Ausstellung in Waiblingen

„Simplicissimus“-Satire brilliert in der Galerie Stihl

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AUTOR/IN
Andreas Langen

Unter dem Titel „Gewitzt, gewagt, gezeichnet“ zeigt die Waiblinger Galerie Stihl hundert Exponate aus dem legendären Satiremagazin „Simplicissimus“. Darunter befinden sich viele Unikate der Original-Zeichnungen. Es ist zugleich ein Kompendium gesellschaftlicher Konflikte und künstlerischer Brillanz.

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Eine Ausstellung rund um Deutschlands legendärstes Satire-Magazin

Nichts ist so alt wie die Zeitung vom Vortag, und Zeitschriften dürften nicht viel länger halten. Wenn sich also ein renommiertes Kunstmuseum heute mit einer Zeitschrift abgibt, die Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und vor rund 70 Jahren schon wieder eingestellt wurde, dann riecht das stark nach altem Tobak. Außer vielleicht, es geht um den legendären „Simplicissimus“, das wohl bekannteste Satiremagazin im deutschen Sprachraum. 

Gewitzt, Gewagt, Gezeichnet - Simplicissimus in der Galerie Stihl, Waiblingen (Foto: Pressestelle, © Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung im Museum Wilhelm Busch — Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst)
Thomas Theodor Heine: Erstes Werbeplakat für den Simplicissimus, 1896 - Farblithografie Pressestelle © Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung im Museum Wilhelm Busch — Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst

Machtpolitik, Vermögensverteilung, Geschlechterrollen: Viele Themen haben noch heute ihre Aktualität

„Was ich doch sehr überraschend fand, war zu sehen, dass es schon damals Konflikte gab, die bis heute bestehen und bis heute ungelöst sind“, meint Anja Gerdemann, Leiterin der Waiblinger „Galerie Stihl“.

Die Konfliktfelder, von denen sie spricht, thematisiert die dortige „Simplicissimus“-Ausstellung in Fülle: Machtpolitik, Vermögensverteilung, Gestaltung der Arbeitswelt, technischer Fortschritt, Geschlechterrollen.

Unter den 14 in Waiblingen vorgestellten Künstlern sind gerade mal zwei Frauen. Kein Wunder, denn Deutschland war zu Beginn des 20. Jahrhunderts europäisches Schlusslicht beim Hochschulzugang für Frauen:

„Nicht nur, dass sie nicht an der Akademie nicht zugelassen waren. Sie mussten dann auch noch an den freien Malschulen zehnmal mehr bezahlen als ihre männlichen Kollegen.“

Gewitzt, Gewagt, Gezeichnet - Simplicissimus in der Galerie Stihl, Waiblingen (Foto: Pressestelle, © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München)
Thomas Theodor Heine: Die Lösung der sozialen Frage, 1898 - Tusche, Deckweiß, Gouache auf gelblichem Karton Pressestelle © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Ungerechtigkeiten aller Art hat der „Simplicissimus“ immer aufgespießt

1896 von Verleger Albert Langen gegründet, legt sich das Blatt schon kurz danach mit Wilhelm II. an. Ein Beitrag vergleicht die Palästinapolitik des Kaisers mit einem mittelalterlichen Kreuzzug. Der pikierte Monarch reicht Klage ein wegen Majestätsbeleidigung, und dero Gnaden Humorlosigkeit macht dem jungen Magazin beinahe den Garaus.

Langen flieht nach Paris und bleibt dort mehr als fünf Jahre. Erst nachdem er 30.000 Mark gezahlt hat, darf er zurückkehren. „Im Vergleich dazu vielleicht: zehn Pfennige hat die Zeitschrift gekostet“, erklärt Sandra Spiegler. Der Karikaturist T.T. Heine und Frank Wedekind gehen für mehrere Monate in Festungshaft.

Gewitzt, Gewagt, Gezeichnet - Simplicissimus in der Galerie Stihl, Waiblingen (Foto: Pressestelle, © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München)
Thomas Theodor Heine: Die Simplicissimus-Bulldogge, 1896 - Tusche, Tempera, Deckweiß auf dicker Pappe Pressestelle © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München Bild in Detailansicht öffnen
Ferdinand von Reznicek: ohne Titel, 1906 - Buchdruck Pressestelle © Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg Bild in Detailansicht öffnen
Ferdinand von Reznicek: Unerwartetes Wiedersehen, 1905 - Tusche/Feder, Kreide, Bleistift, Farbstift, Deckweiß auf getöntem Papier, kaschiert auf Karton Pressestelle © Rudolf-Ensmann-Sammlung im Museum Wilhelm Busch - Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst Bild in Detailansicht öffnen
Thöny Eduard: Menuett, 1902 - Tusche (Pinsel, Feder, Spritztechnik), Aquarell und Deckweiß auf Papier Pressestelle © Kunkel Fine Art, München Bild in Detailansicht öffnen
Thomas Theodor Heine: Die bösen Buben, 1901 - Tusche/ Feder, Aquarell, weiß und blau retuschiert, auf Karton Pressestelle © Leihgabe der Landeshauptstadt Hannover im Museum Wilhelm Busch — Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst Bild in Detailansicht öffnen
Thomas Theodor Heine: …SIMPLICISSIMUS ILLUSTRIERTE WOCHENSCHRIFT 15 PF., 1901- Lithografie, Plaka Pressestelle © Museum für Kunst & Gewerbe Hamburg Bild in Detailansicht öffnen

Prominente Autor*innen und Zeichnende publizierten im „Simplicissimus“

Wie wenig Glanz und Gloria die Kaiserzeit für viele Millionen Menschen bereit hielt, das hat der „Simplicissimus“ immer wieder gezeigt. Seine Autor*innen und Zeichnenden gehören zu den Besten ihrer Epoche: die Gebrüder Mann, Hesse, Rilke, Lovis Corinth, Heinrich Zillle, Käthe Kollwitz.

„Es gibt dann eben nicht nur witzige Karikaturen, sondern es gibt sozialkritische Zeichnungen wie zum Beispiel von Käthe Kollwitz. Die sind nicht witzig, da wird man keinen Lacher hören in dieser Ecke.“

Gewitzt, Gewagt, Gezeichnet - Simplicissimus in der Galerie Stihl, Waiblingen (Foto: SWR, Andreas Langen)
Bruno Paul: Gordon-Bennett-Rennen, 1904, Pinsel in schwarz, Deckweiß, Bleistift und Gouache - "Vorwärts für Deutschland! Passiert, was will! Für alle Fälle haben wir einen Geistlichen im Benzinkasten mit genommen." Andreas Langen

Die fatale Begeisterung fürs Auto wurde Albert Langen zum Verhängnis

Das Lachen im Halse stecken bleiben kann einem auch bei einem anderen, bis heute virulenten „Simplicissimus“-Thema: der fatalen Begeisterung fürs Automobil. 1904 erscheint eine rasend moderne Zeichnung, auf der ein teuflisch roter Rennwagen dem Betrachter entgegendonnert. Die ewig lange Motorhaube hat verdächtige Ähnlichkeit mit einem Sargdeckel. 

Manchmal aber überholt die Wirklichkeit noch die schwärzeste Satire. Denn nachdem er 13 Jahre lang den „Simplicissimus“ gesteuert hat, wird dem begeisterten Modernisten Albert Langen ausgerechnet sein Cabrio zum Verhängnis.

1909 fährt er wieder mal mit offenem Verdeck zur Redaktion, zieht sich dabei eine Mittelohrentzündung zu und stirbt daran im Alter von gerade mal 39 Jahren. 

Klassiker als Hörspiel Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus (1)

Räuber, Opernsänger, Weltreisender und was nicht alles. Die Erlebnisse des Großmauls Simplicissimus sind die erste deutschsprachige Abenteuerstory. Und sie zählt immer noch zu den besten. | Mit: Rolf Boysen, Felix von Manteuffel, Jens Wawrczeck, Andrea Hörnke-Trieß u. a. | Regie: Hans Gerd Krogmann | Produktion: SWR 2000  mehr...

Gespräch Olli Dittrich über seine Satire-Doku „Ich war Angela Merkel“: Auf den Spuren der Kanzlerin

Als übereifriger Reporter Sandro Zahlemann spürt Komiker Olli Dittrich in einer neuen Satire-Dokumentation dem Leben von Angela Merkel hinterher. „In seiner Arglosigkeit bekommt er ein neues Handy“, erzählt Olli Dittrich in SWR2 über Zahlemann, „und dann macht er das Ding an, und durch einen technischen Defekt hat er dann eine der abgelegten Mobilnummern der Kanzlerin.“ Was daraus wird, schildert die Doku „Ich war Angela Merkel. Das Zahlemann Protokoll“.
Der nassforsche Sandro könne sein Glück erst gar nicht fassen, verrät Olli Dittrich in SWR2 über die Doku: „Aus der großen Politik und den oberen Etagen von Gesellschaft, Sport und Unterhaltung kommen allerhand Leute, die von ihr etwas wollen – und Sandro Zahlemann spielt das Spiel mit, antwortet als Angela Merkel und mischt sich ein ins politische Geschehen.“
Für den Reporter geht das erwartungsgemäß nicht gut aus, deutet Olli Dittrich an. „Er googelt, wie sie textet, wie sie antwortet, nämlich immer als ,AM‘ – und dass es immer schnell geht, wenn sie etwas gefragt wird. Und dann fängt er an zu antworten.“ Was daraus wird, darüber wundern sich als Komparsen in der Doku auch WDR-Intendant Tom Buhrow, Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga und der FAZ-Journalist Robin Alexander.
„Die 126te schimmelige Angela-Merkel-Parodie“ habe er nicht machen wollen, erzählt Olli Dittrich. Stattdessen habe das Team versucht, auch Angela Merkel selbst als Komparsin zu gewinnen. Darauf habe sie sich erwartungsgemäß nicht eingelassen, durch Regierungssprecher Steffen Seibert aber immerhin sehr nett geantwortet.
Die Mischung aus Fiktion und Satire sei „dünnes Eis, das wir betreten“, sagt Dittrich über die Doku. Oft zeigten die Reaktionen, „dass die Leute der Sache schon auf den Leim gehen“, oft keinen Unterschied machten zwischen den Originalen und der Satire-Kopie des Komikers.
Olli Dittrich: „Das ist halt meine persönliche Vorliebe, eben nicht so zu parodieren, dass man schon nach der ersten Einstellung merkt: ,Oh, jetzt wird’s lustig‘, sondern dass man mit den Mitteln, mit denen die Originale daherkommen, auch die Persiflage baut.“  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Verbraucherschutz mit Humor. Der Tübinger Kabarettist Philipp Weber

"KI- Künstliche Idioten" so heißt das neue Programm des Tübinger Kabarettisten Philipp Weber. Der studierte Chemiker und Biologe stellt fest: der Mensch rast in die Zukunft mit Alexa, Ausweichassistent und Smarttoilette, aber intelligenter wird er dabei nicht.  mehr...

SWR2 Tandem SWR2

1917 Großmutters Friedensmärchen (Satirisches Lied)

1917 "Die heutigen Kinder von 5, 6 Jahr, / Die kennen die Zeit nicht, wo Frieden war... / Großmütterlein hat 'ne Geschichte erzählt, / Einst war alles da auf der Welt, / Man hat nicht  gehamstert, man ging ins Geschäft, / Man braucht' keine Karten, nur Geld... / Einst gab's Zeit ohne Krieg, / Man fuhr nach Paris, nach Italien hinein, / Man sprach nicht von Kampf und von Krieg... / Hat keiner den anderen bedroht, / Schoß keiner den anderen tot. / Da sagten die Kinder: Halt ein, du lügst, / Brauchst nichts mehr erzählen, lieb's Großmütterlein."  mehr...

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Andreas Langen