Ausstellung „Der gefährliche See“ – Wetterextreme und Unglücksfälle an Bodensee und Alpenrhein

Ausstellung „Der gefährliche See“ – Wetterextreme und Unglücksfälle an Bodensee und Alpenrhein

Gangfischsegi der Ermatinger Fischer (Foto: Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Archiv Werner Stör, Ermatingen)
Es lässt sich erahnen, wie schwer es die Fischer am Bodensee hatten, mit ihren Booten, ohne Motor, auf dem See zurechtzukommen. Das Wetter bereitete ihnen dabei die härtesten Bedingungen. Sommer wie Winter.Auf dem Bild: „Gangfischsegi“ der Ermatinger Fischer zum Felchen-Fang während der Laichzeit im Winter 1930. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Archiv Werner Stör, Ermatingen
Die Fischerboote waren acht Meter lang und eine halbe Tonne schwer: sogenannte Lädinen, die auf dem Bodensee mehrere hundert Jahre lang im Gebrauch waren. Eine davon steht mitten in der Konstanzer Ausstellung (hier ein kleineres Modell). Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Rosgartenmuseum Konstanz
Kurator Tobias Engelsing: „Wenn hier der Föhnsturm darauf knallte oder im Winter ein starker Sturm aufkam und Wasser in solch ein schweres Schiff reinkam, dann kippte es um. Und Fischer konnten bis ins 20 Jahrhundert hinein am Bodensee nicht schwimmen.“Auf dem Bild: Wellengang während eines Föhnsturms vor Langenargen. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Hubert Wegmann
Weit war man entfernt vom Badespaß. Jahrhundertelang war der Bodensee schlicht ein Arbeitsort. Es wurde gefischt, aber vor allem auch transportiert: Personen und Tiere, Baumaterialien und Essen.Auf dem Bild: Zerstörte Eisenbahnbrücke. Schäden des Hochwassers im Rheintal, 1927. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Gemeindearchiv Hard
Wie gefährlich das Leben auf dem See und an den Ufern sein konnte, zeigen Bilder überfluteter Dörfer, beispielsweise auf Stichen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Hier ein überschwemmtes Stadtquartier vor dem Gasthof „Zum Engel“ in Lustenau, 1890. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Staatsarchiv St. Gallen
Trat der See über die Ufer, war das oft eine Katastrophe. Das wild gewordene Wasser nahm Menschen und Vieh die Lebensgrundlage. Hier die Konstanzer Seestraße mit der Badeanstalt der Klinik Dr. Büdingen im Hochwassersommer 1926. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Stadtarchiv Konstanz
Kurator Tobias Engelsing: „Man kann sich vorstellen, dass die Menschen weder etwas zu essen noch frisches Trinkwasser hatten. Das Vieh auf den überfluteten Weiden ist schlicht versoffen.“ In Steckborn gingen Kirchenbesucher im Juni 1926 im Sonntagsanzug über die Hochwasserstege. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Archiv René Labhart, Steckborn
1817 gab es das bis heute schlimmste Hochwasser. Zur Erinnerung daran rahmten die Menschen beispielsweise ein Brötchen ein, das sie zu dieser Zeit für horrendes Geld erwarben. „Die Not sollte konserviert werden“, erklärt dazu Kurator Tobias Engelsing. So sei zum Ausdruck gekommen: „Das war das Schlimmste, was wir alle zusammen erlebt haben.“ Das hölzerne Bildnis des Apostels Johannes wurde seit 1573 bei Seegfrörnen von der Klosterkirche Münsterlingen über das Eis ins deutsche Weinbaudorf Hagnau getragen. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Alexander Stertzik für das Rosgartenmuseum
Ein Kindersarg erinnert daran, dass natürlich auch die Friedhöfe weggespült worden sind. Ein sogenannter Leichenhaken erzählt davon, wie man versucht hat, die Toten im Wasser zu finden. Der Korkring schließlich war die bekannteste Schwimmhilfe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Rosgartenmuseum Konstanz
Doch dann vollzieht sich eine Wende am Bodensee: Der Mensch versucht gegen die unbeherrschbar scheinende Naturgewalt anzukommen. Schon das Dampfschiff brachte ab den 1820er Jahren mehr Geschwindigkeit, aber auch Sicherheit. Natürlich kam es dabei auch zu Unfällen. Hier die Kollision des Dampfschiffs Arenaberg mit der Holzbrücke in Diessenhofen 1911. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Bildarchiv R. Labhart
Das Interesse wuchs, aus Wasserkraft Strom zu gewinnen. Ein großes Wandbild zeigt, wie Konstanz ausgesehen hätte, wenn es nach den Plänen einiger Industrieverbände gegangen wäre. In den 1920er Jahren wollten sie die Stadt am Bodensee zum Industriehafen machen. Man sieht künstliche Hafenbecken für Frachtschiffe, Chemiewerke und einen Flughafen. Dafür hätte man sogar den Rheinfall bei Schaffhausen gesprengt.Auf dem Bild: Das Motorschiff Arenenberg rammte im Hochwasserjahr 1940 ungebremst ein Fischerhaus am Ermatinger Ufer. Die Gangschaltung klemmte. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto. Archiv René Labhart, Steckborn
„Wir können heilfroh sein, dass diese Vorhaben Visionen geblieben sind“, so Kurator Tobias Engelsing. „Zwei Weltkriege haben sie beendet. 1973 haben die Thurgauer in einer Volksabstimmung gesagt: keine Staustufen und keine Wasserkraftwerke in unserem Rhein und in unserem Bodensee.“Auf dem Bild: Johann Ludwig Bleuler, Der Rheinfall von Schaffhausen, um 1850. Kolorierte Lithografie. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Rosgartenmuseum Konstanz
1963 fror zum letzten Mal der gesamte Bodensee zu. Die sogenannte „Seegfrörne“. Hier eine Aufnahme aus der Nähe von Langenargen. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Bildarchiv: Gemeinde Langenargen
Tausende zog dieses Naturspektakel an. Gottesdienste fanden auf dem See statt, Fastnachtsumzüge, Warenhandel und einfach Freizeit. Ein Wetterextrem, das wir angesichts der derzeitigen Klimaveränderungen vermutlich nie mehr erleben werden.Auf dem Bild: Maroni-Verkauf auf dem zugefrorenen See vor Steckborn. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Archiv René Labhart, Steckborn
Es ist ein vielschichtiger Blick, den der Historiker Tobias Engelsing auf den gefährlichen Bodensee und den angrenzenden Alpenrhein wirft. Das Resultat einer jahrelangen Recherche.Auf dem Bild: Hochwasser in Steckborn, 1926. Stadt Konstanz | Städtische Museen - Foto: Bildarchiv: R. Labhart
Engelsing führte Gespräche mit Wissenschaftlern, suchte Quellen in Archiven von über 100 Gemeinden rund um den Bodensee. Dabei sammelte er auch Erinnerungsstücke, hier eine alte Schiffsglocke, dort eine erste Wasserpumpe für Feuerwehreinsätze. Das Bild zeigt eine Eisleiter am Güttinger See im Januar 2019. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Katrin Schurrer
Mit seinem Blick zurück will Engelsing vor dem Hintergrund des aktuellen Klimawandels auch die Frage nach dem Jetzt und heute stellen: „Wie sehe ich die Natur? Ist es etwas Distanziertes, das ich beherrschen will? Oder ist die Natur ein Teil und eine Vorausetzung unseres guten Lebens? Und ist es deshalb auch eine wichtige Vorrausetzung, gut mit ihr umzugehen?“Auf dem Bild: Sonntagsvergnügen auf dem Eis vor Steckborn, 1929. Stadt Konstanz |Städtische Museen - Foto: Archiv René Labhart, Steckborn
STAND