Kunst

Eine Tonne Plastik ins Meer - ,,Aktion "Plastic4future"

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AUTOR/IN
Sophia Volkhardt

Wie viel kostet die Moral? Der Stuttgarter Künstler Herr Clair verkauft eine limitierte Kunstedition in Form von Zertifikaten. Mit jedem Zertifikat entscheiden Käufer*nnen über ein Kilo Plastik: Das wird wahlweise in Indonesien ins Meer geworfen oder aus dem Wasser gefischt. Je größer die Nachfrage für eine Entscheidung, desto höher der Preis. Da wird die Versuchung groß, auch die moralisch fragwürdige Entscheidung in Betracht zu ziehen.

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Ein Spiel mit Preis, Moral und Plastik im Meer

Rote Flaschenverschlüsse, grüne, gehäckselte Flaschenkörper, blaue Fischernetze, schwarze Bootsteile – auf der Waage in Clair Bötschis Atelier sieht der bunte Plastikberg nach viel mehr aus, als sich einem bei der Vorstellung von einem Kilo vor dem inneren Auge auftürmt.

Und genau über so ein Kilo Plastik entscheiden Käuferinnen und Käufer von Clair Bötschis Care-Zertifikat, erklärt der Künstler: „Wir spielen mit dem Preis und der Moral. Es gibt ein Zertifikat, das zwei Auswirkungen hat. Freefloat heißt: Ich werfe Plastik rein. Clearing heißt: ich hole Plastik raus. Und je mehr der Markt in eine Richtung tendiert, desto billiger wird die andere Entscheidung. Das heißt, der Algorithmus versucht das immer auszugleichen.“

Es kann also sein, dass der Preis sogar ins Minus geht, dann gibt es ein Kunstwerk und dazu noch Geld.

Wechselwirkungen zwischen Kunst und Ökonomie

Natürlich wird das Zertifikat stilecht in einer Plastiktüte geliefert. Auf der einen Seite ein Lenticulardruck von einer düsteren Unterwasserwelt mit Plastik, ein Wackelbild mit 3D Effekt, auf der Rückseite die Urkunde mit Nummer und Stempel – wie alte Wertpapiere.

Clair Bötschi  - Aktion Plastic4future (Foto: Pressestelle, P4F Studio_ Plastik Foto.Sebastian F. Meyer)
Die einzelnen Teile sind sehr leicht, für ein Kilo muss eine Weile im Meer gefischt werden. Pressestelle P4F Studio_ Plastik Foto.Sebastian F. Meyer

1.000 Zertifikate werden insgesamt verkauft, eine Tonne Plastik. Clair Bötschi, der sich der Eindeutigkeit wegen Herr Clair Bötschi nennt, hat auch Wirtschaft studiert und interessiert die Wechselwirkung von Kunst und Ökonomie.

Ein ironisches Gesamtkunstwerk

Hinter den Zertifikaten, die bei den Käuferinnen und Käufern ankommen steckt also viel mehr: Eine Homepage „Plastic4Future“ wurde programmiert, Plastik für die Zukunft, auf der Interessierte den aktuellen Kurs verfolgen können. „Investieren Sie in den aufstrebenden Markt für Meeresplastik“ heißt es da ironisch.

An der Aktion sind unter anderem auch ein Programmierer und ein Designer beteiligt. Ein Gesamtkunstwerk sozusagen. Der aktuelle Kurs: 92 Euro für das Zertifikat für Umweltretter, die Plastik aus dem Meer fischen lassen wollen. Mit 8 Euro zum Schnäppchenpreis gibt es das Zertifikat für diejenigen, die sich denken – auf ein Kilo Plastik mehr im Wasser kommt es doch nicht an.

Oder spekulieren sie darauf, dass der Künstler Bötschi es am Ende doch nicht ernst macht und für die Kunst zum Umweltsünder wird?

Die Reaktionen auf das Projekt fallen gemischt aus

Der Künstler begreift das Projekt als „Soziale Plastik“ in Anlehnung an Joseph Beuys. Kunst, die den Anspruch hat, auf gesellschaftliche Strukturen einzuwirken.

Die individuellen Entscheidungen auf dem freien Markt werden untersucht und wie Moral und Preis sie beeinflussen. Die Reaktionen auf Clair Bötschis Projekt waren bisher sehr gemischt. Einige sind fasziniert von dem Projekt, andere lehnen es strikt ab, wollen sich auch keine Gedanken über die Strukturen dahinter machen. Das kann doch keine Kunst sein – so der Tenor.

Für Bötschi auf jeden Fall – Kunst muss für ihn nicht immer den moralischen Zeigefinger heben, wie viele Aktionen seiner Kolleginnen und Kollegen: „Man versteht’s sofort und das finde ich oft sehr langweilig. Ich denke, die Kunst muss neutral sein in einer Form. Ich gebe den Menschen die Entscheidung, selbst zu handeln. Da kann man sich dann drüber aufregen – aber so ist es ja in der Welt – die Menschen können sich frei entscheiden und tragen die Verantwortung dafür. Ich finde unbedingt, dass die Kunst frei sein muss, Böses zu tun.“

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