Ernst Ludwig Kirchner "Die unbekannte Sammlung" in Stuttgart Stuttgart zeigt den ganzen Kirchner

Am 29.6.2018 von Christian Gampert

Zum ersten Mal seit 1980 zeigt die Stuttgarter Staatsgalerie wieder ihren gesamten Bestand an Kirchner-Werken, zum 80. Todestages des Malers. Dafür hat ein Forschungsprojekt die Herkunft der sogenannten „Sammlung Gervais“ geklärt, den Grundstock des Stuttgarter Kirchner-Besitzes, gekauft nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein beeindruckender Rundgang durchs Gesamtwerk des berühmten Brücke-Künstlers.

Kirchner-Tradition in der Stuttgarter Staatsgalerie

Die Staatsgalerie hat schon in den 1920iger Jahren Kirchner gesammelt. Die vom Künstler selber erworbenen 19 Druckgraphiken wurden aber von den Nazis als „entartet“ beschlagnahmt, so dass man nach dem Zweiten Weltkrieg von vorn beginnen musste.

Stuttgarter Kirchner-Besitz: Ergebnis eines Etikettenschwindels

Das Überraschende: Der Stuttgarter Kirchner-Besitz verdankt sich einem Etikettenschwindel. 1957 kaufte man von der sogenannten „Sammlung Gervais“ 143 Zeichnungen und Druckgraphiken. Als Herkunftsort wurden Zürich und Lyon angegeben, sagt Kuratorin Corinna Höper: „Zufällig sind wir darauf gestoßen, dass es diese Sammlung gar nicht gegeben hat, denn unser Forschungsprojekt hat gezeigt: Es gab keinen Industriellen namens Gervais, weder im Schweizer Raum noch in Lyon.“

Manchmal hat die Provenienzforschung eben sehr konkrete Ergebnisse. Man konnte zeigen, dass die von der Staatsgalerie gekauften Werke aus dem Nachlass von Kirchner selbst stammten.

Kirchner hütete sein Werk in den Davoser Bergen

Der zeitweise morphiumsüchtige und von Angstzuständen geplagte Kirchner hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg auf die Staffelalp in den Davoser Bergen zurückgezogen.

Im kargen Bauernhaus standen, zur Begrüßung, nicht nur die beiden klobigen, archaischen Adam- und Eva-Figuren, die uns nun auch in der Stuttgarter Ausstellung willkommen heißen. Kirchner hütete dort sein ganzes Werk, das nach seinem Selbstmord 1938 von seinem Schüler Christian Laely verwaltet wurde.

„Sammlung Gervais“ als Hilfskonstrukt für den Verkauf

Corinna Höper: „Die Schwierigkeit war jedoch, dass alle deutschen Vermögen in der Schweiz 1945 als Feindvermögen deklariert worden sind und nicht veräußert werden konnten. Deshalb vermutlich wurde das Konstrukt Gervais geschaffen, damit Laely Werke von Kirchner nach Deutschland verkaufen konnte.“

Der Stuttgarter Kirchner-Besitz verdankt sich also einem Etikettenschwindel. Aber welch wunderbare Folgen das hatte, kann man nun in der Ausstellung sehen. Denn Stuttgart gehört ja nicht nur die angebliche Sammlung Gervais, sondern noch viel mehr.

Kirchner pädophil? Auseinandersetzung um eine Kreidezeichnung

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Ganzes Panorama der Techniken

Kirchner hatte sich schon früh, seit 1904, für den Holzschnitt interessiert. Die Schau zeigt nun, neben diversen Gemälden, das ganze Panorama der Techniken: Bleistift, Feder, Kreide, Radierung, Lithographie, Aquarell.

Von der Ornamentik des Jugendstils zur eigenen Expressivität

Man kann sehr gut sehen, wie sich der selbstbewusste Kirchner von den ornamentalen Linien des Jugendstils löst und zu länglichen expressiven Körpern mit scharfen Kanten findet. Die Druckgraphik der Dresdner Jahre wird vom Ölgemälde abgelöst.

Während der Berliner Kriegsjahre werden die Werke nun in eine fiebrige Vibration versetzt. Man sieht die exaltierten Tanz- und Bordellszenen und auch diverse Beispiele der tierhaft und keilförmig dastehenden Straßen-Kokotten. Der vorbereitende Holzschnitt ist dabei fast bracchialer als die Ausführungen in Öl.

Ernst Ludwig Kirchner, Drei Akte im Grünen, (Foto: Staatsgalerie Stuttgart - Foto: Staatsgalerie Stuttgart)
Ernst Ludwig Kirchner, Drei Akte im Grünen, 1911, Bleistift; Aquarell; Papier (elfenbeinfarben), 27,5 x 33,8 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung Staatsgalerie Stuttgart - Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Der Lässigste unter den Künstlern der „Brücke“

Dann die erotischen Szenen am Strand von Fehmarn und Kirchners Zusammenbruch 1915. Im Schweizer Refugium malt der langsam Genesende nun Kühe, Schlitten und rosa glühenden Alpenlandschaften, manchmal auch Akte im Tannenwald.

Eine vergleichende Schau von früher Druckgraphik zeigt, dass Kirchner bei weitem der Lässigste aus der Riege „Brücke“-Mitglieder war. Gerade bei den Akten: variabel und souverän.

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