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„Es gibt in Museumsbeständen Tafelsilber, das jüdischen Familien geraubt wurde“ – Konferenz setzt sich mit Kulturgutverlusten auseinander

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INTERVIEW
Marie Gediehn

Die Provenienzforschung großer Museen erregt oft bundesweites Aufsehen. Jüngstes Beispiel: die Rückgabe der Stuttgarter Benin-Bronzen nach Nigeria. Kleinere Häuser hingegen können sich aufwendige Forschungen oft gar nicht leisten, sagt Gilbert Lupfer, Vorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, in SWR2.

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Dabei sei Provenienzforschung auch für kleine Häuser wichtig, sagt Lupfer. Deswegen soll zu dem Thema nun auch eine Konferenz stattfinden.

Denn die Forschung wegen fehlender Mittel aufzugeben, sei keine Option: „Es gibt Museen, die haben einen Bestand an Tafelsilber, von den einfach belegt ist, dass er aus jüdischen Haushalten stammt und dort in den späten 30er-Jahren geraubt wurde. Aber dieses Tafelsilber heute einzelnen Personen oder Familien zuzuordnen, das ist natürlich extrem schwierig.
Das heißt aber nicht, dass wir sagen sollten, okay, hier kommt man nicht weiter. Das ist zu kompliziert. Das lassen wir. Denn auf der anderen Seite stellt man fest, wie wichtig für Nachfahren oft ein ganz Banales, scheinbar wertloses Stück sein kann: irgendein Buch, irgendein Einrichtungsgegenstand, den sie wieder identifizieren können, wieder zurück bekommen, kann sehr hohen Erinnerungswert haben.“

Gespräch Baden-Württemberg gibt Benin-Bronzen aus Linden-Museum Stuttgart zurück

Nach gut 125 Jahren ist es soweit: Ein Teil der 1897 aus dem damaligen Königreich Benin gestohlenen Kunstschätze soll in die Eigentümerschaft des heutigen Nigeria übergehen. Konkret geht es dabei um 70 Objekte, die im Linden-Museum in Stuttgart zu sehen sind. ,,Eine längst fällige Rückgabe", sagt die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Petra Olschowski im Gespräch mit SWR2, ,,es ist ein Unrecht, das wir nicht ungeschehen machen können, das wir sehr wohl aber wieder gutmachen wollen."
Rund 25 Objekte sollen als Leihgabe in Stuttgart bleiben.

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Leben Wunden heilen – Die emotionale Seite der Restitution

Können koloniale Wunden heilen? Die geplante Rückgabe von über tausend Benin Bronzen in deutschen Museen soll ein Schritt in Richtung Aufarbeitung von Kolonialgeschichte sein.

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Gespräch Tagung „Literatur und Provenienz“ - Auch im Literaturarchiv Marbach Sammlungen „zweifelhafter Herkunft“

Dass im Zusammenhang von Provenienzforschung mehr über Kunst und weniger über Literatur diskutiert werde, habe damit zu tun, dass die Literatur weniger öffentlich sichtbar sei im großen Raum, sagt die Direktorin des Literaturarchivs, Sandra Richter, in SWR2

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Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Rückgabe von Raubkunst: Dekolonisierung oder reine Symbolpolitik?

„Wir haben uns angewöhnt, dass wir uns holen, was wir brauchen und das auch von anderen Kontinenten. Das geht nicht mehr, das führt unseren Planeten in die Katastrophe“, sagt der Historiker Jürgen Zimmerer.

Er ist Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Uni Hamburg. Für uns ordnet er ein, wie die Kolonialzeit und das Ausbeuten von Regionen im Globalen Süden mit dem Klimawandel zusammenhängen und erklärt, warum es so lange gedauert hat bis zur Rückgabe von Raubkunst aus Afrika.

Einer der bekanntesten Fälle sind die Benin-Bronzen. Frankreich und Deutschland haben sich vorgenommen die Kunstwerke zurück zu geben. Aber wie kamen die wertvollen Bronzen überhaupt nach Europa?

Darüber sprechen wir mit Amina Aziz. Sie hat die Geschichte für den ARD-Kulturpodcasts „Akte: Raubkunst?“ recherchiert und schildert den gewaltvollen Weg einiger Benin Bronzen aus dem heutigen Südwesten Nigerias nach Deutschland. „Britische Soldaten haben Benin City auf brutalste Weise eingenommen, sie haben Dörfer und Städte niedergebrannt und den Palast geplündert. Und sie waren stolz darauf, wie wir von Fotos wissen.“
Noch mehr Informationen zum Thema gibt es im Podcast „Akte: Raubkunst“ von ARD Kultur. Zu hören ist diese Serie, unter anderem, in der ARD Audiothek.

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns an kulturpodcast@swr.de

Host: Max Knieriemen
Redaktion: Max Knieriemen und Kristine Harthauer

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