Kunst

„Göttinnen des Jugendstils“ im Badischen Landesmuseum

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Marie-Dominique Wetzel

Der Jugendstil ist bekannt für seine idealisierten Frauen-Darstellungen. Halb oder ganz nackte Frauen umrahmt von Blumen und Früchten gehörten um 1900 zu den Lieblingsmotiven vieler Künstler dieser neuen Stilrichtung.

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Dabei waren mythische Frauenfiguren aus der Antike oder aus nordischen Sagen ebenso beliebt wie verführerisch-bedrohliche femmes fatales. Die Ausstellung „Göttinnen des Jugendstils“ im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe geht diesen ambivalenten Frauengestalten nun nach.

Alfons Mucha Büste „La Nature“ war auf der Weltausstellung in Paris 1900 ein Star

Da steht sie - eine dieser „Göttinnen des Jugendstils“: Üppige, goldene Haarsträhnen umrahmen ihr silbernes Gesicht mit den halb geschlossenen Augen, fließen weiter um ihre nackten Brüste und bilden den Sockel der Büste. Eine reichverzierte Krone ziert Ihren Kopf. Doch der Künstler Alfons Mucha nannte seine Büste schlicht „La Nature“. Auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 war sie ein Star. Heute ist sie eines der Prunkstücke der renommierten Jugendstil-Sammlung des Badischen Landesmuseums und das Werbemotiv für die aktuelle Ausstellung.

Eine Münchner Kunst-Zeitschrift gab der neuen Kunstströmung den Namen „Jugendstil“

Der Jugendstil hebe Frauen auf die Bühne, sagt Kuratorin Elke Kollar. Er idealisiere Frauen, dämonisiere sie aber auch. Diese Ambivalenz zeigt sich schon auf den Titelblättern der „Münchner Illustrierten Wochenschrift für Kunst und Leben“, die 1896 zum ersten Mal erschien und deren Titel: „Jugend“ der neuen Kunstströmung überhaupt erst den Namen „Jugendstil“ gab.

In der Karlsruher Ausstellung ist eine ganze Wand voller Titelblätter der „Jugend“ zu sehen: eine nackte Frau mit selbstbewusst erhobenem Kopf, um deren Körper sich ein Drache windet, eine andere taucht mit Blüten im Haar verführerisch lächelnd aus dem Wasser auf – und daneben eine Frau, die in moderner Kleidung versucht, Rad zu fahren.

Göttinnen des Jugendstils (Foto: Pressestelle, © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)
Manuel Orazi, „La Maison moderne” - Paris, 1900 - Lithografie - J. Minot, Paris Pressestelle © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Mit der Massenproduktion boomt die Werbung – mit schönen Frauen

Doch diese Frauen-Darstellungen des Jugendstils finden sich nicht nur in Zeitschriften. Um die Jahrhundertwende schreitet die Industrialisierung schnell voran, Massenproduktion wird möglich und mit ihr boomt die Werbung. Schon damals merkt man: mit einer schönen Frau kann man eigentlich alles bewerben. Sogar Zigaretten – denn erst jetzt ist es Frauen erlaubt, auch öffentlich zu rauchen. Und Fahrrad zu fahren – in eigens dafür kreierten Pumphosen.

Die neue Massenproduktion betrifft auch das Kunsthandwerk. Geschirr und Schmuck entsteht, zu erschwinglichen Preisen, in der Formensprache und Motivik des Jugendstils. Und überall finden sich die Frauendarstellungen, ob als Kerzenhalter bei WMF, oder auf Teeservicen von Hutschenreuther, oder auch etwas exklusiver: als Kühlerfigur von Rolls Royce oder als Brosche bei Lalique.

Göttinnen des Jugendstils (Foto: Pressestelle, © Badisches Landesmuseum, Foto: Peter Gaul )
Charles Robert Sykes, Statuette „The Spirit of Ecstasy“ - Ausführung: Rolls Royce Ltd. Derby - Derby, 1911 - Bronze, Wachsausschmelz-Verfahren, verchromt Pressestelle © Badisches Landesmuseum, Foto: Peter Gaul

Die Femme Fatale: bei Jugendstil-Künstlern beliebtes Motiv

Doch es ist eben nicht immer nur die überhöhte, idealisierte Frau, sondern auch die Femme Fatale, die bei den Jugendstil-Künstlern auftaucht. So wie die Medusa auf einem Teller aus der Staatlichen Majolika-Manufaktur Karlsruhe oder auf einem vergoldeten Tischaufsatz: eine halb entblößte Frau steht gelassen in einem Wasserstrudel, in dem alle Männer um sie herum ertrinken.

Göttinnen des Jugendstils (Foto: Pressestelle, © Royal Museums of Art and History, Brüssel)
Isidore De Rudder, „Daphne“ - Brüssel, 1895 - Biskuitporzellan Pressestelle © Royal Museums of Art and History, Brüssel Bild in Detailansicht öffnen
Sir Edward Burne-Jones und William Morris, Wirkteppich „Der Pilger im Garten oder das Herz der Rose“ - Entwurf: London, vor 1896 - Ausführung: Merton Abbey, London, 1901 - Unikat, Wolle, Baumwollkette, Seide, gewirkt, gestickt Pressestelle © Badisches Landesmuseum, Foto: Th. Goldschmidt Bild in Detailansicht öffnen
Franz von Lenbach, „Schlangenkönigin“ - München, 1894 - Öl auf Leinwand Pressestelle © Privatsammlungen, Foto: Ingo Bustorf Bild in Detailansicht öffnen
Paul Börner, Plastik „Erwachen“ - Königliche Porzellan-Manufaktur Meißen - Meißen, um 1911 - Porzellan, gegossen, Glanzgold im Muffelbrand Pressestelle © Badisches Landesmuseum, Foto: Peter Gaul Bild in Detailansicht öffnen
Achille Gamba (Entwurf), Kerzenhalter-Paar - Württembergische Metallwarenfabrik (WMF) Rotterdam, um 1900 - Zinn, versilbert Pressestelle © Stitching Gifted Art, Rotterdam Bild in Detailansicht öffnen
Manuel Orazi, „La Maison moderne” - Paris, 1900 - Lithografie - J. Minot, Paris Pressestelle © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg Bild in Detailansicht öffnen
Julie Wolfthorn, „Das Mädchen mit blaugrünen Augen“ (Waldhexe) um 1899 - Öl auf Leinwand - The Jack Daulton Collection, Los Altos Hills, Kalifornien, USA Pressestelle Don Tuttle Bild in Detailansicht öffnen
Charles van der Stappen, Büste „Sphinx“ - Brüssel, 1897 - Gips Pressestelle © Staatliche Kunstsammlungen Dresden Bild in Detailansicht öffnen
Alfons Mucha, „La Nature“ - Paris, 1900 - Bronze versilbert und vergoldet, Krokydolith-Katzenauge Pressestelle © Badisches Landesmuseum, Foto: Schoenen Bild in Detailansicht öffnen
Charles Robert Sykes, Statuette „The Spirit of Ecstasy“ - Ausführung: Rolls Royce Ltd. Derby - Derby, 1911 - Bronze, Wachsausschmelz-Verfahren, verchromt Pressestelle © Badisches Landesmuseum, Foto: Peter Gaul Bild in Detailansicht öffnen
Aubrey Beardsley, „One of the Spirits (Act II)” - Illustration für Pall Mall Budget Amsterdam, 16. März 1893 - Feder und Tusche auf Papier - Allard Pierson, Universität von Amsterdam Pressestelle Stephan van der Linden Bild in Detailansicht öffnen
Karl Kornhas, Tondo mit Medusenhaupt - Karlsruhe, 1900 - Steinzeug mit Lüsterglasur Pressestelle © Badisches Landesmuseum, Foto: Peter Gaul Bild in Detailansicht öffnen

Unter den „Göttinnen des Jugendstils“ sind auch Künstlerinnen

Die meisten dieser Frauendarstellungen stammen selbstverständlich von Männern. Doch es gab auch ein paar wenige Künstlerinnen des Jugendstils. Der letzte Raum der Ausstellung ist nicht nur den „Göttinnen des Jugendstils“ vorbehalten, wie der legendären Schauspielerin Sarah Bernhardt oder der Tänzerin Lois Fuller, sondern auch den Frauen, die gegen alle Widerstände versucht haben, als Künstlerinnen Fuß zu fassen und sich darüber hinaus für Frauenrechte und Gleichberechtigung einsetzten. Sicher das interessanteste Kapitel dieser schönen Ausstellung.

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