Digitale Skulpturen im Museum Ulm Wie Skulpturen lebendig werden

Kulturthema am 31.1.2018 von Verena Hussong

Seit jeher erschafft der Mensch Skulpturen. Doch was ist eine digitale Skulptur? Etwas Reales - oder etwas Virtuelles, das nur im Computer existiert? Das Museum Ulm zeigt digitale Skulpturen zehn international tätiger Künstler, ausgezeichnet in einem Wettbewerb der Ulmer Hochschule für Gestaltung und Kommunikation.

Skulpturen, die plötzlich wachsen und wabern

Die erste Skulptur der Ausstellung ist gar keine – zumindest auf den ersten Blick. Man sieht ein großes Foto: darauf organische Formen, die silbernen, schwarzen und roten Blutgefäßen ähneln.

Doch wenn man sein Smartphone mit eingebauter Kamera vor das Foto hält, geschieht Erstaunliches mit der Gefäßstruktur, erklärt die Direktorin des Museums Ulm, Stefanie Dathe: "Sie dreht sich, wächst und wabert. Sie entwickelt dieses organische Leben, was sie auf dem eingefrorenen Bild eben nicht hat. Sehr spannend, ganz einfach über eine kostenfreie App zu erleben."

Aus einem Foto wird ein pulsierendes Gebilde

Aus einem zweidimensionalen Foto wird auf dem Handybildschirm ein pulsierendes dreidimensionales Gebilde - auch für Besucher ohne eigenes Smartphone: das Museum hält dafür Tablets bereit.

Die Arbeit des Künstlerduos Banz & Bowinkel ist ein Beispiel für eine digitale Skulptur. Was das genau ist, hat die Kunstwelt noch gar nicht definiert. Die Digitalisierung gibt Künstlern ganz neue Möglichkeiten, Ideen zu verwirklichen.

Installation von Friedemann Banz und Giulia Bowinkel, Bodypaint III. (Foto: DAM Gallery Berlin -)
Installation von Friedemann Banz und Giulia Bowinkel, Bodypaint III. DAM Gallery Berlin -

Versteinerung von Filmen

Statt Hammer und Meißel nutzen sie nun eben die Rechenleistung von Computern. Wie Nicolò Krättli und Jann Erhard aus der Schweiz. Die beiden Künstler und Architekten aus dem Land der Alpen versteinern digital erzeugte Filme.

Aus einer Videosequenz wird mit Hilfe eines 3-D-Druckers eine Videoskulptur – ein Quader, auf dem man außen schemenhaft eine Landschaft mit ein paar Bäumen erkennen kann.

Seiten geschichtet wie im Daumenkino

Jann Erhard erklärt: "Es ist wie in einem Buch: Seite für Seite haben wir Bild für Bild hintereinander geschichtet, ähnlich einem Daumenkino. Nur ist das jetzt eine Skulptur geworden, die sich nicht mehr auseinanderauseinanderfalten lässt. Letztlich sind die Klötze wie ein Stein. Aber sie erzählen eine Geschichte, die dieses digitale Zeitalter hervorgebracht hat."

Das Virtuelle wieder greifbar machen

Bei aller Digitalität fällt auf, dass mehrere Künstler in der Ausstellung versuchen, das Virtuelle, die Bilder aus dem Computer, wieder greifbar zu machen, aus Bits und Bytes eine handfeste Skulptur herzustellen.

Museumsdirektorin Stefanie Dathe: "Das ist in der Tat erstaunlich, dass viele Künstler den virtuellen Raum wieder übersetzen in greifbare Dinge, die wir anfassen können, die eingefroren sind. Es geht also darum, sich das Flüchtige, das Nichtexistierende wieder anzueignen. Das hat auch mit der menschlichen Natur zu tun. Wir leben auch in der analogen Welt."

Hologramm der Nackten - Bild des virtuellen Narzissmus

Das Hologramm einer nackten Frau, das zur Musik einer Spieluhr in einer Glasschale zu schweben scheint, lässt sich nicht greifen. Die Arbeit Martina Menegons verweist auf die digitale Welt voller Selbstporträts, auf den virtuellen Narzissmus

Stefanie Dathe erläutert: "Eine italienische Künstlerin hat das Selfie-Thema erweitert und hat sich selbst mit einer 3D-Kamera fotografiert, rundum, nackt, sitzend, vor sich eine Teddybär auf dem Schoss. Und hat daraus ein 3-D-Bild von sich gemacht, das natürlich Fehlstellen hat. Sie kann sich schlichtweg nicht vn der Rückseite fotografieren, das Ganze hat etwas sehr Hüllenhaftes, aber es ist sehr spannend, das ist die Fortsetzung des Selfies."

Die Ausstellung weckt den Spieltrieb

„Follow the Unknown“ – so heißt die Ulmer Ausstellung. Und genau darauf muss man sich als Besucher einlassen. Dem Unbekannten zu folgen, Sehgewohnheiten und den vertrauten Umgang mit Kunst zu hinterfragen. Das weckt den Spieltrieb, macht die Schau zuweilen sperrig, doch auf jeden Fall spannend.

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