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Bending Spaces: John Chamberlain-Ausstellung im Ludwig Museum Koblenz Zerknautschte Autos

Von Henning Hübert

Berühmt wurde er mit Skulpturen aus ausrangierten Cadillacs. Der US-Amerikaner John Chamberlain gilt als einer der Wegbereiter der Pop-Art. Eine Auswahl seiner Metallskulpturen und Fotografien ist jetzt im Ludwig Museum Koblenz zu sehen. "Bending Spaces", gebogene Räume, ist ein guter Titel für verblüffende Raumwirkungen.

Zerschnittene Chromteile eines amerikanischen Straßenkreuzers

Zu Beginn gibt es einen typischen Chamberlain: Ein Knäuel aus verbogenen Autoblechen und zerschnittenen Chromteilen eines amerikanischen Straßenkreuzers eröffnet die Ausstellung. Zuerst wirken die verbogenen Streifen schroff, scharfkantig und klobig - mit etwas Abstand aber auch filigran, wie die Wellen einer Frisur, die sich gerade öffnet.

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Skulpturen und Fotos von John Chamberlain

Bending Spaces

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Eindrücke aus der Ausstellung, rechts hinten: "Hairlesschiffon" ist mehr als drei Meter hoch und aus Alufolie

Eindrücke aus der Ausstellung, rechts hinten: "Hairlesschiffon" ist mehr als drei Meter hoch und aus Alufolie

Ein Knäuel aus verbogenen Autoblechen und zerschnittenen Chromteilen eines amerikanischen Straßenkreuzers

Verdrehte dünne Alufolie, beschwert mit Bleigewichten

Ohne Titel, 1970 - Urethanschaum und Schnur 22,86 x 33,02 x 35,56 cm

Tu MAMUSE, 2006 - Bemalter und verchromter Stahl 30,5 x 33 x 33 cm

MADONNA JUANA, 2006 - Bemalter und verchromter Stahl - 125 x 89 x 131 cm

Barnumizick, 2006 - Bemalter und verchromter Stahl, 33 x 51 x 18 cm

Ohne Titel, 1995 - Fotografie 50,8 x 61 cm

Ohne Titel, 1995 - Fotografie 50,8 x 61 cm

Studio, 1994 - Fotografie 50,8 x 61 cm

Dutch Lights, 1990 - Fotografie 50,8 x 61 cm

Me-Portrait, 1990, Fotografie 50,8 x 61 cm

Laperouse Paris, 1989, Fotografie, 50,8 x 61 cm

Auch die größte gezeigte Metall-Skulptur hat etwas Leichtes: "Hairlesschiffon" heißt sie, ist ganz pink und mehr als drei Meter hoch. Bestehen die riesigen verdrehten Würste aus dünner Alufolie? Kuratorin und Museumsleiterin Beate Reifenscheid klopft das Material ab - es ist hohl. "Unten ist es mit Blei beschwert. Deshalb wiegt es dann letztendlich doch eine Tonne."

Erben des Künstlers bestehen auf 24-Stunden-Überwachung

Mit dem verwendeten, etwas dickeren Alublech könnte dieses Knäuel aus der letzten Schaffensphase John Chamberlains auch im Außenbereich stehen. Doch die Erben des 2011 verstorbenen Künstlers haben als Leihgeber auf einer 24-Stunden-Bewachung bestanden, und die kann sich das Museum Ludwig nicht leisten. Also findet die John-Chamberlain-Ausstellung komplett im Inneren des Museums am Deutschen Eck statt.

Ausstellung - John Chamberlain in Koblenz

Ohne Titel, 1970 - Urethanschaum und Schnur 22,86 x 33,02 x 35,56 cm


Zwei seltene kleine Schaumstoff-Skulpturen stehen sogar geschützt unter Glas. Auch hier wieder Knoten, Falten, Wülste, wild verformt und nach rund 50 Jahren auch etwas vergilbt. Zunächst sei das ein abseitiges Werk, meint Beate Reifenscheid. "Eigentlich bezieht man Schaumstoff erstmal. Dann wird daraus ein Sofa, ein Sessel oder eine Matratze. Aber - und darüber ist er vielleicht daran gekommen - es ist natürlich ein Material, das in Autos verarbeitet wird."

Verwackelte Bilder, aufgenommen mit analoger Kamera und Schwenkkopf

Rund um die Skulpturen hat Beate Reifenscheid ungefähr 80 Fotoarbeiten des US-Künstlers gehängt, durchweg große Querformate, oft in sehr grellen Farben, mit Schlieren oder hellen Streifen. Nur der Katalog verrät etwas über die Entstehung der verwackelten Bilder, erklärt, wie die Verwischung der Strukturen gelang: Chamberlain hat über viele Jahre hinweg mit einer analogen Panoramakamera samt Schwenkkopf gearbeitet.

Ausstellung - John Chamberlain in Koblenz

Me-Portrait, 1990, Fotografie 50,8 x 61 cm

Ein Fluss von Raum und Zeit in statischen Bildern

Mit ihr erfasste er seine Umgebung im 150-Grad-Winkel. Das ergibt verblüffende Raumwirkungen im eigentlich Zweidimensionalen, in Motiven aus Atelier oder Reisen.

Auf Chamberlains Fotoabzügen scheinen auch Raum und Zeit in Fluss zu geraten: "Dadurch, dass er die Kamera bewegt, übersetzt er die Bewegung in das Foto", erklärt Beate Reifenscheid. "Dadurch, dass das meiste sehr unscharf ist, hat der Betrachter immer das Gefühl: Ich muss mich jetzt erstmal da reintasten."

Selbst Unbewegliches wie ein Oberlicht gerät in Bewegung

Der Betrachter kann versuchen zu enträtseln, was Chamberlain alles vor die Linse seiner Panoramakamera lief: schemenhafte Restaurantgäste, ein Kellner, eine Katze. Und im eingeschneiten St. Moritz 2001 sind sie wieder da in seinem Werk: Autos.

Selbst Unbewegliches gerät durch seine Handschrift, die Wackeltechnik, auf den Fotos in Bewegung: Hängelampen, ein Oberlicht oder auch die abgelichteten Skulpturen aus seinem Atelier.

Schöne Brückenschläge vom Fotografen zum Bildhauer. Was seine Kunst bedeutet, wollte John Chamberlain zeitlebens nicht erklären. Das Ludwig Museum Koblenz will es auch nicht. Sondern baut – wie er – ganz auf die Wirkung von Material, Farbe, Licht und Struktur.


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