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Die Welt der Farben und ihre interkulturellen Unterschiede

„Sonnenlicht bricht. Seine Strahlen empfängt gefallenes Laub. Da in der Mitte des Pfads erblicke ich das junge blaue Gras.“ Ein Kurzgedicht von Akihito, dem langjährigen Kaiser Japans, das 2006 in einer öffentlichen Zeremonie verlesen wurde.

Das Kuriose für unsere westlichen Ohren: Das Gras wird hier – wie in Japan oft - nicht als grün, sondern als blau beschrieben. Das blaue Gras wird häufig als das frische, gerade sprießende Gras bezeichnet, das noch den blauen Schimmer hat.

Man hat das so interpretiert, dass damals der Enkel des Kaisers geboren war, sozusagen der Erbe der Familie. Und dass das blaue Gras, das er erblickt, den jüngsten Spross der Familie bezeichnet.

„Grüner Himmel, blaues Gras“, so hat Kurator Matthias Claudius Hofmann die neue Ausstellung im Frankfurter Weltkulturenmuseum über die Welt der Farben und ihre interkulturellen Unterschiede genannt.

Grüner Himmel - Blaues Gras (Foto: Pressestelle, Wolfgang Günzel)
Armring (Detail), Federn, Rindenbast, Palmblatt und Baumwolle, Kayapó Txukarramãe, Pará, Brasilien, gesammelt von Luiz Boglar, 1988. Pressestelle Wolfgang Günzel Bild in Detailansicht öffnen
Ausstellungsansicht Pressestelle Wolfgang Günzel Bild in Detailansicht öffnen
Stirnband (Detail), Pflanzenmaterial, Prachtkäfer, Mount Hagen, Neuguinea, erworben von R. Diepen, Sepik-Expedition, 1961 Pressestelle Wolfgang Günzel Bild in Detailansicht öffnen
Ausstellungsansicht Pressestelle Wolfgang Günzel Bild in Detailansicht öffnen

Farbwörter sind geprägt vom Kulturraum und der Umwelt

Schon in den 1960er Jahren zeigten Sprachforscher Menschen aus verschiedenen Ländern die gleiche Farbskala und waren verblüfft. Warum sehen die einen einen Lilaton, die anderen einen Rotton, auch wenn sie rein physikalisch den gleichen Frequenzbereich gebrochenen Lichts wahrnehmen?

Farbwörter sind nicht fix, sondern geprägt vom Kulturraum eines Volkes oder der natürlichen Umwelt, etwa von Vögeln oder Früchten – und sie verändern sich.

Nehmen wir das Beispiel Orange. Orange ist kein deutsches Wort, sondern ein eingewandertes Wort, das sich über die Farbe der Frucht festmacht. Wir haben davor den Bereich, den die Orange uns zeigt, als ein gelbes Rot oder ein rotes Gelb bezeichnet. Goethe sprach nicht von Orange, Goethe sprach von Gelbrot.

Farbe ist oft magisch und spirituell aufgeladen

Farbe ist aber viel mehr als Farbe. Denn oft ist sie magisch oder spirituell aufgeladen. Das Museum hat für die Ausstellung vor allem kleinere Objekte aus indonesischen, ozeanischen oder südamerikanischen Kulturräumen zusammengetragen: Muscheln, Federn oder Ketten, auch Schattenfiguren, dazu Kultgegenstände wie Masken oder Kopfbedeckungen.

Nicht nur Stoff und Baumaterial, auch Gesichts- und Körperhaut wird in vielen Ländern rituell bemalt – manchmal auch wegen der heilenden Wirkung.

Farben werden genutzt, um die Welt zu ordnen

Das Urucum, zu Englisch Lipstick-Tree, ist ein Farbstoff, der im Amazonas als Körperbemalung benutzt wird und auch eine Schutzfunktion hat, z.B. gegen Geister oder gegen Krankheiten, der auch in der medizinischen Anwendung eine unglaublich ergiebige Substanz ist und bis in die Krebsforschung hinein auch dann analysiert wird und benutzt wird.

Aber als Lebensmittelfärbemittel wird er auch benutzt, er heißt nicht umsonst Lipstick-Tree. Körperbemalung setzt sich fort über den Amazonas bis in unsere Kultur über den Lippenstift.

Ob wir roten Lippenstift tragen oder eine schwarze Coronamaske, ob für uns Trauerkleidung schwarz oder weiß ist, das Gras blau oder grün: Farben prägen nicht nur unsere Welt, wir nutzen Farben auch, um unsere Welt zu ordnen – überall auf der Erde.

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