Ausstellung zum 85. Geburtstag

Georg Baselitz im Museum Würth 2: Einer, der sich nie einem System unterordnen wollte

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AUTOR/IN
Tobias Ignée

Einer der ganz großen deutschen Malern der Gegenwart feiert am 23. Januar 2023 seinen 85. Geburtstag. Im Atrium des Museum Würth 2 in Künzelsau ist eine Werkschau mit rund 50 großformatigen Druckgrafiken, Gemälden und Plastiken zu sehen.

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Bereits der Vorplatz des Museums stimmt auf Baselitz ein

Welchen Stellenwert die Kunst von Baselitz für die Sammlung Würth hat, wird bereits auf dem Vorplatz deutlich: Drei Frauen vom sogenannten Bund deutscher Mädel, dem weiblichen Pendant der Hitlerjugend, stehen eng beieinander und halten sich an den Armen. Die fast vier Meter hohe Plastik aus schwarzer Bronze trägt den Titel: „BDM Gruppe“. 

Georg Baselitz im „Museum Würth 2“ Künzelsau (Foto: © Georg Baselitz)
Georg Baselitz: Akt mit drei Armen, 1977/1995, Linolschnitt, schwarze Ölfarbe auf Zeichenkarton – Sammlung Würth © Georg Baselitz

Nicht minder monumental und beeindruckend ist eine Serie von 18 Linolschnitten aus den 70er-Jahren im Atrium des Museums. Unikate, die Baselitz in den 90ern überarbeitetet hat. Zu sehen ist ein aufrecht stehender, nackter Mann, der die Hand zum Hitlergruß erhebt. Die Konturen des Körpers sind flüchtig, skizzenhaft geschnitzt und weiß, der Rest des Bildes ist schwarz. Hier hat Baselitz sein berühmtes Heldenmotiv wieder aufgegriffen und neu interpretiert.

„Das ist für ihn natürlich im Prinzip das Thema der Antihelden. Aber es waren ja Menschen, die vor 80 Jahren, vor 100 Jahren von anderen Menschen sozusagen bewundert wurden. Wir alle wissen, was Schreckliches daraus geworden ist, aber das bearbeitet er (Baselitz) dann tatsächlich immer wieder neu.“

Mit der Idee, seine Bildmotive um 180 Grad gedreht zu gestalten, also der Motivumkehr, hat Baselitz Weltruhm erlangt. Grundsätzlich stellt er alles in Frage. So tritt er etwa in seiner großen Plastik „Römischer Gruß“ von 2004 den ‚Roman Salute‘, die Geste des auch von den Nationalsozialisten genutzten Grußes mit ausgestrecktem Arm, im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen.

Georg Baselitz im „Museum Würth 2“ Künzelsau (Foto: © Georg Baselitz)
Georg Baselitz: Römischer Gruß, 2004, Bronze patiniert und Ölfarbe – Sammlung Würth © Georg Baselitz

Um Baselitz zu verstehen, muss man seine Werke im Kontext seiner Biografie sehen

Geboren wurde der Künstler 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz. Seine frühe Jugend ist geprägt von den Gräueltaten des Nationalsozialismus. In der noch jungen DDR studiert er 1956 Kunst, wird „wegen gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule verwiesen und siedelt nach Westberlin um. 

Sein Werk ist ein künstlerisches Tagebuch, in dem deutlich wird, dass er sich nie einem System unterordnen wollte und will. Es ist die provozierende Auseinandersetzung mit Machtstrukturen, gesellschaftlichen Normen und Werten, Freiheit und künstlerischen Traditionen in Plastik, Grafik und Malerei. 

Georg Baselitz im „Museum Würth 2“ Künzelsau (Foto: © Georg Baselitz)
Georg Baselitz: A Domestic Scene I, 1999, Öl auf Leinwand – Sammlung Würth © Georg Baselitz

In seiner Kunst ist Baselitz nichts heilig

In seinem Gemälde „A Domestic Scene I“ stehen und sitzen in der Bildmitte goldene Hunde, links und rechts flankiert von blauen flatternden Flügeln. Die skizzenhafte, flüchtige Szenerie ist seine Interpretation von Rafaels „Sixtinischer Madonna“ . Ein Gemälde, das Baselitz so sehr hasste, das er es für sich neu umdeuetete, erklärt Museumsleiterin Sylvie Weber.

„Man könnte jetzt meinen, rechts und links, das sind die Flügel der Engel. Aber eigentlich soll es der Vorhang sein, der übrig geblieben ist und den es auf der sixtinischen Madonna auch gibt. Statt den Heiligen im Bild gibt es jetzt eben diese wunderbare Hundefamilie.“   

Die Schau zum 85. Geburtstag von Georg Baselitz im Atrium des „Museum Würth 2“ in Künzelsau ist der spannende Blick in das Werk eines außergewöhnlichen Künstlers von internationalem Rang, der bis heute einen ungebrochenen Schaffensdrang an den Tag legt. 

In einem Interview hat Baselitz mal gesagt, er könne nicht genießen, weil er sich langweile, wenn er nicht arbeite. Vielleicht findet er ja in der kommenden Woche etwas Zeit zum Genießen – aber bitte nicht zu lange!

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Tobias Ignée