Graphic-Novel-Künstler zu Besuch in Stuttgart Gaultier - Expressionist der Comic-Kunst

Von Silke Arning

Einer der führenden französischen Comic-Künstlers ist Christophe Gaultier. Nach zehn Jahren Trickfilmarbeit fertigt er mit großem Erfolg Graphic Novels, vor allem Adaptionen klassischer Literatur. Auf Einladung des Internationalen Zentrums für Kultur und Medien berichtete er in der Stuttgarter Stadtbibliothek über den neuen Trend der Comic-Kunst: la nouvel bande dessinée, eine emotionale und expressive Bildsprache. In Frankreich erscheinen jährlich rund 4.500 neue Comics.

Bilder: Graphic-Novel-Zeichner in Stuttgart Christophe Gaultier: Etwas Expressives machen

Christophe Gaultier - Graphic Novel (Foto: Pressestelle, Stadtbibliothek Stuttgart - Christophe Gaultier)
Ein Mann strandet auf einer einsamen Insel, die er während der nächsten 28 Jahre nicht mehr verlassen wird. Die Geschichte Robinson Crusoes ist vielfach rezipiert und gern auf ihren abenteuerlichen Kern reduziert worden. Christophe Gaultiers dreibändige Comic-Ausgabe holt weiter aus, beschäftigt sich mit der Vorgeschichte, ergänzt durch Beschreibungen aus Daniel Defoes „Geschichte der berüchtigsten Piraten“. Kein Respekt vor dem großen Original? Auf dem Bild: Christophe Gaultier, Zeichnung aus dem Buch „Robinson Crusoe“. Pressestelle Stadtbibliothek Stuttgart - Christophe Gaultier Bild in Detailansicht öffnen
Für Christophe Gaultier ist diese Frage nicht mit einem einfachen „Nein“ oder „Ja“ zu beantworten. Das entscheidet sich im Einzelfall, erklärt er: „In Robinson Crusoe gibt es nur wenige Dialoge. Dialoge nehmen bei einer Comic-Geschichte den meisten Platz ein. Man kann in nur einer einzigen Sequenz zeigen, wofür ein Roman 40 Seiten benötigt. Wirklich schwierig sind große Dialogteile. Ich habe zum Beispiel gerade ein Theaterstück als Comic gemacht. Da war es viel schwieriger, die langen Dialogteile mit der Handlung in Einklang zu bringen.“ SWR - Christiane Patzelt Bild in Detailansicht öffnen
Im Umgang mit dem Original zeigt sich der französische Comic-Künstler gelassen. Und nimmt mit dieser Haltung wahrscheinlich den einzig gangbaren Weg. Die Idee, große Literatur – von Homer bis Goethe – in Bildergeschichten zu erzählen, ist schließlich nicht neu, reduzierte sich mit der Serie der „Illustrated Classics“ aber mehr oder weniger auf die Bebilderung der klassischen Werke. Auf dem Bild: Zeichnung aus dem Buch „Das Phantom der Oper“ Pressestelle Stadtbibliothek Stuttgart - Christophe Gaultier Bild in Detailansicht öffnen
Mit dieser Art Literaturadaption allerdings ist schon lange Schluss. Um die Jahrtausendwende habe sich ein neuer Trend entwickelt, sagt Christophe Gaultier: „Da gab es eine neue Strömung: la nouvel bande dessinée. Sie hat sich sehr malerisch gezeigt, sehr nah am Expressionismus. Das war genau das, was ich machen wollte. Ich wollte etwas sehr Visuelles machen, sehr Expressives.“ SWR - Christiane Patzelt Bild in Detailansicht öffnen
Damals hing Gaultier seinen sicheren Job in der Zeichentrickbranche an den Nagel: Zehn Jahre Animationsfilm – zu langweilig, zu wenig kreativ, zu viel Industrieware. Seitdem konzentriert er sich wieder auf seine Comic-Leidenschaft. Eine typische Handschrift lässt sich für Gaultier allerdings schwer ablesen. Seine modernen Zeichnungen orientieren sich an dem Lauf der Handlung. Die Konturen wachsen und schwinden, zeigen unterschiedliche, auch krasse Farben oder wechseln – wie bei Gaultiers zweiter großer Literaturadaption, „Dem Phantom der Oper“, in dunkle Schraffuren. Pressestelle Stadtbibliothek Stuttgart - Christophe Gaultier Bild in Detailansicht öffnen
Einen typischen Stil habe er nicht, meint Christophe Gaultier: „Mein Stil verändert sich ständig, weil ich auch für verschiedene Genres arbeite. Die Zeichnungen passen sich der Geschichte an. Vor fünf, sechs Jahren waren sie sicher dunkler, düsterer. Heute sind meine Linien klarer, heller, ähnlich denen aus Hergés Comicserie TinTin.“ SWR - Foto: Christiane Patzelt Bild in Detailansicht öffnen
Es ist die berühmte Gratwanderung: den Geist der literarischen Vorlage zu erhalten und zugleich eine eigenständige Übersetzung zu entwickeln. Christophe Gaultier treibt diese Freiheit auf die Spitze, indem er selbstgeschriebene Szenen einbaut und Figuren auch einmal verändert. Das ist eben die hohe Kunst des Comics. SWR - Christiane Patzelt Bild in Detailansicht öffnen
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