"Ephemeral Urbanism“ - Ausstellung in der Pinakothek der Moderne Bauen auf Zeit in einer Welt der Bewegung

Kulturthema am 14.9.2017 von Christian Gampert

"Ephemere", also vorläufige, flüchtige Architektur ist das Thema einer Ausstellung des Münchner Architektur-Museums in der Pinakothek der Moderne. Ephemeres Bauen wird in einer Welt, in der Menschen ständig in Bewegung sind, immer wichtiger. Die Harvard-University hat Wohnprojekte wie Militärcamps in Afghanistan oder Ölbohr-Inseln untersucht und beschreibt deren logistische Probleme und den Variantenreichtum in der Bauweise. Die Münchner Ausstellung belegt diese Forschungsergebnisse mit vielen Beispielen, die zum Nachdenken anregen über die soziale Rolle von Architektur und darüber, wie viel eigentlich entbehrlich ist.

Wenn insgesamt 100 Millionen Menschen das hinduistische Kumbh Mela-Fest feiern und in den Fluten des Ganges baden, um sich von ihren Sünden zu befreien, dann… - ja dann muss auch für so banale, nicht-geistige Bedürfnisse wie Wohnen, Schlafen und Essen, für Dächer und Isolierung, Strom, Abfallentsorgung und Hygiene gesorgt sein. 55 Tage lang entstehen dann, und zwar zuletzt 2013, mehrere provisorische Städte, die aus Baumwolle, Plastik, Sperrholz und anderen Materialien bestehen und nach Ende der Feierlichkeiten abgebaut und weiterverwertet werden – die größten temporären, recycelbaren Mega-Cities der Welt.

Bauen auf Zeit wird immer wichtiger

"Ephemere", flüchtige, auf Zeit angelegte Architekturen spielen in der Gegenwart eine viel größere Rolle, als wir alle glauben. Vom Massen-Zeltlager bei religiösen oder popmusikalischen Großereignissen bis zur schnell erbauten, multifunktionalen Asylbewerber-Unterkunft, vom kargen Flüchtlingslager in Äthiopien bis zu den Großraumzelten des Münchner Oktoberfests: ständig wird auf- und abgebaut. Andres Lepik, der Leiter des Architekturmuseums, erklärt: "In der globalen Welt, in dem immer mehr Menschen in Bewegung sind, teilweise freiwillig, teilweise unfreiwillig, müssen auch die Städte ihre Substrukturen, ihre harten Strukturen verändern. Das heißt, es werden immer mehr flexible Strukturen benötigt."

"Flüchtige" Architekturen stehen vor logistischen Herausforderungen

Die schön designte und mit vielen exotischen Beispielen arbeitende Ausstellung holt uns durch ein provisorisches Stadttor hinein in die Welt des "Bauens auf Zeit". Ein Forschungsprojekt der Harvard-University hat weltweit Wohnprojekte untersucht, die völlig unterschiedliche Funktionen haben, vom Militärcamp in Afghanistan bis zur Ölbohr-Insel.

Viele logistische Probleme sind dabei ähnlich, der Variantenreichtum in Bauweise und Siedlungsform aber unerschöpflich. Die kleinste vorgestellte Einheit ist die schattenspendende Hütte, die die Juden zur Feier des Laubhüttenfests verwenden. Die größte ist ein chaotisches Flüchtlingslager in Kenia mit 300-tausend Einwohnern, die zum Teil schon 25 Jahre dort campieren…

Als Materialien werden bei den meisten "flüchtigen" Architekturen möglichst nichtbrennbare und wiederverwendbare Stoffe verwendet. Feuergassen spielen in Massenunterkünften eine zentrale Rolle – immer wieder bricht Panik aus, gerade bei Pilgern. Auch der Hatsch, die islamische Pilgerfahrt nach Mekka, steht immer in dieser Gefahr: nach einem mehrtägigen Fußmarsch müssen die Menschen untergebracht werden, eine echte Herausforderung, meint Andres Lepik: "Das heißt, das ist ein Zeltlager, was für zweieinhalb Millionen Menschen funktionieren muss – einschließlich der gesamten Infrastruktur. Das heißt Toiletten, das heißt Restaurants, die Trennung teilweise der Zelte von Männern und Frauen. Es muss Feuerwege geben, Evakuationspläne."

Die Ausstellung regt zum Nachdenken über die soziale Rolle von Archiktektur an

Wenn man der Ausstellung ein Kompliment machen kann, dann dieses: sie regt die Phantasie an. Wie viel braucht man eigentlich, was ist entbehrlich? Wie werden durch Architektur Beziehungen gelenkt? Bei Flüchtlingsunterkünften ist es zum Beispiel das größte Problem, den Menschen Abgeschiedenheit zu ermöglichen, Privatheit. Das schönste Beispiel der temporären Improvisier-Lust ist der "Talad Rom Hoob Market" in Thailand. Mitten durch das Gebiet des Marktes verläuft eine Zugstrecke. Auf den Gleisen laufen Touristen, Händler preisen ihre Waren an. Wenn der 'langsam fahrende' Zug kommt, klappen die Händler einfach ihre Sonnenmarkisen zurück - dann geht der Handel weiter. Man kann mit Sachzwängen auch fröhlich umgehen…

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