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Welch ein Coup: Die Kunsthalle Tübingen zeigt die bundesweit erste Einzelausstellung des Documenta-Künstlers Daniel Knorr. Der 51-Jährige ist Meisterschüler von Olaf Metzel. Er macht Konzeptkunst mit einer hohen ästhetischen Qualität. Abfälle aus dem Plastik-Recycling hängt er ins Spiegelkabinett und gießt die Oberfläche des Mondes in blauem Kunstharz nach. Er sagt, man muss „die Fläche blinzeln lassen“, um Aufmerksamkeit zu erregen.

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Glänzende Wahrheiten

Es glänzt und glitzert in einem Raum, der ganz mit verspiegelter Plastikfolie verkleidet ist. An der Decke baumeln bizarre Gebilde, die an Unterwassertiere oder kleine Schmuckstücke erinnern. „Calligraphic Wig“ heißt diese Installation von Daniel Knorr, die zuletzt in Hong Kong auf der dortigen Art Basel zu sehen war.

Knorr war auf der Suche nach wertfreiem Material und fand es dort in Fabriken, die Kunststoffe recyceln. Üblicherweise wird das eingeschmolzene Plastik wie durch eine Nudelmaschine in Wülste gepresst und dann zu Granulat zerschnitten, doch wenn die Maschinen spinnen, kommt es auch mal in anderen Formen raus. Solche Teile hat Knorr gesammelt und mit Autofarben eingefärbt.

Kunst als Kommentar zur Zeit

Ein Haufen, der auf dem Boden der Kunsthalle Tübingen liegt, hat noch die originale gelblich-braune Tonigkeit. Eine Form, wie geschichtetes Gedärm oder Gammelfleisch. Knorr sieht es als interessante Aussage über den Moment, als habe „Mutter Erde sich übergeben“ und ein Stück Plastik erbrochen.

Der 51-Jährige zeigt Wahrheiten, die wir nicht gerne sehen.

Daniel Knorr in der Kunsthalle Tübingen (Foto: SWR, Susanne Kaufmann)
Aus der Werkreihe DEPRESSION ELEVATIONS (Die Höhen der Tiefen). - Hier Pflastersteine am Odeonsplatz in München Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Aus der Werkreihe DEPRESSION ELEVATIONS (Die Höhen der Tiefen), hier wurde ein Teil der Mondoberfläche, aus Daten der NASA, im 3D Drucker ausgedruckt Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Detailansicht CANVAS SCULPTURES, Polyurethan UV-beständig Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Daniel Knorr, aus der Serie CANVAS SCULPTURES Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen
Daniel Knorr und Dr. Nicole Fritz, Direktorin Kunsthalle Tübingen Susanne Kaufmann Bild in Detailansicht öffnen

„Man hat als Künstler in dieser Welt einen ganz kurzen Moment der Aufmerksamkeits-Spanne und den versuche ich auszunutzen.“

Daniel Knorr, Künstler

Von Rumänien über Freiburg über München zur Documenta

Daniel Knorr stammt gebürtig aus Rumänien. Seine Eltern – ein Ingenieur und eine Kinderärztin – flohen, weil sie, wie er sagt, nicht mit der Lüge leben konnten. Den 14-jährigen Sohn holten sie dann nach. Die erste deutsche Stadt hieß Freiburg.

Zum Studium ging Knorr an die Kunstakademie München zu Olaf Metzel, was nicht ohne Einfluss blieb. Beide beziehen sich in ihren Werken auf politische Themen und auf Geschichte, beide haben formal gesehen keinen durchgängigen Stil.

Den Kanal zu den Betrachter*innen öffnen

Was alle Arbeiten von Daniel Knorr freilich gemeinsam haben, ist eine hohe ästhetische Qualität. Absolut wichtig, um ein Publikum zu erreichen!

Teils regenbogenbunt eingefärbt sind seine Abgüsse von Bodenformen aus glasähnlichem Polyurethan: eine Pfütze vor dem alten Bundestag, ein Pflasterelement vor der Münchner Feldherrnhalle – sogar die Oberfläche des Mondes, abgenommen von einem 3D-Druck, den er mit Datenmaterial der NASA fütterte. Nun hängen sie als Reliefs an der Wand.

„Wir hinterlassen Spuren, und diese Spuren sind hier festgehalten in der Tiefe einer solchen Pfütze und sprechen eben von verschiedenen Zeiten.“

Daniel Knorr

Unberechenbarer, visionärer Künstler

Einen Raum hat er seiner „Waschanlage“ gewidmet, die er auf der letzten Art Basel installierte: eine ironische Auseinandersetzung mit dem Fetisch Auto und der Frage nach dem Wert von Kunst. Dafür baute er Fahrzeugmodelle aus Leinwänden nach und schob sie zwischen Sprinkler-Wänden durch – aus denen Farbe spritzte.

Tübingen erinnert auch an seine Installation auf der letzten Documenta, wo er Nebel aufsteigen ließ, und an die Aktion, bei der er Statuen im öffentlichen Raum mit Sturmhauben verhüllte. Die aktuelle Debatte, ob man bestimmte historische Denkmäler nicht stürzen sollte, nahm er 2008 bereits vorweg.

Es ist ein Coup der Direktorin der Kunsthalle Tübingen, Nicole Fritz, dass sie Daniel Knorrs erste Einzelausstellung in Deutschland präsentiert.

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