"Du bist Faust" | Ausstellung in der Kunsthalle München Faust auf grandioser Bühne

Kulturthema am 21.2.2018 von Christian Gampert

Goethes „Faust“ ist das Werk, dem die meisten bildlichen Darstellungen der Kunstgeschichte gewidmet sind, von Eugène Delacroix bis zu Max Beckmann, Anselm Kiefer und Robert Mapplethorpe. Die Kunsthalle München bietet eine grandiose Überblicksschau, die man nicht versäumen sollte.

Eine Ausstellung wie eine Theaterinszenierung

Diese Ausstellung ist wie eine Theaterinszenierung - wenigstens beinahe. In jedem Raum spürt man das Bemühen, die Figuren, die Handlung, den Stoff in ein theatralisches Ambiente zu versetzen.

Zu Beginn ein Prospekt des Weimarer Goethe-Hauses am Frauenplan und eine Mephisto-Puppe aus dem 18.Jahrhundert – Goethe hatte den Stoff zunächst als Marionettentheater kennengelernt. Dann tritt man durch einen rot-samtenen Theatervorhang, und das Spiel, die Ausstellung beginnt.

Marko Antokolski, Mephisto, 1883. 173 x 72 x 102 cm, Marmor. (Foto: Kunsthalle München - Foto: Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg)
Marko Antokolski, Mephisto, 1883. 173 x 72 x 102 cm, Marmor. Kunsthalle München - Foto: Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg

Will Quadflieg und Mark Antokolski

Der erste Raum ist natürlich dem „Prolog im Himmel“ gewidmet, man sieht Bühnenbild-Entwürfe – und gleich den ersten Film, die berühmte Gründgens-Inszenierung mit Will Quadflieg als Faust aus den 60er Jahren. Daneben eine lebensgroße, bei uns völlig unbekannte Mephisto-Skulptur des russischen Bildhauers Mark Antokolski von 1883. Die Figur sitzt athletisch, in griechischer Nacktheit und in Denkerpose vor uns.

Den Faust-Stoff lebendig machen

Schon hier spürt man das Konzept, den Stoff zu verlebendigen und nah an uns heranzurücken. Im nächsten Raum wird das noch klarer: aus Istvan Szabos „Mephisto“-Film (nach dem Roman von Klaus Mann) zeigt man jene Szene, in der der bereits geschminkte Mephisto-Darsteller Gustav Gründgens in die Loge des (Hermann Göring nachempfundenen) Chef-Nazis bestellt wird. Der Schauspieler und Intendant reicht dem Nazi die Hand, auch dies ein Pakt mit dem Teufel.

Eduard von Grützner, Mephisto, 1872. 67 x 54 cm Öl  Leinwand. (Foto: Kunsthalle München - Foto: Münchner Stadtmuseum)
Eduard von Grützner, Mephisto, 1872. 67 x 54 cm Öl / Leinwand. Kunsthalle München - Foto: Münchner Stadtmuseum

Eduard von Grützner: Der Mephisto als Bühnenfigur

Das Drama hat also eine politische Dimension, auch jenseits von Fausts Forscherdrang und der sexuellen Ausnutzung des frommen Gretchens. Die Darstellung einzelner Figuren wird durch die Jahrhunderte verfolgt – den Mephisto sieht der Maler Eduard von Grützner 1872 als diabolisch verkleidete Bühnenfigur.

Klischee des unbescholtenen Gretchens

Robert Mapplethorpe stellt sich selbst 1985 als Teufel und homosexuellen Verführer dar. Das Klischee des beim Volk beliebten unbescholtenen Gretchens wird durch eine Fülle von Postkarten des frühen 20. Jahrhunderts bebildert. Fausts Denkerstube ist bei Carl Gustav Carus 1851 ein gotischer Kerker. Der Faust-Saal der Ausstellung ist düster, mit chemischen Formeln an der Wand; das Gretchen-Zimmer dagegen in unschuldiges kirchliches Weiß getaucht.

Luis Ricardo Falero, Der Aufbruch der Hexen, 1878. 145 x 118,2 cm, Öl  Leinwand. (Foto: Kunsthalle München - Foto: Privatsammlung, Monza)
Luis Ricardo Falero, Der Aufbruch der Hexen, 1878. 145 x 118,2 cm, Öl / Leinwand. Kunsthalle München - Foto: Privatsammlung, Monza

Falero: Walpurgisnacht, hocherotisch aufgeladen

Ausgedacht hat sich diesen Raumgestaltungen der Bühnenbildner Philipp Fürhofer. Ständig sieht man in Spiegeln und ist mit sich selbst konfrontiert, und darauf muss man sich schon einlassen – gerade wenn es dann um Fausts Wunsch nach ewiger Jugend oder um die Walpurgisnacht geht.

Die Ausstellung fördert viele unbekannte Darstellungen des Faust-Themas zutage – hocherotisch aufgeladen etwa der „Aufbruch der Hexen“ des Luis Ricardo Falero, der 1878 pralle Frauenkörper malte, die noch heute in jedes Pin-up-Magazin passen würden.

Theatralität erzeugt ein grandioses Ereignis

Die Kehrseite liefert einmal mehr die Gegenwartskunst: Anselm Kiefer behandelt den Gretchen-Komplex mit einem schrundigen, erdigen Bild und dem Verweis auf Paul Celan und Auschwitz – dein goldenes Haar, Margarete. Mehrere opernhafte Räume sind Fausts Verdammnis bei Hector Berlioz gewidmet.

Gerade diese Theatralität macht die Ausstellung zu einem grandiosen Ereignis, das man nicht versäumen sollte.

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