Fotografie

Biennale für aktuelle Fotografie: „From where I stand“ ist monumental

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Es ist das größte Foto-Ausstellungsprojekt des Jahres im Südwesten und ein ambitioniertes Vorhaben: Die Biennale für aktuelle Fotografie mit sechs Ausstellungen in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen vom 19. März bis 22. Mai 2022. Unter dem Motto „From Where I Stand“ – „Von dort, wo ich stehe“ – widmen sich 36 Künstlerinnen und Künstler aus vier Kontinenten Ursachen und Folgen der Zerstörung unseres Planeten und zeigen auch Gegenstrategien auf.

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Eine begehbare visuelle Enzyklopädie

Die sechs Ausstellungen liefern zusammen keine opulente Bilderschau, dafür aber viel Analyse dessen, was in Sachen Umwelt und Ressourcenverbrauch schiefläuft.

Im Grunde genommen geht es um eine begehbare visuelle Enzyklopädie. Um in den Bilderfluten nicht zu ertrinken, muss sich der Betrachter immer wieder auf englische Texte einlassen. Etwa wenn es in der Mannheimer Kunsthalle um „Contested Landscapes“, also um „Umkämpfte Landschaften“ geht, wie zum Beispiel in der Fotoserie von Lisa Barnard über die Jagd nach Gold. Gezeigt werden Fotos einer peruanischen Goldmine mit Fußballkunstrasenplatz, dazu das mit Gold unterlegte Porträt einer Minenarbeiterin.

Biennale für aktuelle Fotografie - From Where I stand (Foto: SWR, Eberhard Reuss)
Foto von Lisa Barnard: Bergarbeiterin einer peruanischen Fairtrade Goldmine Eberhard Reuss

Überdimensionale Farbfotos von digital optimierten Menschen

Schauplatzwechsel nach Ludwigshafen, wo das Wilhelm-Hack-Museums nach eineinhalb Jahren Schließzeit wegen Brandschutzsanierung wiedereröffnet wird, mit der Ausstellung „Shaping Data“. Also „Daten gestalten“ – um am Ende den neuen, optimierten Menschen zu schaffen?

Bei der Nonstop-Videoinstallation „The Shielding“ - „Die Abschirmung“ läuft auf fünf mit Rohrleitungen verbundenen Großbildschirmen das, was Salvatore Vitale aus 800 Stunden Online-Propaganda aus China und Europa mit Hilfe künstlicher Intelligenz destilliert hat. Mathieu Gafsou steuert überdimensionale Farbfotos von digital optimierten Menschen bei.

Biennale für aktuelle Fotografie - From Where I stand (Foto: SWR, Eberhard Reuss)
Hauptbahnhof Heidelberg - Bilder von Menschen aus dem Amazonas-Regenwald von Ecuador, die seit Jahren Widerstand gegen die Förderung von Erdöl leisten - hier: Misha Vallejo Prut, aus der Serie Secret Sarayaku, 2021 Eberhard Reuss Bild in Detailansicht öffnen
Hauptbahnhof Mannheim - Anna Ehrenstein, aus der Serie Tools for Conviviality, 2018-2020 Eberhard Reuss Bild in Detailansicht öffnen
Foto von Lisa Barnard: Bergarbeiterin einer peruanischen Fairtrade Goldmine Eberhard Reuss Bild in Detailansicht öffnen
Yang Wan Preston / Biotop unter chinesischer Stadtautobahn Eberhard Reuss Bild in Detailansicht öffnen
Kuratorin Iris Sikking Eberhard Reuss Bild in Detailansicht öffnen
Direktor René Zechlin, Wilhelm-Hack-Museum, nach 1 ½ Jahren Schließung und 2,9 Mio. Euro Sanierung, Wiedereröffnung mit der Internationalen Foto-Biennale Eberhard Reuss Bild in Detailansicht öffnen

Manche der Fotokünstler*innen sind längst auf dem neuen Krisenschauplatz Ukraine unterwegs


Vor zwei Jahren hat Iris Sikking diese Internationale Foto Biennale als Kuratorin in Angriff genommen. Klimakatastrophe und Umweltschutz – das war der Ansatz. Und das sollte das Thema sein, das diesen Planeten bewegt. Und jetzt scheint der Krieg in der Ukraine alles zu relativieren. Doch manche dieser Fotokünstler, deren Arbeiten auf der Internationalen Foto Biennale gezeigt werden, sind längst auf dem neuen Krisenschauplatz unterwegs.

Fotografie „Vom Kommen, Gehen und Bleiben“ im Goethe-Institut Mannheim macht Einwanderer-Biografien sichtbar

Der Fotograf Mirko Müller kann sich noch gut an den Fototermin mit Pandora erinnern. Als junge Frau kam sie aus Mazedonien nach Deutschland, weil ihr Mann hier als Gastarbeiter einen Job gefunden hatte. Gerne wäre sie irgendwann zurück gegangen in die alte Heimat, aber ihre Kinder und Enkelkinder sind in Deutschland zu Hause und sie möchte natürlich bei ihnen sein. Ihr Fotoportrait ist Teil des Projekts „Vom Kommen, Gehen und Bleiben“, an dem Mirko Müller seit 3 Jahren arbeitet. Er hat sich auf die Suche nach denen gemacht, die mit dem ersten Anwerbeabkommen seit 1955 in die noch junge, wirtschaftlich aufstrebende Bundesrepublik Deutschland gekommen sind. Die meisten Menschen, die er getroffen hat, haben sich gefreut, dass sich ein junger Student für sie interessiert. Und sie haben sich gerne von ihm fotografieren lassen. Viele haben ihre Lebensgeschichte nur in ihrer Muttersprache erzählen können, sagt Mirko Müller. Die Übersetzungen finden sich aber im Ausstellungsteil, der im Goethe-Institut Mannheim zu sehen ist. Die Sprache war oft ein wichtiges Thema bei den Gesprächen, erzählt Mirko Müller. Denn bei ihrer Ankunft in Deutschland konnte fast keine der Frauen und Männer Deutsch. Ob und wie gut sie dann Deutsch gelernt haben, war für ihr Leben in der neuen Heimat sehr prägend, sagt der Fotograf. Das Projekt wurde immer größer und Mirko Müller war froh, als er mit dem Zentrum für internationale Kulturelle Bildung am Goethe-Institut Mannheim einen Partner fand, mit dem er das Ausstellungsprojekt entwickeln konnte. Und es soll noch weiter gehen. Mirko Müller und das Goethe Institut Mannheim rufen alle, junge und alte, dazu auf, ihre Geschichte, wie sie nach Deutschland kamen, zu erzählen. Das kann auf alle denkbaren Wegen geschehen, schriftlich, via E-Mail oder als gesprochene Textnachricht.  mehr...

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