Raubkunst

Königliche Delegation aus Kamerun fordert im Linden-Museum Stuttgart Rückgabe von Objekten

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Silke Arning

Nachdem im August ein offizieller Rückgabe-Antrag beim Land Baden-Württemberg eingereicht wurde, hat der König der Nso, der Fon, das Stuttgarter Völkerkundemuseum besucht. Mehrere Objekte, die zur Sammlung des Linden-Museums gehören, stammen offensichtlich aus dem Besitz des Nso-Volkes. Der König hofft auf eine Rückgabe bereits im Februar nächsten Jahres.

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Eine königliche Delegation fordert in Stuttgart die Rückgabe heiliger Artefakte

Er habe sehr gemischte Gefühle, lässt Fon Sehm Mbinglo I. wissen. Er sei glücklich, diese Objekte zu sehen, zugleich mache es ihn traurig, diese Dinge hier in Deutschland im Museum zu wissen.

Dreimal klatscht der Übersetzer sowohl vor als auch nach der Rede des höchsten Repräsentanten der Nso in die Hände. Das Gespräch folgt einem strengen Ritual: eine direkte Ansprache ist nicht erlaubt. Trotzdem ist die Atmosphäre keinesfalls steif: Der Fon gibt sich auf seine Art zugewandt. Kinder, die zur Gruppe um den König gehören, wuseln durch den Raum im Stuttgarter Linden-Museum.

Linden-Museum Stuttgart  (Foto: IMAGO, Arnulf Hettrich)
Als Staatliches Museum für Völkerkunde beherbergt das Linden-Museum Stuttgart auch eine Vielzahl von Exponaten, deren rechtmäßiger Erwerb aus heutiger Perspektive neu zu bewerten ist. Arnulf Hettrich

Die Nso-Objekte in im Museum zu sehen, ist ein Sakrileg, sagt Künstlerin Sylvie Njobati

Doch die Sache, um die es geht, ist ernst. Wie ernst, das weiß Sylvie Njobati. Die Künstlerin hat eine Kampagne zur Rückgabe besonders wertvoller Nso-Objekte gestartet. Diese Dinge in der Öffentlichkeit im Museum zu sehen, das sei einfach falsch.

„Ich kann kaum ausdrücken, wie falsch das ist. Es ist ein Sakrileg. Es ist Respektlosigkeit gegenüber uns als Menschen, gegenüber unserer Kultur. Es ist eine Missachtung der Menschheit, unseres kulturellen Rechts.“

Es geht nicht einfach nur um museale Ausstellungsstücke

Einige der Objekte sind heilig und dürfen nach dem Verständnis der Community auf keinen Fall in der Öffentlichkeit gezeigt werden, weil sie spirituell besonders aufgeladen sind. So zum Beispiel der königliche Thron, meint Sylvie Njobati: „Der Thron ist die letzte Verbindung, die der König mit seinem Volk hat, wenn er stirbt. ER wird mit ins Grab genommen und wieder herausgeholt, wenn ein neuer Fon inthronisiert wird.“ 

Zu den heiklen Ausstellungsstücken gehört auch eine mit Glasperlen bestückte, königliche Mütze, die dem Fon erst Macht und Autorität verleiht. Das macht deutlich, dass sich bei den anstehenden Rückgabe-Gesprächen nicht nur um einzelne Gegenstände handeln kann. Er könne daher keine Auswahl treffen, lässt König Sehm Mbinglo I. wissen. 

Die königliche Delegation zu Gast in Stuttgart:

A difficult moment for the Fon and team as they go through our heritage held at the Linden-Museum Stuttgart The reconnection process has begun and we hope for the right decision.Posted by Bring Back Ngonnso on Thursday, November 17, 2022

Das Volk erwarte, dass alle Gegenstände wieder zurückkehren

Der Fon fügt sehr realistisch hinzu: Damit werde man auf einmal wohl kaum rechnen können. Dass seine königliche Hoheit mit dieser Einschätzung nicht ganz falsch liegt, unterstreicht ein offizielles Statement von Baden-Württembergs Kunstministerin Petra Olschowski.

Sie zeigt sich grundsätzlich sehr aufgeschlossen gegenüber den Anliegen der Nso. Man sei dankbar für neue Informationen, die zur Geschichte der Objekte beitragen und werde das Rückgabebegehren mit großer Sorgfalt bearbeiten. Zugleich weist das Ministerium daraufhin, dass beim Land Baden-Württemberg als auch bei weiteren Museen ähnliche Rückgabe-Gesuche verschiedener kamerunischer Gruppen eingegangen sind.

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Die Ankündigungen von Museum und Ministerium sind schwer mit den Erwartungen der Nso in Übereinklang zu bringen

Bei seinem Besuch in Stuttgart entwickelte der Fon, der König, bereits einen konkreten Fahrplan: Im Februar nächsten Jahres will er eine Delegation nach Stuttgart schicken, um möglichst alle oder doch zumindest die heiligen Objekte, die nicht öffentlich gezeigt werden dürfen, wieder nach Hause zu holen.

Die Künstlerin und Restitutionsaktivistin Sylvie Njobati, die schon seit Jahren für die Rückgabe kolonialen Raubguts kämpft, ist da eher skeptisch. Doch in einem anderen Punkt zeigt sie sich sehr entschieden: „Wir hoffen sehr, dass nach unserem Besuch im Linden-Museum unserem Wunsch entsprochen wird, dass diese Objekte aus der Ausstellung genommen werden.“

Der König habe eine Wiederverbindung, eine Art spirituelles Ritual ausgeführt. Darum sei es wichtig, so Njobati, dass diese heiligen Objekte jetzt aus der Ausstellung entfernt werden.

Lindenmuseum Stuttgart

Zur Ausstellung "Schwieriges Erbe. Linden-Museum und Württemberg im Kolonialismus" bietet das Linden-Museum auf Youtube ein Werkstattgespräch am 13. Januar 2021 ab 19:30 Uhr an.

Gespräch Baden-Württemberg gibt Benin-Bronzen aus Linden-Museum Stuttgart zurück

Nach gut 125 Jahren ist es soweit: Ein Teil der 1897 aus dem damaligen Königreich Benin gestohlenen Kunstschätze soll in die Eigentümerschaft des heutigen Nigeria übergehen. Konkret geht es dabei um 70 Objekte, die im Linden-Museum in Stuttgart zu sehen sind. ,,Eine längst fällige Rückgabe", sagt die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Petra Olschowski im Gespräch mit SWR2, ,,es ist ein Unrecht, das wir nicht ungeschehen machen können, das wir sehr wohl aber wieder gutmachen wollen."
Rund 25 Objekte sollen als Leihgabe in Stuttgart bleiben.

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Es sind meistens nur einige wenige aktuelle Schlagzeilen, die der Situation der tamilischen Bevölkerung in unseren Medien gewidmet werden. Vieles ist unbekannt, die politischen Hintergründe zu den immer wieder aufflackernden Unruhen in Sri Lanka eher verschwommen. Das Stuttgarter Linden-Museum füllt diese Lücke jetzt mit einer umfassenden Ausstellung zu Geschichte, Kultur und Religion der Tamilinnen und Tamilen vor allem in Indien, aber auch in der weltweiten Diaspora. Eine überraschende, eine vielstimmige Ausstellung, die auch Betroffene selbst zu Wort kommen lässt.

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Silke Arning