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100 Jahre Bauhaus Die „weiße Stadt“ in Tel Aviv

Von Christian Gampert

1919 gründete Walter Gropius das Bauhaus, die wahrscheinlich einflussreichste Architektur- und Designschule der Welt. Nur 14 Jahre später lösten die Nazis die Schule wieder auf. Ein großer Teil der jüdischen europäischen Architekten floh ins Ausland, vor allem nach Palästina. In Tel Aviv bauten sie in den 1930er und 1940er-Jahren die „weiße Stadt“, eine nach den Bedürfnissen der Bewohner errichtete, funktionale, an den Fassaden weißgekalkte Metropole.

Renovierungsbedürftige Bauhaus-Gebäude

Rund 4.000 Wohnhäuser stehen heute noch in der vom englischen Architekten Patrick Geddes ersonnenen, begrünten Stadtanlage. Viele von ihnen sind nicht mehr weiß, sondern eher grau und von der salzigen Seeluft angefressen. Aber rund 2.000 sind inzwischen renoviert, denn Teile von Tel Aviv stehen als „Weltkulturerbe“ unter dem Schutz der Unesco.

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Bildergalerie

Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv

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Text: Christian Gampert
 
Der Dizengoff-Platz Tel Aviv in der 1940er-Jahren. Auf alten Bildern dieser Zeit sieht man junge Frauen, die ihre Kinderwägen über einen kreisrunden, begrünten, parkähnlichen Platz mit Fontäne mitten in Tel Aviv schieben - während, so assoziiert man unwillkürlich hinzu, in Europa die Juden von den Nazis ins Gas geschickt wurden.
 
Diejenigen, die sich retten konnten, wohnten in Tel Aviv in Häusern, die (ebenfalls emigrierte) europäische Architekten der Bauhaus-Schule entworfen hatten – unter anderem das bis heute erhaltene, städtebaulich einmalige Gebäude-Ensemble rund um jenen Dizengoff-Platz, mit seinen Kinos, Cafés und Geschäften, seinen schattenspendenden Balkonen und den typischen, banderolenartig geschwungenen weißen Fassaden.

Text: Christian Gampert
 
Der Dizengoff-Platz Tel Aviv in der 1940er-Jahren. Auf alten Bildern dieser Zeit sieht man junge Frauen, die ihre Kinderwägen über einen kreisrunden, begrünten, parkähnlichen Platz mit Fontäne mitten in Tel Aviv schieben - während, so assoziiert man unwillkürlich hinzu, in Europa die Juden von den Nazis ins Gas geschickt wurden.
 
Diejenigen, die sich retten konnten, wohnten in Tel Aviv in Häusern, die (ebenfalls emigrierte) europäische Architekten der Bauhaus-Schule entworfen hatten – unter anderem das bis heute erhaltene, städtebaulich einmalige Gebäude-Ensemble rund um jenen Dizengoff-Platz, mit seinen Kinos, Cafés und Geschäften, seinen schattenspendenden Balkonen und den typischen, banderolenartig geschwungenen weißen Fassaden.

Als in den 1970er-Jahren der Verkehr überhand nahm, untertunnelte man den Platz, der fortan als brutalistische Beton-Brücke dastand. Das missfiel nicht nur vielen Bürgern, sondern auch der UNESCO, die die weiße Stadt als Weltkulturerbe unter ihren Schutz gestellt hatte und die Wiederherstellung des alten Dizengoff-Square forderte.
 
Diese Renovierung – und Modernisierung - ist nun abgeschlossen. (Im Bild: Der Dizengoff-Platz mit dem Feuer- und Wasserbrunnen vor der Renovierung des Platzes)
 

Gebaut wurden diese Häuser von Flüchtlingen - und von Architekten, die oft in Osteuropa studiert hatten, aber von den Ideen des Bauhauses begeistert waren. Und natürlich von jenen deutschen Juden, die sich retten konnten.

Modernes Bauen, das war in der Phase vor Gründung des Staates Israel vor allem die Errichtung von gebrauchsfreundlichem Wohnraum. Meist haben die Gebäude, dem Klima entsprechend, einen auf Pfeilern ruhenden, schattigen Eingangsbereich - wie das Hotel Cinema auf diesem Bild.
 
Und natürlich gibt es berühmte, luxuriös ausgestattete Gebäude. Aber eigentlich gibt es keine wirklichen Häuser-Ikonen des „Internationalen Stils“ in Tel Aviv – was zählt, ist das Stadt-Ensemble, eine Idee von Offenheit und neuer Gemeinschaft.

4000 Bauhaus-inspirierte Häuser gibt es in Tel Aviv, nur die Hälfte ist renoviert. Der Rest sieht nicht nobel aus - viele Gebäude sind innen sehr wohnlich, aber außen von der Seeluft zerfressen.

Eigentümer-Streitigkeiten verhindern eine Fassaden-Renovierung. Und Wohnraum ist in Tel Aviv weitaus teurer als in Deutschland.

Aber das sind die Probleme von heute – die Marktwirtschaft triumphiert. Das alte Tel Aviv, die weiße Stadt, die kann jeder entdecken - zum Beispiel am Dizengoff-Platz…

Audio hören: Der Beitrag von Christian Gampert

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