Kulturmedienschau

Bonus-Eklat zum Abschluss der Documenta | 13.9.2022

STAND
AUTOR/IN
Julia Haungs

Audio herunterladen (4,2 MB | MP3)

Documenta-Expertenrat: Propalästinensische Propagandafilme

Am Wochenende hatten die fünf Mitglieder des Expertenrats, der die Antisemitismus-Vorwürfe bei der Documenta untersuchen sollte, einen sehr kritischen Bericht veröffentlicht. Im Fokus steht zum einen um das Projekt „Tokyo Reels“, das unkommentiert propalästinensische Propagandafilme zeigt.

Gestern hat sich die fachwissenschaftliche Begleitung der Documenta #documenta15 erstmals öffentlich zu konkreten Werken in der Ausstellung geäußert. Kein leichter Schritt, aber in diesem Fall notwendig, denken wir. Hier der link: https://t.co/d9yuclAGAY

„Antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung“

Zum anderen kritisiert das Expertengremium sowohl das Kuratorenkollektiv Ruangrupa, das keine Verantwortung für einzelne Exponate übernehmen will als auch die völlig überforderte Leitung der Documenta. Alles zusammen habe eine „antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung“ aufkommen lassen. Dieser Bericht ist ein „intellektueller Feueralarm“, meint die Süddeutsche: „Ein schlimmeres Urteil durch besonnene Menschen kann man sich in der Bundesrepublik nicht vorstellen.“ 

Der Ausschnitt des umstrittenen Großgemäldes des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Pad bei der documenta (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Foto: Uwe Zucchi)
Der Ausschnitt des umstrittenen Großgemäldes auf der Documenta 15 zeigt einen Soldaten mit Schweinsgesicht. Er trägt ein Halstuch mit einem Davidstern und einen Helm mit der Aufschrift «Mossad», (20.06.2022) Das Gemälde ist infolge der Kritik abgehängt worden. Foto: Uwe Zucchi

Ruangrupa beharrt auf Kritik an Israel

Viele Documenta-Künstler und das Kuratorenkollektiv haben mit einem Offenen Brief reagiert. Er beginnt mit den Worten: “ Wir sind wütend, wir sind traurig, wir sind müde, wir sind vereint.“ Die Unterzeichner bestehen darauf, dass man den Staat Israel und die Art, wie er die Palästinenser behandelt doch wohl kritisieren dürfe und holen zum großen Rundumschlag aus:

„Die Frage ist nicht das Existenzrecht Israels; die Frage ist, wie es existiert. Widerstand gegen den Staat Israel ist Widerstand gegen den Siedlerkolonialismus, der Apartheid, ethnische Säuberungen und Besatzung als Formen der Unterdrückung praktiziert.“ Weiter heißt es im Text, dass die Deutschen bloß ihre Schuld auf die Palästinenser projizierten. Und dass die transnationale Solidarität aller Antikolonialisten dem Kampf der Palästinenser gelte.

FAZ: Purer Antisemitismus

Die FAZ meint: „Was dann doch der pure Antisemitismus ist: dass man sich von allen postkolonialen Konflikten der Gegenwart ausgerechnet den aussucht, in dem man die Juden als die Bösen markieren kann.“

Süddeutsche Zeitung: Documenta beenden

Die SZ wird noch deutlicher: „Die Entgegnung aus Kassel lässt einem den Atem stocken: Solche Leute durften die Documenta leiten? Dieser Befund ist schlimm, und über ihn wird noch lange zu reden sein. Der gesamte Apparat Documenta braucht nach dieser historischen Blamage einen Neustart, und nur mit etwas Glück reichen die fünf Jahre bis zum nächsten regulären Termin. Die laufende, fünfzehnte Documenta aber müsste eigentlich nicht Ende kommender Woche beendet werden. Sondern sofort.“ 

Debatte um Antisemitismus auf der Documenta 15

Kultur Die documenta in Kassel – Weltkunst in der deutschen Provinz

Die documenta ist eine der wichtigsten Kunstausstellungen weltweit. In Kassel war sie nicht immer beliebt. Auch die aktuelle documenta fifteen, die am 18. Juni öffnet, ist umstritten. Von Stefanie Blumenbecker (SWR 2022). | Die alle fünf Jahre stattfindende documenta gilt neben der Biennale in Venedig als wichtigste Präsentation für Gegenwartskunst. Die documenta fifteen findet in diesem Jahr vom 18. Juni bis zum 25. September 2022 statt. | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/documenta | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Gespräch Meron Mendel über die Antisemitismusdebatte bei der Documenta: „Es gibt bis heute eine linke jüdische Denktradition“

„Die jüdische Tradition ist in ihrer DNA pluralistisch“, sagt Meron Mendel im Gespräch mit SWR2 Kultur Aktuell. Der Versuch von Maxim Biller eine linke jüdische Denktradition als nicht jüdisch darzustellen sei ein klassisch hegemonialer Versuch, die eigene Meinung als die einzig legitime darzustellen, sagt Meron Mendel. Das widerspreche jahrtausendealten Traditionen. Schon bei der Talmud-Interpretation gibt es den Begriff der „machloket“, also einer konstruktiven Kontroverse verschiedener Rabbiner, auch wenn das den Leser manchmal verwirrt. „Vielleicht können wir heute aus dieser Tradition etwas lernen“ meint Mendel im Hinblick auf die Kontroversen um Emily Dische-Becker, Eva Menasse oder die antisemitischen Kunstwerke bei der Documenta.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Festival „Trapped in Postcolonial Relations“ – Auch in Stuttgart beschäftigt der Postkolonialismus die Kunst

Im Stuttgarter Stadtpalais wollen sich Künstlerinnen und Künstler bei einem Festival mit dem postkolonialen Erbe in Deutschland auseinandersetzen. Das muss nicht immer nur von Rassismus-Erfahrungen geprägt sein. Das Künstlerkollektiv „ReCollect“ veranstaltet ein buntes Wochenende das Bewusstsein schaffen und Austausch ermöglichen soll.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Gespräch Wie sieht es mit der Freiheit der Kunst aus? Der Historiker Moshe Zuckermann über sein neues Buch

Wie es mit der Freiheit der Kunst aussieht, das wird seit dem documenta-Skandal heftig diskutiert. Das Buch zum Thema hat der israelisch-deutsche Soziologe und emeritierte Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv Moshe Zuckermann geschrieben.  mehr...

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

Gespräch Direktor des Lenbachhauses: Antisemitismus nicht nur ein Problem der documenta

„Die documenta 15 zeigt auf, dass Antisemitismus und Rassismus zu den wichtigsten Themen in unserer Gesellschaft gehören“, sagt der Direktor des Lenbachhauses, Matthias Mühling. „Insofern ist es interessant, dass wir das jetzt so ausgiebig diskutieren, wo wir doch grundsätzlich Antisemitismus in unserer Gesellschaft haben und nicht nur auf der documenta", stellt der Kunstexperte fest. Das Lenbachhaus präsentiert anlässlich der documenta fifteen 2022 die Ausstellung „Was von 100 Tagen übrig blieb... Die documenta und das Lenbachhaus". Ein Parcours bedeutender Arbeiten aus allen documenta-Ausstellungen von der ersten Ausgabe 1955 bis zur 14. im Jahr 2017 dokumentiert, welche Arbeiten „von 100 Tagen“ in einer musealen Sammlung sichtbar geblieben sind.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Generaldirektorin der Documenta tritt zurück: „Überfälliger Schritt“ | 18.7.2022

Vor gut vier Wochen ist die documenta ist in die schwerste Krise ihrer Geschichte gestürzt, nachdem antisemitische Karikaturen auf dem Großbanner „People’s Justice“ vom indonesischen Kollektiv Taring Padi entdeckt worden sind. Am Samstag dann die Nachricht: Der Vertrag der Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, wird beendet. Darauf verständigte sich der Aufsichtsrat der Documenta in einer Sitzung, die sechs Stunden gedauert haben soll. Die Feuilleton-Seiten der Tageszeitungen kommentieren diese Entscheidung, unsere Kulturmedienschau fasst sie zusammen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Politologin Saaba Nur-Chema zur documenta: Andere Bezüge von Antisemitismus im globalen Süden

Zwar habe der Antisemitismus seine Ursprünge in Europa, sagt die Politologin Saaba Nur-Chema in SWR2. „Aber es ist klar, dass wir es im globalen Süden mit neuen Assimiliationsformen von Antisemitismus zu tun haben, wo tatsächlich mit alten Bildern gearbeitet wird“, sagt Nur-Chema mit Blick auf das Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi bei der Kasseler Kunstmesse documenta.
Man müsse jedoch sehen, dass die Beziehung dieser Gesellschaften zum Staat Israel eine andere sei. Indonesien greife als frühere Kolonie auf andere Erfahrungen zurück. Saaba Nur-Chema arbeitet an der Frankfurter Universität an einem Projekt zu Antisemitismus im Bereich der Erziehung im Vor- und Grundschulalter.
Bei einer Podiumsdiskussion auf der Kasseler documenta hatten über Antisemitismus in der Kunst unter anderem Meron Mendel vom Anne Frank Haus und der Kurator der letzten Documenta, Adam Szymczyk, gesprochen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kunst documenta fifteen: Das Ruruhaus als Keimzelle des Lumbung-Konzepts – Beuys lässt grüßen

Make friends, not art – mit diesem leicht ironischen Satz erhebt das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangruppa den gemeinsamen kreativen Austausch im ruruhaus auf der documenta fifteen in Kassel zur höchsten Kunstform. Das erinnert an Joseph Beuys Einsatz für eine direkte Demokratie, es gibt aber auch Unterschiede.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Antisemitismus: Die Desaster-Documenta

Monatelange Warnungen und Debatten und dann ist es genauso gekommen: Antisemitische Abbildungen auf der Documenta. Der Schaden für die weltweit wichtigste Kunstausstellung ist enorm. Zu allem Überfluss fehlt eine Person, die klar die Verantwortung übernimmt, sagt Jan Tussing im Podcast. Außerdem erklärt Andrea Geier, Kulturwissenschaftlerin von der Uni Trier, die vertrackte Geschichte des Antisemitismus in antikolonialen Kontexten.

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns auf kulturpodcast@swr.de

Host: Philine Sauvageot
Redaktion: Max Knieriemen, Pia Masurczak und Philine Sauvageot  mehr...

STAND
AUTOR/IN
Julia Haungs