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Bildgewaltig und provokant — so werden die Werke der britischen Künstler Gilbert & George häufig beschrieben. Im Zentrum der Werke stehen vorrangig sie selbst. Die Kunsthalle Zürich blickt zurück auf 50 Jahre gemeinsames künstlerisches Schaffen der beiden Exzentriker.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:40 Uhr
Sender
SWR2

Bildergalerie zur Ausstellung Gilbert & George: THE GREAT EXHIBITION 1971-2016 in Zürich

Gilbert & George „The Great Exhibition 1971 – 2016“ in der Kunsthalle ZürichLuma Westbau (Foto: Julian Cottrell)
Zwei distinguierte ältere Herren in Zürich: Sie tragen altmodische Anzüge aus feinstem Zwirn, braun und grau, der eine hält ein Weinglas in der Hand. Bereitwillig geben sie Auskunft über ihr Dasein als „Living Sculptures“, über die Einheit von Kunst und Leben. Die Kunst müsse einfach sein und verständlich fürs Volk, Religion sei ein Verbrechen, der Brexit prima. Dann singen sie „Unterneath the Arches“, einen Song aus den 1930er Jahren über das Leben der Obdachlosen unter den Brücken. | Im Bild: Portrait 1971 London Julian Cottrell Bild in Detailansicht öffnen
Den Obdachlosen-Song haben die beiden Gentlemen schon 1969 im Museum intoniert, tagelang und immer wieder. Gilbert & George trugen damals ein seltsames metallisches Outfit und waren wirklich eine Sensation, weil sie sich selbst zum Kunstwerk erklärten.| Im Bild: 1988 ONE WORLD Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
Inzwischen hat die Welt sich daran gewöhnt, dass die beiden Herren mit Slogans wie „Macht Sex in der Wahlkabine“ oder „Betet für die Zuhälter“ interessante Ideen lancieren. So etwas steht – als Spruch - auch auf den großformatigen Bild-Collagen, die nun in Zürich ausgestellt sind und ganze Stockwerke so aussehen lassen, als seien sie für eine bunte, chaotische Werbekampagne gemietet worden. Werbung für das freie Leben, immer ein bißchen ironisch gebrochen und manchmal auch derb. | Im Bild: links: 1977 BENT SHIT CUNT, rechts: 1980 GUARD PLANTS Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
Kurator Hans-Ulrich Obrist: „Die beiden haben ja sehr früh die Idee der Living Sculpture gehabt, dass eben sie selbst das Werk sind. In diesem Sinne geht’s nicht um Performance. Es geht um Skulptur. Und auch diese Idee des Gesamtkunstwerks. Die Idee, dass wir in eine Welt eintauchen von Gilbert & George.“ | Im Bild: 1988 LEAFAGE Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
Die Welt von Gilbert & George, das ist ihr Haus in East London, das ist ihre dauerhafte Selbstinszenierung als englische Upper-Class-Herren – nie würden sie im Pullover herumlaufen, auch nicht daheim. Das ist aber vor allem die Stadt selber. Und sie finden dort ihre Themen. | Im Bild: 1988 FLOW Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
Während die beiden sehr stolz darauf sind, noch nie zu Hause gekocht zu haben (als wahrer englischer Gentleman geht man zweimal täglich ins Restaurant), sind sie als Künstler dem Niederen und Obszönen durchaus zugetan. | 1989 DEAD HEAD Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
In Zürich sieht man in den popbunt collagierten Werken, die manchmal auch wie Kirchenfenster wirken, die nackten Hinterteile bzw. After unserer beiden Protagonisten, man sieht Hinterhöfe und Wolkenkratzer, Parks und Stadtpläne – und immer wieder nette Parolen wie „be nice to sodomites“ oder „castrate the clergy“, seid nett zu Sodomiten und kastriert den Klerus. | Im Bild: 2005 AKIMBO Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
Eine wirkliche Werkentwicklung ist über all die Jahre nicht zu erkennen; durchgehendes und zunehmend uninteressantes Element bleibt die Abbildung der beiden Hauptfiguren. | Im Bild: 2005 WAS JESUS HETEROSEXUAL Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
Ist es nicht fürchterlich anstrengend, immer als Paar zusammenzuarbeiten? Antwort: „We call that the great heterosexual question“, meint George. Eine typische Hetero-Frage sei das. | Im Bild: 2008 JESUS JACK Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
Und Gilbert assistiert: „I think we manage to find a way of working – which is extraordinary – for fifty years.“ Seit fünfzig Jahren haben sie nun einen Weg gefunden, arbeitend miteinander auszukommen. Das ist in der Tat erstaunlich. | Im Bild: 2014 VOMIT Sandra Roemermann Bild in Detailansicht öffnen
Die beiden als Performance-Act, als wandelnde Skurrilität live zu erleben, ist allerdings weitaus interessanter als die gesamte Ausstellung, die nun noch eine ganze Weile an den Wänden hängt. | Im Bild: Portrait Shigeo Anzai Bild in Detailansicht öffnen

Gilbert & George. The Great Exhibition 1971-2016. Luma Westbau und Kunsthalle Zürich, 22.2.-10.5.

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