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Rechte Gewalt in Deutschland sichtbar machen: Das Brandstiftungsarchiv von Thomas Stratmann in Stuttgart

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Mölln, Solingen und Hoyerswerda, Lübeck, Jüterbog, Vorra... Die Liste der seit 1990 im wiedervereinigten Deutschland verübten Brandanschläge gegen Asylbewerber*innen oder deren Unterkünfte ist lang. Doch kaum aus den Medien verschwunden, finden die Fälle rechter Gewalt nur schleppend Platz im kollektiven Gedächtnis. Informationsdesigner Thomas Stratmann will das mit seiner Installation „Arson Archive“ ändern.

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Eine Erinnerungslücke als Ausgangspunkt

Die Geschichte beginnt mit dem berühmten weißen Fleck: Die deutsche Erinnerungskultur hat einfach ihre Lücken, dachte sich der Informationsdesigner Thomas Stratmann. Während Gedenktafeln und Stolpersteine die Opfer der NS-Verbrechen sogar im Alltag sichtbar machen, vermisste er eine ähnliche Würdigung der Menschen, die in jüngerer Zeit Zielscheibe rechter Gewalt geworden sind.

So entstand die Idee zu einem Brandstiftungsarchiv: „Diese Fälle, die ich thematisiere, bekommen so gut wie gar keine Aufmerksamkeit. Diese Gebäude haben keine historische Signifikanz, sondern werden danach renoviert, abgerissen, waren ohnehin von vornherein nur temporäre Unterkünfte und dann ist es halt schnell wieder vergessen.“

So sehen die Modelle aus:

Über 400 dokumentierte Anschläge

Mit seiner ungewöhnlichen Masterarbeit, die an der niederländischen Design Akademie Eindhoven entstand, hat Thomas Stratmann abstrakten Zahlen eine konkrete Gestalt gegeben. Jeder Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft seit der Wiedervereinigung ist dokumentiert – über 400 Häusermodelle, die deutliche Spuren der Zerstörung aufweisen: von Ruß geschwärzte Wände, manchmal ist das Dach eingestürzt – verkohlte Balken liegen kreuz und quer. An jedem Modelhaus baumelt ein Zettel mit Ort und Datum des Brandanschlags.

Allerdings keine originalgetreuen Nachbauten, betont Thomas Stratmann: Anhand der in der Presse dokumentierten Fälle habe er 20 Prototypen entwickelt, unter anderem Sporthallen, Fachwerkhäuser, die Asylunterkünften entsprächen, und diese dann dupliziert.

Häufung nach der Wiedervereinigung und ab 2010

Im Ausstellungsraum der Architekturgalerie am Stuttgarter Weißenhof hat der Informationsdesigner, der heute in Amsterdam lebt, eine überdimensionale Zeitleiste von 1990 bis in die Gegenwart am Boden befestigt. So kann man nun überdeutlich ablesen, wie viele Brandanschläge es in jedem Jahr gegeben hat. Gerade an den beiden Enden der Zeitleiste türmen sich Berge gestapelter und ineinander verkeilter Gebäude. Dabei hatte man sich doch eingebildet, dass es nur spektakuläre Einzelfälle gab.

„Also man merkt eigentlich schon, bevor die Migrantenkrise wirklich präsent wurde in den Medien und in der Wahrnehmung, dass sich was zusammengebraut hat. Und dann wirklich 2015/2016 gerade in dem Winter hat man halt Dutzende Anschläge täglich teilweise gehabt“, resümiert Stratmann.

Blick auf die Installation:

Beginn zu einer gesellschaftlichen Debatte

Die Installation zeigt auf eindringliche Weise: Es besteht Handlungsbedarf. Die Reaktionen auf das Brandstiftungsarchiv sind denn auch recht unterschiedlich, berichtet Thomas Stratmann, der mit seiner Arbeit bis auf eine Ausnahme in den Niederlanden unterwegs war:„Die Leute haben schon angefangen zu weinen oder haben sich inspiriert gefühlt, haben gesagt, wie man das noch weiter entwickeln könnte, was mich sehr gefreut hat.“

Und weiter: „Das ist ja auch gedacht als ein Archiv, was halt zugänglich ist für jeden. Das soll keine Kunstwerk sein, das in einer privaten Galerie herumsteht, sondern dass es dann Leute motiviert, selbst was zu tun und darüber aufzuklären.“

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