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Ein Kunstquarantäne-Container, ein irakisches Lehmhaus, ein unbrauchbarer Spielplatz – diese Kunstwerke sind Teil der Binger Skulpturen-Triennale, die zum fünften Mal am Rheinufer besucht werden kann. Zwanzig Künstler:innen zeigen ihre Ideen zum Thema „echt und falsch“. Das Ergebnis ist witzig, ironisch und im positiven Sinne irritierend. Kunstgenuss, der unter freiem Himmel in Corona-Zeiten passt und noch dazu kostenfrei ist.

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Kunst-Quarantäne-Container

Verkaufs- und Bemusterungscontainer für Neubauprojekte in bester Lage stehen zuhauf am Rheinufer, direkt am Wasser mit Blick auf das deutsche Nationaldenkmal — die „Germania“. Der Künstler Marcel Walldorf hat in einem dieser Container eine glänzende Porzellankatze und einen Dalmatiner in Szene gesetzt.

„Echt und falsch“: Skulpturen am Binger Rheinufer spielen mit der Wahrnehmung

Schaukasten von Marcel Walldorf (Foto: SWR, Martina Conrad)
Die Gesellschaft sei inzwischen so abgebrüht, dass man sie mit schockierenden Bildern nicht mehr erreiche — deshalb setze er auf Tiermotive, um über gesellschaftskritische Themen ins Gespräch zu kommen, erklärt Künstler Marcel Walldorf. — Im Bild: Schaukasten von Marcel Walldorf Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen
Marcel Duchamp mit seinen ready-mades habe die Betrachter:innen provoziert und aufgefordert zu entscheiden, ob das überhaupt ein Kunstwerk sei, so Kurator Lutz Driever. Wie weit gehe überhaupt der Begriff des Kunstwerks und könne etwas, was ein:e Künstler:in nicht physisch hergestellt habe, denn ein Kunstwerk sein, fragt er weiter. — Im Bild: Quai Marcel Duchamps Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen
Das Lehmhaus von Havin Al Sindy hat am Rheinufer seinen Platz gefunden. Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen
Wieviel Sicherheit verträgt Spaß? Der Safe Playground von Charlie Stein stellt diese Frage, die durch die Corona-Einschränkungen plötzlich sehr viele Menschen beschäftigt hat. Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen
„Echt oder Falsch“? Nofretete blickt aus dem ehemaligen Schifffahrtsamt zur Germania. Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen

„Mir ist wichtig, dass auch mal andere Menschen meine Arbeiten zu sehen bekommen, die jetzt nicht unbedingt in Galerien gehen.“

Marcel Walldorf, Künstler

Das richtige Objekt am falschen Ort?

Und neben den unechten Tieren sehen wir den berühmten Flaschentrockner von Marcel Duchamp. Wirklich? Ein echter Duchamp am Binger Rheinufer in einem zweckentfremdeten Verkaufscontainer? Nein, es ist ein echter Pierre Granoux. Der französische Künstler spielt mit Original, Kopie und Reproduktion. Ganz besonders in Bezug auf Editionen, die grundsätzlich die Frage aufwerfen, ob ein Kunstwerk ein Unikat sein kann und soll.

Das betrifft auch Alltagsgegenstände und immobile Objekte: Die irakische Künstlerin Havin Al-Sindy hat am Binger Rheinufer ein Lehmhaus aufgebaut. Es ist nicht wirklich echt, denn es steht am falschen Ort. Ist es also ein kultureller Fake?

Kunscht! über die Skulpturen-Triennale

Ein bisschen Risiko muss sein

Oder die Skulptur von Charlie Stein: Sie hat einen Spielplatz angelegt, dessen Schaukel und Rutsche im Sand liegen. Spielen an sich unmöglich. Hat hier die Sicherheit über das Risiko gesiegt? Obwohl vor Corona entstanden, greift sie damit ein hochaktuelles Thema auf.

„In Hinblick auf die Corona-Krise, wenn man mal auf die eine Seite das Risiko stellt und sagt, da ist Risiko, aber da haben wir keinen Spaß mehr — dann sind wir ganz schnell bei diesen merkwürdigen Demonstrationen, die gerade stattfinden. Und wir sind ganz schnell auch dabei, Leute in bedrohliche Situationen zu bringen.“

Lutz Driever, Kurator der Ausstellung

Durch diesen Kontext habe das Werk noch mehr an Komplexität gewonnen, erklärt der Kurator Lutz Driever, denn es würde klar, dass es sich nicht so leicht in diese dualen Pole zerpflücken ließe.

Sehenswerte Freiluft-Schau

Die 5. Skulpturentriennale lockt mit hochkarätigen, witzigen, ironischen und vor allem immer hintergründigen Objekten ans Binger Rheinufer: Mal ist es der falsche Ort, der irritiert, wenn ein Bau- zum Kunstcontainer wird.

Mal ist es die fehlgeleitete Erwartungshaltung, wenn der Besucher einen echten Duchamp entdeckt und mal die Frage nach Kunst oder Fälschung, wenn der Kopf der Nofretete aus dem ehemaligen Schifffahrtsamt zur Germania blickt. Eine überaus ansprechende und qualitätsvolle Schau, für die man keinen Eintritt zahlen muss.

Die Binger Skulpturentriennale 2020 unter dem Motto „Echt und Falsch“ läuft noch bis 4. Oktober 2020.

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