Das Friseurmuseum "Schnuteputzer" in Altlußheim Holzkohle-Fön und Frisurencomputer

Von Holger Neumann

Ein außergewöhnliches Museum in Altlußheim erzählt die Geschichte von Friseurhandwerk und Haarmode aus 150 Jahren. Sammler Willy Dörr hat das Friseurmuseum "Schnuteputzer" in der Nähe von Speyer liebevoll eingerichtet. Dort warten absonderliche, ja bizarre Hilfsmittel der Haarpflege auf die Besucher.

Friseurgeschäfte aus unterschiedlichen Jahrzehnten

Ein schmuckloser Gang im Altlußheimer Bürgerhaus - am Ende eine unscheinbare Tür. Wer sie öffnet, erlebt eine Überraschung, steht plötzlich in mehreren Friseurgeschäften aus unterschiedlichen Jahrzehnten, fühlt sich wie in eine andere Zeit katapultiert.

Der Mann, der diese Schätze zusammen getragen hat, ist Friseurmeister Willy Dörr. Vor über 25 Jahren kaufte er ein paar historische Coiffeur-Möbel.

"Wenn das alte Gelump da reinkommt, bin ich weg"

Damals dachte er noch nicht ans Sammeln. "Ich habe die 1930er Einrichtung eigentlich für meinen Salon gekauft und wollte sie bei den Herren-Plätzen in die Mitte meines Geschäfts stellen. Aber dann hat mein Sohn zu mir gesagt: 'Wenn das alte Gelump da reinkommt, bin ich weg.' Das hat damals zufällig die Frau des Bürgermeisters gehört und zu mir gesagt: 'Willy, mach Dir nix draus – wir finden eine Lösung'".

Diese Promis setzten Trends Kultfrisuren und ihre Ikonen

Elvis leiht der berühmten Tolle bis heute seinen Namen. (Foto: dpa picture alliance -)
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Bis heute ist der "Pixie-Cut" von Mia Farrow eine beliebte Frisur. In den 60er Jahren setzte sie mit dem frechen Haarschnitt ein Ausrufezeichen. dpa picture alliance - Bild in Detailansicht öffnen
Gleich zwei kultige Haartrends auf einem Kopf: Fußballspieler Rudi Völler machte den Vokuhila mitsamt der Dauerwelle zum Hit bei Männern. dpa picture alliance - Bild in Detailansicht öffnen
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Neben seinen Armbändchen war die Mähne von Schlagersänger Wolfgang "Wolle" Petry stets sein Markenzeichen. Mittlerweile trägt er sein Haar allerdings kurz. dpa picture alliance - Bild in Detailansicht öffnen
Sängerin Amy Winehouse trug stets eine wilde, auftoupierte Variante des Beehives, der zu ihrem Markenzeichen wurde. dpa picture alliance - Bild in Detailansicht öffnen
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Kaum eine Frisur war so ikonisch, wie die der Beatles, die ihnen den Beinamen "die Pilzköpfe" einbrachte. dpa picture alliance - Bild in Detailansicht öffnen
Bruce Willis trägt seine Glatze aus Überzeugung: "Wir alle haben Wichtigeres zu tun, als über unsere Haare nachzudenken." dpa picture alliance - Bild in Detailansicht öffnen

Altes "Gelump" kommt groß raus

Die Gemeinde stellte dem neu gegründeten Museumsverein einen Raum zur Verfügung. Das entfachte die Sammelleidenschaft. Im vergangenen Vierteljahrhundert fuhr Willy Dörr kreuz und quer durch die Republik, um neue Ausstellungsstücke zusammenzutragen.

Rund 3.000 Exponate sind zusammengekommen. Darunter 400 Onduliergeräte, 250 Rasiermesser (das älteste aus dem Jahr 1813), jede Menge Trockenhauben – aber auch viele Kuriositäten, z.B. der vermutlich älteste Haartrockner der Welt.

Der Fön von 1800: Warmluft aus dem Holzkohleofen

Willy Dörr erklärt die Funktionsweise: "Da hat man unten mit Holzkohle Feuer gemacht, hat dann einen Rost genommen und die Haare draufgelegt – und durch die Warmluft, die nach oben gestiegen ist, wurden die Haare getrocknet. Das Gerät dürfte ungefähr aus dem Jahr 1800 stammen."

Die Erfindung der Dauerwelle: ein Geldsegen

An fast jeder Station steht ein Dauerwellengerät – das älteste aus dem Jahr 1920: Ein bedrohlich aussehnender Apparat mit langen Elektro-Kabeln, deren Enden in den Haaren der Kundinnen befestigt wurden.

Die Erfindung der Dauerwelle, sagt Willy Dörr, war für sein Handwerk ungeheuer wichtig: "Das war eine große Revolution. Karl Nessler hat das um 1909 erfunden, ist nach dem Krieg nach Amerika ausgewandert und dort Millionär geworden. Es war ein wahnsinniger Boom, und dann wollte jeder die Dauerwelle haben. Also war das für uns Friseure ein toller Ertrag."

Sibirischer Rasierer mit Schraube zum Aufziehen

Aber auch viele kleinere Ausstellungsstücke haben eine interessante Geschichte. Stolz öffnet Willy Dörr eine Vitrine mit Rasierapparaten und meint: "Der erste elektrische Rasierapparat der Firma Braun – genau wie heute auch. Und der erste russische Rasierapparat aus Sibirien: Genau das gleiche System, nur mechanisch. Der wird mit Hilfe einer Schraube aufgezogen – und dann geht’s los. Dauert zwar ein bisschen länger, bis er anläuft, aber er funktioniert astrein."

Erster Frisuren-Computer

Das außergewöhnlichste Stück der Sammlung steht nur wenige Meter weiter auf einem 1980er-Jahre Frisiertisch: Ein kleiner, mit Holzfolie verkleideter Bildschirm samt Tastatur und Telefonhörer. Der Sammler: "Das ist einer der ersten Frisuren-Computer! Da hat man Bilder eingegeben, und dann konnte die Kundin schon sehen, wie die Frisur letztlich aussehen soll. Und es war noch ein Telefon dabei, damit man beim Schneiden nicht weggehen musste. Man konnte einfach den Hörer in die Hand nehmen und den nächsten Termin vereinbaren."

Platznot im Museum

Leider, sagt Willy Dörr, ist in seinem Museum inzwischen viel zu wenig Platz, um seine ganze Sammlung zu zeigen – viele Exponate lagern deshalb in einem Kellerraum. Trotzdem steht eins für ihn fest: Er will weiter sammeln: "Föne haben wir z.B. rund 200, da brauchen wir keine mehr. Aber wenn wir etwas ganz Besonderes bekommen können, nehmen wir es!"

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