirmasenser Festhalle haben Expert*innen und Zuhörer*innen über Antisemitismus im Werk des Dadaisten Hugo Ball diskutiert. Den Anstoß dazu gab Hito Steyerl. Die Künstlerin sollte eigentlich mit dem diesjährigen Hugo-Ball-Preis ausgezeichnet werden. Ob sie die Auszeichnung annimmt, lässt sie noch offen.

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Judenfeindliche Passagen im Werk des Dadaisten

Es ist ordentlich was los in der Pirmasenser Festhalle. Rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörer sind bei der Diskussionsrunde zum Thema Antisemitismus dabei. Gleich zu Beginn betont der Pirmasenser Oberbürgermeister Markus Zwick, wie froh er ist, dass nun auch in der breiten Öffentlichkeit über judenfeindliche Passagen im Werk des Dadaisten Ball diskutiert wird.

Quasi postwendend wirft ihm der Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel von der Universität Heidelberg mehr oder weniger deutlich vor, dem Thema zu viel Raum zu geben.

Hinzu komme, dass sich Hugo Ball auf gerade mal rund fünf Seiten antisemitisch äußere – insgesamt umfasse das Werk des Schriftstellers 3.500 Seiten.

„Von einem rassistischen Antisemitismus kann bei Ball keine Rede sein. Es ist Judentumskritik, die sich allerdings, das konzediere ich, einiger Formulierungen bedient, die wir heute als antisemitisch bezeichnen.“ 

Teilnehmer Hugo-Ball-Podiumsdiskussion (Foto: SWR, Sandra Biegger)
Die Teilnehmer der Diskussion (v.l.n.r.): Angela Gutzeit, Johannes Heil, Magnus Brechtken, Susanne Urban, Helmuth Kiesel, Bernd Wacker. Sandra Biegger

Antisemitismus bleibt Antisemitismus

Als Helmuth Kiesel diese Rechnung aufmacht, ringt Susanne Urban, die bei der Diskussion neben ihm sitzt, sichtlich nach Luft. Die Leiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen sagt, Antisemitismus sei Antisemitismus – egal ob in zwei Sätzen oder auf 2.000 Seiten. Sie sagt: Die Debatten über Judenfeindlichkeit würden viel zu oft von Wissenschaftlern in ihren Elfenbeintürmen geführt – die Opfer der Angriffe würden dabei fast immer vergessen.

„Ob das ein Ballscher Antisemitismus ist von 1920 oder einer von einem Flugblatt von heute: Wenn Menschen das lesen, und sie damit angesprochen werden, passiert etwas in ihnen. Und darüber redet man aber nicht.“ 

Außerhalb der Fachwelt bisher kaum bekannt

Der Vorsitzende der Hugo-Ball-Gesellschaft, Bernd Wacker, erklärt dem Publikum, dass sich die strittigen Passagen allesamt im Werk „Kritik der deutschen Intelligenz“ von 1919 finden.

Darin schreibt der Dadaist unter anderem über eine Konspiration der protestantischen mit der jüdischen Theologie mit dem Ziel, Europa zu unterwerfen und die Weltherrschaft anzustreben. Aussagen, die dem Schriftsteller später leid getan hätten, sagt Bernd Wacker.

Er war der erste, der das Thema Antisemitismus bei Hugo Ball öffentlich gemacht hat. Und zwar bereits vor rund 27 Jahren. Nur hat das außerhalb der Fachwelt so gut wie niemand mitbekommen.

„Wer sich mit Hugo Ball auseinandersetzt, darf das Negativ nicht verschweigen, aber er darf auch nicht verschweigen, dass er gelernt hat.“ 

Schattenseiten des Künstlers sollen künftig mehr thematisiert werden

Die weltweit bekannte Künstlerin Hito Steyerl verfolgt aufmerksam die Diskussion – die sie in Gang gesetzt hat.

Wegen der judenfeindlichen Äußerungen Balls hat sie gemeinsam mit der Stadt und der Vorschlagskommission des Hugo-Ball-Preises entschieden, den Preis vorerst auszusetzen. Und eine breit angelegte Auseinandersetzung mit den Themen Antisemitismus und Diskriminierung anzustoßen. Mit dem Verlauf des Abends ist sie sehr zufrieden:

„Das war eine sehr spannende, interessante und auch kontroverse Debatte und ich denke, das ist genau die Kunst, wie diese Angelegenheit diskutiert werden sollte.“  

Hugo Ball Podiumsdiskussion (Foto: SWR, Sandra Biegger)
Künstlerin Hito Steyerl mit dem Pirmasenser Oberbürgermeister Markus Zwick. Sandra Biegger

Und deshalb sollen weitere Diskussionsrunden folgen. Am Ende wird Hito Steyerl dann entscheiden, ob sie den mit 10.000 Euro dotierten diesjährigen Ball-Preis annimmt. An dem wird die Stadt Pirmasens so oder so festhalten.

Allerdings sollen in Zukunft beispielsweise bei Preisverleihungen neben den Verdiensten auch die Schattenseiten des Ausnahmekünstlers Ball thematisiert werden.  

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Sandra Biegger